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: Blinde Luchsäugige

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"Galileo Galilei Linceo" - mit dieser Bezeichnung stellte sich jeweils der berühmte Hofphilosoph und Mathematiker des toskanischen Großherzogs auf den Titelseiten seiner Schriften vor, wobei der Titel "Linceo" auf die Mitgliedschaft bei der "Accademia dei Lincei" hinweist. Dank Galilei hat diese Akademie ...

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          "Galileo Galilei Linceo" - mit dieser Bezeichnung stellte sich jeweils der berühmte Hofphilosoph und Mathematiker des toskanischen Großherzogs auf den Titelseiten seiner Schriften vor, wobei der Titel "Linceo" auf die Mitgliedschaft bei der "Accademia dei Lincei" hinweist. Dank Galilei hat diese Akademie nicht nur im historischen Gedächtnis überlebt, sondern ist in der heutigen Italienischen Akademie der Wissenschaften wiederauferstanden. Sie nennt sich ebenfalls "Accademia dei Lincei".

          Diese Akademie wird irrtümlicherweise immer wieder als frühster Vorläufer der Royal Society, der Académie des Sciences und anderer wissenschaftlicher Akademien genannt, doch ist ihr Wesen merkwürdig und schwer zu deuten. Sie geht auf den im Jahre 1603 gefaßten Entschluß eines unglücklichen römischen Adligen zurück, des achtzehnjährigen Marquis und späteren Prinzen Federico Cesi, mit drei Freunden eine Geheimgesellschaft zu gründen. Vom Frontispiz eines Buches des neapolitanischen Gelehrten Giovan Battista Della Porta entlehnten sie den Luchs, ein angeblich mit einem durchdringenden Blick ausgestattetes Tier, und nannten sich "die Luchsäugigen" (I Lincei).

          Die Statuten, die sich die vier Freunde gaben, verbanden die Erforschung von Naturrätseln mit mönchischem Gehabe und gewissen Elementen einer stark empfundenen Männerfreundschaft. Von den drei Freunden des jungen Adligen wurde der labile holländische Arzt Johannes van Heeck, der einen rivalisierenden Apotheker erstochen hatte, vom alten Marquis Cesi sogleich aus dem Land gejagt. Der zweite, ein Adliger namens Anastasio de Filiis, starb 1608. Übrig blieb Francesco Stelluti, der sich in der Folgezeit als versierter Forscher entpuppte. Schon nach wenigen Jahren schien von dieser Akademie somit nichts mehr übrig zu sein, falls überhaupt außer Träumen je etwas dagewesen sein sollte.

          Doch 1610 belebte sich das Projekt plötzlich wieder. Erst wurde der verehrte, unterdessen zweiundsiebzigjährige Della Porta zum Mitglied erkoren, ein Jahr später der dank seiner Himmelsbeobachtungen über Nacht berühmt gewordene Galilei und danach in rascher Folge eine Reihe von neapolitanischen und deutschen Gelehrten, deren wissenschaftlicher Rang erwiesen war. Diese plötzliche und beeindruckende Belebung der Akademie ist nicht einfach zu verstehen, vor allem bleibt es ein Rätsel, weshalb Männer vom Kaliber eines Galilei und Della Porta sich dieser weitgehend inexistenten Akademie überhaupt haben anschließen mögen und sich ihrer Mitgliedschaft auch noch rühmten.

          Bei der Beantwortung dieser Frage wird man jedenfalls nicht außer acht lassen dürfen, daß Prinz Cesi mit einigen der wichtigsten Papstfamilien verwandt war und in diesen gefährlichen gegenreformatorischen Zeiten der Zensur Zugang zu den vatikanischen Wachhunden der Orthodoxie hatte. Diese Verbindungen sollten vor allem Galilei zugute kommen. Es ist eine nicht uninteressante Frage, ob Galilei vor der Inquisition hätte abschwören müssen, wenn im Jahre 1633 Cesi noch gelebt hätte. Doch der Prinz war 1630 gestorben und die Akademie mir ihrem Patron erloschen.

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