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Wildnis : Die Stunde null

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Das ehemalige Truppenübungsgebiet Kindel bei Eisenach wirkt nur auf den ersten Blick wie eine Ödnis. Tatsächlich ist die Artenvielfalt dort größer als im benachbarten Nationalpark Hainich mit seinen Buchenwäldern. Bild: Thüringer Wandervogel

Zwei Prozent Deutschlands sollen Wildnis werden. Ausgediente Truppenübungsplätze bieten sich dafür an. Doch wenn man dort wuchern lässt, was will, geht eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen verloren.

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          So unspektakulär kann ein Biotop mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ aussehen: ausgefranste Grasbüschel, dazwischen ein paar Brombeerranken und stellenweise dichtes, halbhohes Gebüsch, unterbrochen von kiesigen Stellen, den letzten Überbleibseln alter Wege, über die bis 1992 sowjetische Militärfahrzeuge rumpelten. Willkommen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kindel, heute Teil des thüringischen Nationalparks Hainich unweit von Eisenach. Warum Teile des Höhenzuges vor fast zwanzig Jahren zum Nationalpark erklärt wurden, lässt sich einige Kilometer weiter nördlich leichter erkennen: Dort steht noch der wunderschöne, für den Hainich typische Buchenmischwald, den die Unesco 2011 wegen seiner Urtümlichkeit gar zum Weltnaturerbe erklärte.

          Ähnlich sah es einst auch auf dem Kindel aus. Doch dann kamen die deutsche Wehrmacht und später die Sowjets und die Nationale Volksarmee und veranstalteten dort ihre Kriegsspiele. Alte Fotos aus dem Parkarchiv zeigen den letzten großen Kahlschlag des Jahres 1980. „Damals wurden sechshundert Hektar Buchenwald eingeschlagen, um nach dem Einmarsch in Afghanistan hier in Deutschland mit schweren Hubschraubern üben zu können“, sagt Nationalparkleiter Manfred Großmann.

          Ein Neuanfang für die Natur

          Der rücksichtslose Umgang der Armee mit der Natur hatte im Kindel wie auch auf vielen anderen aufgegebenen Truppenübungsplätzen einen paradoxen Effekt: Aus Mondlandschaften wurden blühende Biotope, die vielen zum Teil sehr seltenen Tier- und Pflanzenarten eine Zuflucht bieten. Nicht trotz des Frevels an Wald und Land, sondern gerade deswegen. Denn eine Tabula rasa ermöglicht der Natur immer auch einen Neuanfang, wie er sonst nur selten vorkommt, etwa nach Bränden, Überschwemmungen oder Bergrutschen.

          Die Sowjetarmee war nicht zimperlich: 1980 wurde auf dem Kindel rigoros abgeholzt, um besser üben zu können.

          Die unwirtlichen, aber eben auch konkurrenzarmen Bedingungen einer solchen Stunde null machen sich schnell sogenannte Pionierarten zunutze. Sie werden später von einer für den jeweiligen Standort typischen Abfolge von Tier- und Pflanzenarten abgelöst, deren Zusammensetzung erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten in eine weitgehend stabile Klimaxgesellschaft übergeht, so die Theorie der ökologischen Sukzession.

          Überleben in Fahrspuren

          In weiten Teilen Mitteleuropas wäre dieser theoretische Endzustand ein reifer Buchenwald, wie er im Hainich zu bewundern ist. Das Offenland des benachbarten Kindels dagegen befindet sich auch ein Vierteljahrhundert nach dem Abzug der Roten Armee noch in einer frühen Phase der Sukzession. Genau das ist der Grund dafür, dass sich hier noch immer seltene und stark bedrohte Pionierarten wie die Gelbbauchunke wohl fühlen. Der Froschlurch braucht zum Überleben Kleinstgewässer, wie sie natürlicherweise in Bach- und Flussauen ständig neu entstehen. Weil es die in unserer Kulturlandschaft kaum noch gibt, hat sich die Unke auf Lebensräume aus menschlicher Hand verlegt, sei es in Kiesgruben, in Steinbrüchen oder auch nur in Form von wassergefüllten Fahrspuren, wie sie der Kindel zu bieten hat. Noch – denn mit der fortschreitenden Verbuschung des Geländes und dem Verlanden alter Panzerspuren sind die glockenhellen Unkenrufe in den letzten Jahren auch hier seltener geworden. „Durch die Sukzession werden langfristig auch andere Offenlandarten stark zurückgehen oder ganz verschwinden. Das trifft Vögel wie Feldlerche, Wiesenpieper, Braunkehlchen und Bekassine. Auch in der Flora wird es Pionierarten treffen, zum Beispiel Schlammkraut, Ysop-Weiderich und manche Arten der Kalkmagerrasen“, sagt Großmann. Selbst das Symboltier des Nationalparks, die Wildkatze, bevorzugt zum Jagen Waldränder und Busch wie auf dem Kindel, der tiefe Wald dient ihr eher als Rückzugsgebiet.

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