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: Als wär's ein Stück von mir: Peter Hille als Autor

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1898 versuchte sich Rilke in einem Brief an Wilhelm von Scholz in einem Genre, das ihm eher fremd war, der Karikatur. Anlass war seine Begegnung mit dem Bohemien, Vagabunden und Caféhaus-Literaten Peter Hille, den er halb fasziniert, halb pikiert als poetischen Clochard beschreibt: "Bezeichnet wird ...

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          1898 versuchte sich Rilke in einem Brief an Wilhelm von Scholz in einem Genre, das ihm eher fremd war, der Karikatur. Anlass war seine Begegnung mit dem Bohemien, Vagabunden und Caféhaus-Literaten Peter Hille, den er halb fasziniert, halb pikiert als poetischen Clochard beschreibt: "Bezeichnet wird dieser Mann durch eine unendliche Haar- und Bartflut; von allem anderen Körperlichen ist just nur so viel da, als unumgänglich notwendig ist, um die Existenz dieses Haarreichtums zu motivieren. Dieses geringe Soviel steckt in unglaublich schmutzigen Kaiserrockfragmenten, ist aber wahrscheinlich zunächst von vielen gelben Manuskriptbögen umschlossen. Jeden Augenblick holt Herr Peter einen aus irgendwelchen Lokalitäten heraus, und man hat die Empfindung, er schenke wirklich ein Stück seiner selbst her."

          Rilkes Schilderung enthält eine durchaus treffende Charakteristik von Hilles ästhetischem Selbstverständnis. Die für die Boheme-Literaten der Jahrhundertwende typische Weigerung, zwischen eigener Person und Werk zu unterscheiden, die Neigung zu Improvisation und Spontaneität, die Verachtung von Geld und Eigentum, die positive Bewertung von Armut und Vagabondage - all dies verband den aus Westfalen stammenden Hille mit seinen Dichterfreunden der Berliner Boheme, in deren Zirkeln er eine provisorische Heimat gefunden hatte. Die in Elberfeld geborene Else Lasker-Schüler teilte seine Begeisterung für Kosenamen, kindliche Imaginationskraft und das Kabarett. Wie Paul Scheerbart, der Nonsenslyrik und phantastische Romane schrieb, liebte Hille die Berliner Kneipen, neben den Brüdern Julius und Heinrich Hart gehörte er zum Kreis des frühen deutschen Naturalismus. Sturer als sie alle hielt Hille jedoch an der Überzeugung fest, seine Werke seien "ein Stück seiner selbst". Er las sie im Freundeskreis vor oder kritzelte sie auf Postkarten, Bierdeckel oder Zeitungsränder, und offenbar fand er nichts daran, manche zu vernichten, sobald er sie vorgetragen hatte. Wie viele seiner Arbeiten verbummelt, verschenkt oder zerstört worden sind, wird wohl nie genau auszumitteln sein.

          Zu den lehrreichsten Schwierigkeiten, die Hilles Schaffen aufwirft, gehört der unklare textgenetische Status der Manuskripte, sogar der Publikationen zu Lebzeiten. Zu den in Zeitschriften veröffentlichten Gedichten gibt es oft handschriftliche Varianten, bei denen sich kaum entscheiden lässt, ob es sich um Vorarbeiten, Revisionen oder Neudichtungen handelt. In seinem Roman "Die Sozialisten", seinem Prosatext "Das Mysterium Jesu" sowie seinen autobiographischen Fragmenten vermischt Hille Erfindung, Erinnerung und Geschichte bis zur Ununterscheidbarkeit. Da auch über seine verschiedenen Lebensabschnitte und Aufenthaltsorte nur bruchstückhafte Informationen existieren, ist der Gattungsstatus einzelner Texte ebenso schwer zu bestimmen wie ihre Chronologie. Die nicht selten fast unlesbare Handschrift Hilles und seine ästhetische Randstellung verstärkten die Neigung, ihn nur als subkulturelles Unikum wahrzunehmen. Lediglich die DDR-Germanistik unternahm in den siebziger Jahren den Versuch, ihn wegen seiner sozialistischen Sympathien dem eigenen Kanon einzufügen, was aber am antikollektivistischen Gedanken seines Schreibens scheiterte.

          In der Bundesrepublik blieb Hilles Erbe der Regionalliteraturforschung überlassen. Und die Literaturkommission für Westfalen ist es auch, die in Zusammenarbeit mit der Peter-Hille-Forschungsstelle der Universität Paderborn im Aisthesis Verlag seit einiger Zeit vorbildlich edierte Ausgaben seiner Schriften herausbringt. Nachdem dort bereits 2007 die erste chronologische Ausgabe von Hilles Werken zu Lebzeiten herausgekommen ist, liegt nun die Gesamtausgabe seiner Briefe vor (Peter Hille: Sämtliche Briefe. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. von Walter Gödden und Nils Rottschäfer, Bielefeld 2010). Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich bewusst bleiben, wie unpassend mit Blick auf Hille die Rede von "Sämtlichen Briefen", vom "Gesamtwerk", ja vom "Werk" überhaupt ist. Das dem Band beigefügte Register von Hilles brieflich erwähnten, aber nicht nachzuweisenden Werken ist länger als die Liste seiner erschienenen Texte. Einige seiner Briefe, vor allem die an Lasker-Schüler, lesen sich selbst wie literarische Vignetten, und seine Manuskript- und Briefgestaltung, für welche die Ausgabe im Anhang Beispiele vorstellt, macht es schwierig, zwischen Haupt- und Paratext, Einfügungen und Nebengedanken zu unterscheiden. Indem sie die Grenze dessen markieren, was die Editionsphilologie als Werk zu fassen vermag, sind Hilles Texte exemplarisch für die zwischen fröhlichem Dilettantismus und prekärem Alltag schwankende Produktionsästhetik der Boheme. Die ersten Bände der Kommentierten Ausgabe, die mit ebenso informativen wie anregenden Anmerkungen versehen sind, bedeuten einen großen Schritt auf dem Weg zu deren Erforschung.

          MAGNUS KLAUE

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