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: Der Mythos von der japanischen Schamkultur

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Wie gängig die im Begriff der Scham vorgeprägte Verengung auf genitale Scham und Sexualität seit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist, hat Nobert Elias bestätigt, als er den europäischen Zivilisationsprozess durch die Verringerung von Aggressivität bei gleichzeitiger Erhöhung der Schamgrenzen ...

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          Wie gängig die im Begriff der Scham vorgeprägte Verengung auf genitale Scham und Sexualität seit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist, hat Nobert Elias bestätigt, als er den europäischen Zivilisationsprozess durch die Verringerung von Aggressivität bei gleichzeitiger Erhöhung der Schamgrenzen beschrieb, ebenso der Ethnologe Hans Peter Duerr, der im Widerspruch dazu betonte, der schamhafte Blick auf die Geschlechtsteile sei eine Epochen und Kulturen übergreifende Angelegenheit. Gängig wie diese Verengung einer Empfindung von Andersartigkeit, die nach Sartre "einen Aspekt meines Seins" entdecken und "mich die Situation eines Erblickten" erleben lässt, ist im kulturwissenschaftlichen Kontext die gleichfalls verengende Unterscheidung zwischen Schuld- und Schamkulturen.

          Verbunden wurde sie häufig mit der Annahme eines moralisch höheren Wertes sogenannter Schuldkulturen, wo nicht nur die Mitwelt, sondern auch das eigene Gewissen zur Richtschnur des Handelns dient, und einer tendenziellen Fortentwicklung von Scham- zu Schuldkulturen. Erwähnung findet die Unterscheidung erwartungsgemäß auch mehrfach in dem von der evangelischen Theologin Michaela Bauks und dem Philosophen Martin F. Meyer herausgegebenen Band "Zur Kulturgeschichte der Scham" (Archiv für Begriffsgeschichte. Sonderheft 9. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011). Mit seinen gedanken- und materialreichen, vor allem ideengeschichtlich relevante Standpunkte erörternden Beiträgen, zu Augustinus, Hume, Kant oder Kierkegaard, will dieser zwar keine fertige Theorie liefern, wie die Herausgeber in der Einleitung schreiben, aber Leser doch mit Material zu konkreten Schamerfahrungen und deren theoretischer Reflexion ausstatten, was ihm gewiss gelingt.

          Nicht erfunden, aber doch wissenschaftlich populär gemacht hat die erwähnte Unterscheidung die amerikanische Anthropologin Ruth Benedict durch ihr im Jahr 1946 im Original erschienenes Buch "Chrysantheme und Schwert", das sich den Grundmustern der als Schamkultur charakterisierten japanischen Gesellschaft widmete. Als Meisterwerk der "armchair-ethnology" charakterisiert der Soziologe Clemens Albrecht die ebenso erfolg- wie folgenreiche Studie; ihr Unterscheidungsmuster habe eine Eigenlogik entwickelt, "die weniger empirisch als epistemologisch plausibel" sei ("Anthropologie der Verschiedenheit, Anthropologie der Gemeinsamkeit. Zur Wirkungsgeschichte der Unterscheidung von Scham- und Schuldkulturen"). Auf einer im Auftrag der amerikanischen Regierung verfassten Studie aufbauend, verfasste Ruth Benedict ihr Werk nämlich allein auf ´der Grundlage von Interviews mit japanischen Einwanderern und umfangreichem Literaturstudium, besonders japanischer Dichtung, da sie das Land kriegsbedingt nicht bereisen konnte.

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