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© Dorling Kindersley: Tim Shepard

Des Gärtners bester Freund

Von GEORG RÜSCHEMAYER

25.10.2016 · Regenwürmer sind als Laubzersetzer hoch geschätzt – in Europa. Aus den Wäldern Nordamerikas würde man sie zu gern wieder vertreiben.

Niemand weiß genau, wann und wo die Invasion begann. Die Eindringlinge aus Europa und Asien halten sich im Erdreich versteckt. An der Oberfläche lassen sie sich höchstens des nachts bei ihrer zersetzenden Arbeit beobachten, für die sie in ihrer alten Heimat als Freunde eines jedes Gärtners verehrt werden. In den nördlichen Regionen der Vereinigten Staaten und in Kanada gelten die eingeschleppten Regenwürmer dagegen als unerwünschte Zuwanderer. Um ihren Vormarsch zu stoppen, würde Donald Trump vermutlich tief ins Erdreich ragende Betonmauern vorschlagen, interessierte er sich überhaupt für ökologische Themen.

Aristoteles wiederum bezeichnete die Tiere, die den Löwenanteil der tierischen Biomasse in gesundem Garten- und Ackerboden ausmachen, als „Eingeweide der Erde“, denen eine wichtige Rolle beim Abbau von organischen Abfällen zukomme. Spätestens seit Charles Darwin in seinem Alterswerk über den Regenwurm (siehe „Der Wurmflüsterer“) endgültig mit dem Vorurteil aufräumte, die Tiere würden an Pflanzenwurzeln knabbern, was sie eben keineswegs tun, singen Agrarforscher ein Loblied: Regenwürmer lockern den Boden, sie beschleunigen den Abbau von organischem Material wie Falllaub und machen die darin gebundenen Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar. Mit Bestandsdichten von mehreren hundert Tieren pro Quadratmeter gesunder Ackererde kommt da einiges zusammen: Auf rund sechs Tonnen pro Hektar schätzen Forscher die Menge von Stroh, die Regenwürmer innerhalb weniger Monate nach der Getreideernte in den Boden befördern.

© Dorling Kindersley: Peter Anders Wunscharbeitsplatz eines jeden Regenwurms: der Komposthaufen

Ihre Gänge lassen sowohl Luft als auch Wasser leichter in den Boden eindringen und bahnen Pflanzenwurzeln den Weg. Und angesichts ihrer großen Zahl sind Regenwürmer zudem eine wichtige Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl von Tieren, darunter Maulwurf, Spitzmaus, viele Amphibien und Vögel wie die Amsel. „Der gute Ruf der Regenwürmer ist durchaus berechtigt“, sagt der Ökologe Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig, der sich seit Jahren mit dem Zusammenspiel von Wurm- und Pflanzengemeinschaften beschäftigt. Wurm sei dabei nicht gleich Wurm, betont Eisenhauer, auch wenn die 46 in Deutschland vorkommenden Arten für den Laien oft nur schwer auseinanderzuhalten sind.

Mit Blick auf die Lebensweise lässt sich all das Gewürm aus der Ordnung der Wenigborster (Oligochaeta) in drei Gruppen einteilen: Epigäische Arten verbringen ihr Leben oberhalb des Erdreichs in angegammelter Laubstreu, deren Abbau sie stark beschleunigen. Sie sind meist sehr viel dunkler pigmentiert als ihre endogäischen Verwandten, die sich horizontal durch den Mineralboden graben. Der bei uns häufige, bis zu dreißig Zentimeter lange Tauwurm (Lumbricus terrestris) schließlich gehört zur Gruppe der anözischen Würmer, die sich bis zu mehrere Meter lange, vertikale Wohnröhren bauen, in die sie nachts Laub und anderes Pflanzenmaterial ziehen, um es später zu vertilgen.

Science Photo Library Im Querschnitt präsentiert sich der Regenwurm als ein Schlauch aus Haut und Muskeln, in dessen Zentrum das Verdauungssystem liegt.

Außer seinem vielleicht nicht gerade vorteilhaften Aussehen gibt es am Regenwurm offenbar nichts auszusetzen. Warum sprechen Biologen dann von einer Invasion, von einer ökologischen Katastrophe, die europäische und asiatische Regenwürmer in den Wäldern Nordamerikas ausgelöst hätten? „Diese Gebiete waren während der letzten Eiszeit von riesigen Gletschern bedeckt, unter denen kein Wurm überleben konnte. Als sich das Eis vor ungefähr 10 000 Jahren zurückzog, entstanden riesige Wälder, deren Böden praktisch wurmfrei sind. Aus Gründen, die wir noch nicht genau verstehen, besiedelten einheimische Wurmarten aus südlicheren Gebieten diese Wälder nur extrem langsam“, erklärt Eisenhauers Mitarbeiter Dylan Craven. Im Gegensatz zu den einheimischen Arten breiten sich die vermutlich einst von europäischen Siedlern eingeschleppten, heute vielerorts von Anglern als Köder ausgewilderten Arten immer mehr aus.

Craven ist Hauptautor einer kürzlich im Fachblatt Global Change Biology veröffentlichten Studie, für die sämtliche verfügbaren Daten zu den Effekten der Wurminvasion auf die Pflanzengemeinschaft der betroffenen Wälder ausgewertet wurden. Die Metaanalyse zeigt, dass die Vielfalt der Pflanzen im Unterwuchs durch den Einfluss der fremden Würmer schwindet. Ihr Vorkommen schadet vor allem einheimischen Arten wie dem winzigen Koboldfarn, der großen Trauerglocke oder dem Teufelskrückstock. Während Gräser und botanische Neuzugänge wie der ebenfalls aus Europa stammende Kreuzdorn offenbar von den Oligochäten profitieren. Mit ihnen verändert sich aber nicht nur der Unterwuchs, sondern zudem die Lebensbedingungen für Waldtiere: Einige Salamanderarten und am Boden nistende Vögel, zum Beispiel der Pieperwaldsänger oder die Einsiedlerdrossel, kommen auf verwurmtem Waldboden offenbar weniger gut zurecht.

Die Gründe, warum sich die angestammte Flora und Fauna so stark verändert, liegen im sonst so segensreichen Abbau organischen Materials: In wurmfreien Wäldern bleibt das Falllaub wesentlich länger liegen, bevor es von Kerbtieren, Pilzen und anderen Mikroorganismen zersetzt wird. Dadurch bildet sich eine wesentlich dickere Streuschicht, die sowohl Tieren als auch Pflanzen Schutz vor Feinden und Frost bietet. Durch die Tätigkeit der Würmer veränderten sich noch weitere Parameter des Waldbodens, wie die Untersuchungen von Craven und seinen Kollegen zeigte, etwa der pH-Wert, die Verfügbarkeit von Nährstoffen, die Belüftung und Bewässerung tieferer Bodenschichten oder die für viele Pflanzen lebenswichtige Symbiose mit Pilzen.

© dpa Der Regenwurm arbeitet in der Erde und produziert das, was ihn bei Gärtnern so beliebt macht: noch mehr Erde.

Dabei ist es durchaus von Bedeutung, welche Arten ein betroffenes Gebiet besiedeln. Epigäiker etwa machen sich vor allem über Laubstreu her, beispielsweise der Rote Waldregenwurm Lumbricus rubellus oder der erst in jüngster Zeit in den nördlichen Gebieten der Vereinigten Staaten gesichtete Asiatische Hüpfwurm Amynthas agresitis. Diese ausgesprochen agile, in Japan und Korea heimische Art stellte bereits unter Beweis, dass sie nicht nur die Laubstreu im Wald, sondern auch die oberste Schicht eines Präriebodens recht schnell in Erde verwandeln kann. Von dieser Eigenschaft berichteten Forscher der University of Wisconsin jedenfalls Anfang September im Journal Biological Invasions. Tiefer bohrende Arten wie der Tauwurm beeinflussen dagegen vor allem die Bodenchemie und den Wasserhaushalt.

„Insgesamt zeigen die Daten, die wir in unserer Studie zusammengeführt haben, dass Regenwurminvasionen in nordamerikanischen Wäldern mit deutlichen Veränderungen in der Vielfalt und Zusammensetzung von Pflanzengesellschaften einhergehen“, sagt Craven. Das wirke sich auf die gesamte Nahrungskette und den Kreislaufs des Wassers sowie auf den der Nährstoffe aus. „Damit können sie die Funktionen des gesamten Ökosystems auf Dauer verändern.“ Veränderungen halten auch Ökologen nicht grundsätzlich für etwas Schlechtes, in der Praxis bedeuten sie jedoch meist, dass spezialisierte Arten darunter leiden – und ökologische Allrounder profitieren.

© dpa Ein Regenwurm aus einem Gewächshaus der Firma Frunet in Algarrobo (Spanien)

Ist der Wurm erst einmal drin im Waldboden, wird man ihn kaum mehr los. So weit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass sich zumindest die europäischen Würmer nur sehr langsam ausbreiten, solange der Mensch nicht noch nachhilft. „Die effektivste Maßnahme ist deshalb, Angler über das Problem aufzuklären“, meint Craven. Während die ersten Invasoren vermutlich in den Wurzelballen von Nutzpflanzen über den großen Teich reisten, gelten heute kommerziell gezüchtete Köder als neue Hauptquelle: Würmer, die entwischen oder achtlos weggeworfen werden, finden so ihren Weg in den amerikanischen Grund und Boden. Dieser Einfluss lässt sich an der Karte der neu auftretenden Wurmvorkommen ablesen, denn an von Anglern frequentierten Gewässern fällt ihre Häufung auf. Dagegen scheinen Tiere aus sogenannten Wurmkompostern (siehe „Eine Mischkalkulation“) ein geringeres Problem darzustellen: Der europäische Kompostwurm Eisenia fetida ist in nordamerikanischen Wäldern bisher kaum als invasive Art in Erscheinung getreten.

© Scott L. Loss Schon auf den ersten Blick ist erkennbar, dass sich die Vegetation verändert: Wo nun eingeschleppte Regenwürmer leben, wächst vor allem Gras.

Würmer, die fern der Heimat mehr oder minder große Probleme bereiten, sind kein auf Nordamerika beschränktes Phänomen. Von den 670 der Wissenschaft bekannten Regenwurmarten seien rund 120 mit Hilfe des Menschen zu Weltreisenden geworden, schätzt der Biologe Paul Hendrix von der University of Georgia im Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics. Inzwischen gebe es kaum noch Regionen der Erde ohne zugereiste Würmer, auch wenn nicht alle Problem zu bereiten scheinen, schrieb Hendrix unter dem Titel „Pandoras Büchse war voller Köderwürmer“.

In Europa gibt es ebenfalls Probleme in Gestalt eines anderen Weltreisenden, des aus Neuseeland stammenden Plattwurms Arthurdendyus triangulatus. Das wurmförmige, aber mit den Regenwürmern nicht näher verwandte Tier wurde erstmals 1963 in der Nähe von Belfast entdeckt. Seither hat sich diese Art – vermutlich in Pflanzenerde versteckt – auf den Britischen Inseln stark ausgebreitet. Auch weite Teile Nord- und Mitteleuropas gelten für diese Tiere aus der Gruppe der Landplanarien als geeigneter Lebensraum, und darüber dürften sich hiesige Gärtner wenig freuen: Denn die Leibspeise von Arthurdendyus triangulatus sind Regenwürmer.

© Getty Den Gemeinen Regenwurm (Lumbricus terrestris) sieht man vor allem nach Regenschauern sich außerhalb des Erdreichs ringeln.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 25.10.2016 10:36 Uhr