https://www.faz.net/-gwz-y8kj

: Biblia Americana

  • Aktualisiert am

Die deutsche Theologie ist auf dem Weltmarkt schon längst keine Marktführerin mehr. Biblische Exegese und Kirchengeschichte sind globale Unternehmungen, in denen hiesige Wissenschaftler immerhin noch kleinere Segmente besetzen. Davon dürfen die in ihren kleindeutschen Debatten verfangenen Systematischen Theologen allenfalls träumen.

          3 Min.

          Die deutsche Theologie ist auf dem Weltmarkt schon längst keine Marktführerin mehr. Biblische Exegese und Kirchengeschichte sind globale Unternehmungen, in denen hiesige Wissenschaftler immerhin noch kleinere Segmente besetzen. Davon dürfen die in ihren kleindeutschen Debatten verfangenen Systematischen Theologen allenfalls träumen. Weltweit wächst das Christentum, ohne jedoch dafür wissenschaftliche Reflexion zu benötigen - jedenfalls nicht das, was man in Deutschland dafür hält. Vielleicht entsteht irgendwann etwas Ähnliches in Fernost oder Afrika.

          Zurzeit werden die Hauptgeschäfte noch in den Vereinigten Staaten getätigt. Will die deutsche Theologie überleben, muss sie einen Zugang zu diesem Markt gewinnen. Das gilt nicht nur für Universitätstheologen, sondern auch für Verlage. Das ehrwürdige Haus Mohr Siebeck unternimmt dafür nun einen durchaus spektakulären Versuch. Nicht mit marktgängiger Erbauungsliteratur oder pastoraltheologischen "How to"-Fibeln, sondern mit höchster deutscher Editionskunst möchte es amerikanische Kunden finden. So legte der Verlag unlängst den ersten von insgesamt zehn Bänden der "Biblia Americana" von Cotton Mather vor, die er in Kooperation mit einer Reihe amerikanischer Institute sowie dem Verlag Baker Academic erarbeitet hat.

          Cotton Mather (1663 bis 1728), hierzulande gänzlich unbekannt, ist eine Gründungsfigur der amerikanischen Religionskultur. Als Prediger in Boston war er der bedeutendste puritanische Theologe der dritten Einwanderergeneration. Berühmt, aber auch berüchtigt wurde er durch sein Engagement im Freiheitskampf der Siedler gegen die englische Krone, aber auch durch seine Beteiligung an den Hexenprozessen von Salem. Seine "Biblia Americana", die als Manuskript 4500 Folio-Seiten füllt, ist der erste amerikanische Bibelkommentar. Vergeblich hatte Mather versucht, sie zu veröffentlichen. Denn in Neuengland gab es damals keinen Verlag, der solch ein Vorhaben hätte umsetzen können. Es musste erst dreihundert Jahre später ein Tübinger Verlag kommen, damit sein dringlichster Gebetswunsch in Erfüllung geht. Der erste Band zur Genesis, den als "General Editor" Reiner Smolinski (Atlanta) und als "Executive Editor" Jan Stievermann (Tübingen) verantworten, umfasst 1300 Seiten und enthält mehr, als man verlangen kann: eine saubere Texterstellung, eine Einführung in der Länge einer kleinen Monographie, eine durchgängige Kommentierung sowie einen umfänglichen Anhang und natürlich - für amerikanische Verhältnisse besonders ungewöhnlich - eine sehr schöne und solide Buchgestaltung ("Biblia Americana. America's First Bible Commentary. A Synoptiv Commentary on Old and New Testaments, Volume 1: Genesis", hrsg. von Reiner Smolinski, Mohr/Siebeck, Tübingen 2010).

          Mather gliedert sein Bibelbuch nach einem alten katechetischen Muster, nämlich dem Wechsel von Fragen und Antworten. Diese beschränken sich nicht auf eine Exegese der Heiligen Schrift, sondern greifen auf den gesamten Bereich des damaligen Wissens aus. So gehen Bibelkunde, Philologie, Dogmatik, Naturwissenschaft, Kulturkunde, philosophisches Grübeln und pietistische Spekulation eine einzigartige Verbindung ein. Dabei schöpft Mather aus den Tiefen der Tradition, zitiert Kirchenväter, Reformatoren, rabbinisches Schrifttum, setzt sich jedoch genauso intensiv mit den wichtigsten Gegenwartsautoren des beginnenden Zeitalters der Kritik auseinander.

          Mathers "Biblia Americana" ist also weit mehr als ein bloßer Bibelkommentar, sondern die persönliche Enzyklopädie eines puritanischen Universalgelehrten, dessen nordamerikanische Heimat keineswegs eine abgelegene Wildnis war. Dieses gigantische Gesamtkunstwerk liest sich mal erstaunlich, mal ermüdend, dann wieder wunderlich oder tiefsinnig. Ein Umberto Eco müsste an Mathers Antworten auf selbstgestellte Fragen wie derjenigen nach der Höhe des babylonischen Turms oder der genauen Zahl der Sprachen, die Gott schuf, um seine Vollendung zu verhindern (die Antwort lautet: 21), seine reine Freude haben.

          Für amerikanische Leser sollte diese Edition interessant sein, weil sie belegt, dass der klassische amerikanische Puritanismus eben keine orthodoxe Trutzburg bildete, sondern einen eigenen Weg in die theologische Moderne wies. Sich dieses langen, verschlungenen Weges zu vergewissern und dabei die geistige Weite sowie intellektuelle Vitalität der eigenen Urväter wiederzugewinnen, könnte für den heutigen amerikanischen Evangelikalismus nicht von Schaden sein. Er könnte sich von Mathers Gesprächsfähigkeit anstecken lassen, der ganz unbefangen christlichen Glauben und kritisches Gegenwartsdenken verknüpfte und Gott dafür lobte, dass dies möglich sei: "Eine philosophische Religion, und doch wie Evangelisch!"

          Deutschen Theologen könnte diese Edition die Augen dafür öffnen, dass es neben der neuprotestantischen Meistererzählung, wonach ein aufgeklärtes Theologisieren ein deutsches Sondergut sei, noch ganz andere Klassikergeschichten gibt, die noch längst nicht zu Ende erzählt sind. So kann man nur hoffen, dass diese Edition von Cotton Mathers "Biblia Americana" ein Erfolg wird, und zwar nicht nur in verlegerischer Hinsicht.

          JOHANN HINRICH CLAUSSEN

          Weitere Themen

          Von Hölzken auf Stöcksken

          Netzrätsel : Von Hölzken auf Stöcksken

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: Wer kann schneller frei assoziieren?

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.
          Regula Rytz, Präsidentin der Grünen Partei, wirft ihren Wahlzettel in eine Wahlurne.

          SVP bleibt stärkste Kraft : Grüne legen bei Schweizer Parlamentswahl deutlich zu

          Bei der Parlamentswahl in der Schweiz gab es Verschiebungen: Die rechtskonservative SVP bleibt zwar stärkste Kraft, konnte aber nicht mehr so gut punkten. Den größten Zuwachs verzeichnen die Grünen – in die Landesregierung schaffen sie es jedoch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.