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Wissenschaft : Die Zukunft jenseits der Almosen

Der UN-Entwicklungsbericht als doppelter Ordnungsruf: Das Millenium-Projekt der Vereinten Nationen sieht die Wissenschaft als Staatsziel in der Dritten Welt. Daran müßten Nehmer- und Geberländer arbeiten.

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          An dem überwältigenden Mitgefühl in der Welt und an der Spendenbereitschaft der Massen nach der Tsunami-Katastrophe in Südasien wollte niemand offen zweifeln. Auch nicht an der Notwendigkeit dieser Gelder für die humanitäre Hilfe.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aber jeder der Wissenschaftler und Forschungspolitiker, die gestern in den Räumen der Royal Society in London einen neuen Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen präsentierten, versuchte eine wichtige Botschaft mindestens zwischen den Zeilen durchscheinen zu lassen: Barmherzigkeit allein wird den von Naturkatastrophen immer wieder besonders hart betroffenen armen Völkern nicht nachhaltig auf die Beine helfen.

          Forschungsberater auf höchster Ebene

          Die Berichterstatter richteten statt dessen den Blick auf die Zeit jenseits der humanitären Hilfsaktionen. Auf lange Sicht, so lautete ihr Resümee, sei es für das wirtschaftliche und gesundheitliche Wohlergehen in den Entwicklungsländern unerläßlich, der Forschung und Technikentwicklung einen neuen, bisher ungekannten Stellenwert beizumessen. Heute würden, heißt es sinngemäß in dem Dokument der siebenundzwanzigköpfigen Arbeitsgruppe des Millennium-Projektes der Vereinten Nationen, viele Regierungen das Engagement in Wissenschaft und Technik als Belastung - als eine Art Luxusveranstaltung - betrachten.

          Nötig aber sei das genaue Gegenteil: Forschungsberater auf höchster Regierungsebene sollten berufen, nationale Wissenschaftsakademien gegründet und qualifizierte Bildungsangebote angeboten werden. Von alledem gibt es nach Auffassung der internationalen Arbeitsgruppe selbst in halbwegs entwickelten Ländern zuwenig.

          „Millennium-Entwicklungsplan“

          Der Bericht „Innovation: Applying knowledge in developments“ geht auf ein Treffen der Staatengemeinschaft im Jahr 2000 zurück. Damals hatten die Regierungschefs in einer Sitzung der Vereinten Nationen Generalsekretär Kofi Annan mit der Gründung des Millennium-Projektes beauftragt. In dem gemeinsamen „Millennium-Entwicklungsplan“ sind acht mehr oder weniger quantifizierte Ziele vereinbart worden, den Hunger und die Armut in der Dritten Welt zu verringern. So soll bis zum Jahr 2015 erreicht werden, daß - ausgehend vom Jahr 1990 - die Zahl der Menschen, die weniger als einen Dollar am Tag verdienen, halbiert wird. Auch soll die Zahl der hungernden Menschen bis dahin halbiert und sichergestellt werden, daß jeder Junge und jedes Mädchen Gelegenheit hat, mindestens die Grundschule zu absolvieren.

          Die Sterblichkeit der Inder will man um zwei Drittel und die der Mütter um drei Viertel verringern, die weitere Ausbreitung von Aids und Malaria endgültig stoppen oder jedenfalls die Neuinfektionen überall verringern und die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, halbieren. Allesamt mehr als ehrgeizige Ziele, für deren Verwirklichung eine ganze Reihe von Hindernissen zu überwinden sind - Hindernisse, die von den Expertengruppen des Millennium-Projektes zu definieren waren und die Politik zu neuen Initiativen anregen sollte.

          Doppelter Ordnungsruf

          Der jetzt in London vorgelegte Bericht zur Forschungsentwicklung, der in Kürze zusammen mit anderen Analysen in einem umfassenden Millenniumsreport der Vollversammlung der Vereinten Nationen vorgelegt werden wird, ist so zu einem doppelten Ordnungsruf geworden: zum einen eine Mahnung an die Mächtigen der Entwicklungsländer, sich nicht nur von Wirtschaftsberatern leiten zu lassen, sondern Forschung und Technik als Zukunftsinvestition in die politischen Strukturen zu integrieren. Zum zweiten ist es eine Aufforderung an die Geberländer - insbesondere die G8-Industrieländer -, ihre Entwicklungshilfe verstärkt in den Aufbau von Forschungs- und Bildungsstrukturen zu lenken.

          Zur Orientierung wird in dem Bericht auf einige leuchtende Beispiele verwiesen. Auf die Gründung des Kigali Institute of Science, Technology and Management in Ruanda etwa, das von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zusammen mit der Entwicklungshilfeorganisation der Vereinten Nationen „aus der Asche des Genozids“ in ehemaligen Militärbaracken aufgebaut worden ist.

          Problem der fehlenden Bildung

          Als fast lehrbuchhaft gelten der Arbeitsgruppe die Wandlungen Malaysias und Taiwans vom Rohstofflieferanten zum Exportland für modernste Elektronikprodukte - Malaysia, weil man sich schon vor fünfundzwanzig Jahren einem dem Ministerpräsidenten zugeordneten Wissenschaftsberater und einer ihm angeschlossenen nationalen Wissenschaftsakademie anvertraut hat, und Taiwan, weil man dort von Regierungsseite die Gründung von mittlerweile mehr als dreißig Forschungskooperationen des Staates mit kleinen bis mittleren Privatunternehmen vorangetrieben hat.

          In den meisten armen Ländern freilich und hier vor allem in Schwarzafrika fehlt es nicht nur an den gewünschten politischen und industriellen Strukturen, sondern an Grundlegendem, an Bildung vor allen Dingen: Mehr als 370 Millionen der weltweit etwa 1,3 Milliarden Kinder im Schulalter - fast ein Drittel - erhalten heute noch überhaupt keinen Schulunterricht.

          Ausbildung via WWW

          Mangel herrscht insbesondere an Lehrkräften. In dieser Hinsicht wird von der Arbeitsgruppe eine Neuentwicklung auf dem afrikanischen Kontinent gepriesen: In diesem Jahr startet die African Virtual University, eine Art Fernuniversität im Internet mit Sitz in Nairobi. Von dort aus sollen an Computerarbeitsplätzen in 31 Lernzentren in siebzehn afrikanischen Ländern neue Lehrer ausgebildet werden.

          23.000 Fachkäfte - Programmierer, Übersetzer, Journalisten - seien schon seit 1997 in den Entwicklungsländern via World Wide Web ausgebildet worden, heißt es in dem Bericht. An anderer Stelle freilich lauert die Ernüchterung: 15 bis 35 Millionen ausgebildete Lehrer werden nach Einschätzung der Experten in der kommenden Dekade benötigt, um die Ziele des Millennium-Entwicklungsplans annähernd zu erreichen.

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