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: Auch Farbenblinde sehen etwas, was du nicht siehst

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Postkoloniale Studien sind aus den Kulturwissenschaften kaum mehr wegzudenken und haben auch hierzulande einen festen Platz in universitärer Lehre und Forschung erobert. Vor allem in den Vereinigten Staaten tätige postcolonial scholars genießen inzwischen eine Art globalen Kultstatus. Viele von ihnen, ...

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          Postkoloniale Studien sind aus den Kulturwissenschaften kaum mehr wegzudenken und haben auch hierzulande einen festen Platz in universitärer Lehre und Forschung erobert. Vor allem in den Vereinigten Staaten tätige postcolonial scholars genießen inzwischen eine Art globalen Kultstatus. Viele von ihnen, wie Gayatri Chakarvorty Spivak, Homi Bhabha oder Achille Mbembe, gehören zur Kategorie der Diaspora-Intellektuellen, die aus der nicht-europäischen Welt stammen und ihre Herkunft als Ausweis ihrer intellektuellen "street credibility" auch immer wieder betonen, zugleich aber fest in den oberen Etagen der nordamerikanischen Universitäten eingebunden sind.

          Zwar gab es in den vergangenen drei Dekaden diverse Versuche, dem eklektischen Charakter des Begriffs "Postkolonialismus" beizukommen, allerdings sehen die meisten Protagonisten Postkolonialismus weder als Theorie noch als Methode, sondern eher als fruchtbares Instrument zur Bearbeitung diverser Untersuchungsgebiete. Im Zentrum der mit diesem Feld verbundenen Studien stehen jedenfalls der lange und komplexe Prozess des Kolonialismus, die damit verknüpften kulturellen und wissenschaftlichen Praktiken sowie deren dauerhafte Auswirkungen in den ehemaligen Kolonien wie in Europa.

          Charakteristisch für das Gros der postkolonialen Studien ist ihre theoretische Promiskuität. In der Regel wird eine ganze Armada von Geistesgrößen aufgeboten, die so unterschiedliche Köpfe wie - eine kleine Auswahl in alphabetischer Reihenfolge - Althusser, Bachtin, Bourdieu, Fanon, Foucault, Gramsci, Heidegger, Lacan und Lyotard umfasst. Ironischerweise offenbarten wenige dieser Autoren, von Frantz Fanon und Pierre Bourdieu einmal abgesehen, auch nur das leiseste intellektuelle Interesse am europäischen Kolonialismus oder außereuropäischen Gesellschaften. Das Einsickern dieser vielfältigen theoretischen Einflüsse in postkoloniale Studien hat häufig dichte und zuweilen undurchdringliche Texte hervorgebracht. Kritiker haben diese hermetische Prosa gar als "neue Orthodoxie" bezeichnet, als eine Art rhetorische Zwangsjacke, die alle Gedanken einem vorgefertigten Vokabular unterwerfe. Nun ist es ein leichtes Unterfangen, akademische Publikationen für ihren Jargon zu schelten. Die postkolonialen Theoretiker sind an diesem Punkt jedoch besonders verwundbar, denn sie betonen ja gerade den engen Konnex zwischen Sprache und Befreiung und unterstreichen die Bedeutung der Sprache als Schlüssel zur Emanzipation von kolonialen Denkweisen.

          In Frankreich fanden postkoloniale Ansätze lange Zeit wenig Resonanz. Und das war gut so, konstatierte der in Paris lehrende Jean-François Bayart, einer der führenden Politologen und Afrikawissenschaftler des Landes (F.A.Z. vom 14. Oktober 2009). In einigen Artikeln und einem pointierten, mit einer gehörigen Portion Polemik garnierten Essay ("Les études postcoloniales: Un carnaval académique". Paris: Editions Karthala, 2010) vertrat Bayart die Ansicht, postkoloniale Studien seien für die Forschung in Frankreich "weitgehend unnötig". Überdies seien sie irrelevant, um gegenwärtige brennende Fragen von Rassismus, Einwanderung und Staatsbürgerschaft angemessen zu analysieren. Vehement wies Bayart den Vorwurf zurück, die französische Wissenschaft habe zu zögerlich und unzureichend die postkolonialen Ansätze rezipiert. Bei genauerem Hinsehen hätten sich die meisten postkolonialen Schriften ohnehin als alter Wein in neuen Schläuchen entpuppt. Wenig interessiert an fundierter Empirie, konzentrierten sie sich auf Diskurse und Repräsentationen, aus deren Analyse sie oft allzu weitreichende Schlüsse zogen. Daher sei es ihnen nicht gelungen, die Komplexität des Kolonialismus zu würdigen und die Kontinuitäten und Brüche zwischen Kolonialzeit und nachkolonialer Periode adäquat zu erfassen. Stattdessen sei eine quasi ontologische "postkoloniale Bedingung" konstruiert worden.

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