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Klimawandel : Das Wetterjahr war extrem, 2016 wird noch wärmer

Sturm Frank: Im walisischen Aberystwyth branden meterhohe Wellen an die Promenade mit ihren historischen Fassaden. Bild: Imago

Unwetter rund um die Welt: Das Jahr 2015 ist von Extremen beherrscht. Jetzt pumpt ein Hitzeorkan riesige Warmluftmassen an den Nordpol. Und es soll noch schlimmer kommen.

          Als der Gesamtverband der deutschen Versicherungsbranche GDV vor wenigen Tagen nach den Unwetterschäden dieses zu Ende gehenden Jahres gefragt wurde, lautete die Antwort, auf eine Stelle hinter dem Komma gerundet: 2,1 Milliarden Euro. Allein ein Drittel gehe auf das Konto von „Niklas“, dem verheerenden März-Sturm über Deutschland, der mit 192 Stundenkilometern in der Spitze zu den fünf schwersten Winterstürmen der letzten beiden Dekaden zählt. So weit – so normal?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kein Meteorologe, der wissenschaftlich etwas auf sich hält, erst recht nicht Sven Plöger, ein bekannter Fernsehmeteorologe, der gerne Vorträge hält, Bücher über den Klimawandel schreibt und trotzdem den Begriff „Katastrophe“ aus seinem Wortschatz ausgeklammert hat, würde „Niklas“ der globalen Erwärmung – vulgo: Klimawandel – zuschreiben. Auch die Versicherer halten sich zurück.

          Und dennoch, so heißt es in der Berichterstattung über die Schadensbilanz des Jahres 2015, „verwies der GDV angesichts der aktuellen Zahlen auf eine frühere Studie von Versicherern und Klimaforschern, wonach Sturmschäden bis zum Jahr 2100 um mehr als 50 Prozent zunehmen könnten. Stürme mit besonders hohem Schadenspotential, wie sie heute alle 50 Jahre vorkommen, könnten dann alle zehn Jahre auftreten“.

          Sicher ist der Klimawandel erst in hundert Jahren

          Daraus könnte man leicht falsche Schlüsse ziehen. Erstens: Meteorologen kümmern sich im Tagesgeschäft um Unwetter, werden jedoch nicht gefragt, wenn es um Klimaprognosen geht. Und zweitens: Ein Zusammenhang zwischen Klima und Wetter, zwischen dem beschleunigten Klimawandel und Unwettern werden wir wohl erst in hundert Jahren klar und statistisch sattelfest erkennen können.

          Bis dahin schleicht er so dahin. Und jeder Meteorologe, der die Paläoklimatologie sowieso aus dem Effeff kennt, wird immer eine Epoche in der Erdgeschichte vorweisen können, in der natürliche, geophysikalisch leicht zu deutende Schwankungen zu mindestens ähnlich chaotischen Wetterereignissen wie dem jeweils aktuellen Unwetter geführt haben dürften.

          Beide Schlussfolgerungen sind selbstverständlich weltfremd. Denn erstens ist Klima als Ergebnis einer langfristigen, statistischen Betrachtung von Atmosphären- und Ozeanereignissen ebenso wenig vom Wetter zu trennen wie Klima und Wetter von Luftverschmutzung. Und zweitens gibt es längst eine integrierte Klima- und Wetterforschung, auf die sich nicht nur die Versicherer berufen, sondern – wie vor kurzem auf dem Klimagipfel eindrucksvoll bestätigt – die Weltpolitik insgesamt stützt.

          Tauwetter am Nordpol

          Wie nötig diese gemeinsame Betrachtung von Wetter und Klima im Erdsystem längst ist, hat sich in diesem an Kapriolen reichen und mit einigen meteorologischen Paukenschlägen endenden Wetterjahr besonders drastisch gezeigt. Aktuelles Beispiel: Die subtropische Erwärmung des Nordpols, die in diesen Stunden zuvorderst durch ein extremes Tief über Island hervorgerufen wird.

          Der mächtige Sturm pumpt über Hunderte Kilometer riesige Warmluftmassen aus dem Süden in den hohen Norden. Wohlgemerkt: Plusgrade am kältesten Punkt der Nordhalbkugel, wo um die Zeit kein Sonnenstrahl hinreicht und normalerweise klirrende Kälte um 30 bis 40 Grad minus herrscht. Tauwetter, wenn auch nur für kurze Zeit – meteorologisch ein historischer Moment.

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