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Antifaltencremes im Test : Wie viele Lügen verträgt die Schönheit?

„Vielleicht sollten wir doch etwas mehr für unsere Altersvorsorge tun...“ Bild: Kai

Ein Totalausfall mit Ansage: Antifaltencremes halten nicht, was sie versprechen. Stiftung Warentest wollte damit die Hersteller von Antifaltencremes bloßstellen. Die werden das locker wegstecken..

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          Auch Meldungen altern. Manche jedoch verlieren offenbar nie ihre jugendliche Spannkraft: Die jüngste Meldung etwa, dass neun von neun Antifaltencremes im Vier-Wochen-Test bei „Stiftung Warentext“ mit Pauken und Trompeten durchgefallen sind und folgerichtig mit mangelhaft bewertet wurden, könnte man sich wie ähnlich lautende ältere Meldungen zur Anti-Aging-Wirkung von klinisch manifesten Plazebopasten ausdrucken, ins Kosmetikbeutelchen stecken und jeden Tag vor dem eincremen am Spiegel neu zu Gemüte führen. Das Ergebnis wäre immer das Gleiche: Och, das schreiben die doch immer.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Gut die Hälfte der Frauen, um nur die kosmetisch sensibilisierteste Bevölkerungsgruppe - wohlgemerkt: nicht die einfältigste - zu nehmen, glaubt laut Stiftung Warentest dem, was die Cremehersteller durchweg versprechen: Eine sichtbare Wirkung gegen Fältchen binnen vier Wochen. Einer der Hersteller, Olaz,schmiert da noch was Marketingpaste drauf und stellt sichtbare Hautglättegewinne schon nach zwei Wochen in Aussicht - was fast schon als altruistisch bezeichnet werden muss angesichts der Verlockung, die weitere Anwendung der Creme in kürzerer Zeit als üblich auf den Prüfstand zu stellen.

          Prüfstand, ein bekanntermaßen sensibles Thema nicht nur im Anti-Aging-Business (Stichwort: VW-Affäre): Stiftung Warentest hat 270 Frauen vier Wochen lang testen lassen, je dreißig haben eine Gesichtscreme gestestet - halbseitig. Eine Hälfte wurde mit der angepriesenen Antifaltencreme behandelt, die andere mit einer „guten Feuchtigkeitscreme“. Gut heißt hier: vor allem presiwerter. So gut wie jede dieser schlichten, guten Feuchtigkeitscreme liegt deutlich unterhalb der Antifaltenpreisspanne. Die liegt zwischen 2,45 für die billigste Antifaltenlösung und 87 Euro für die teuerste Paste. Der erste Befund: Die Edelmarke Estée Lauder mit ihrer „Advanced Time Zone“, die buchstäblich - wenn auch anglizistisch verklausuliert -  eine Zeitreise zurück in die Jugend verspricht, spendet der weiblichen Testhaut nicht einmal genügend Feuchtigkeit, geschweige denn Elastizität. Note 6, eigentlich.

          Das vierwöchige Testschmierentheater vor dem Spiegel ging jedenfalls mit dem Fotofinish zu Ende und nichts kam heraus außer einer satten Ernüchterung für sämtliche Damen: Die Hautglätte der beiden Gesichtshälften war etwa so verschieden wie die Begriffe minimal und marginal.

          Naturgemäß ist das die Stelle in solchen Warentest-Verfahren, an denen die Produkte-Hersteller mit dem größten Kaliber querschießen: Methodenmängel. Falscher Test, hieß es denn auch auf Anfrage von Stiftung Warentest. Die Creme-Produzenten sind sich sicher,  die Hautverbesserungen durch eigene Nachweise mit „dreidimensionalen Verfahren“ und standardisierten Prüfungen durch Dermatologen längst nachgewiesen und sich also auch  wissenschaftlich gut gerüstet zu haben. Zeit genug dafür hatten sie: Ihre Cremes mit Hyaluron, Coenzym Q10 oder Tocopherol und Vitamin-A-Abkömmlingen sind schon seit Jahren, ja Jahrzehnten auf dem Markt.

          Und hier nun sind wir bei dem einzigen Prüfstand angekommen, den die Anti-Aging-Jünger traditionell  für glaubwürdig und aussagekräftig halten: Der virile Markt der Jungbrunnenindustrie. Er wächst und wächst. Und weil er sich damit in den Augen der Konsumenten auch bewährt, rücken die Werbelügen immer wieder neu in ein anderes, frisches Licht. Die „Selbstwahrnehmung“, wie es Stiftung nennt, änderte sich auch auf dem Vier-Wochen-Teststand der Warentester. Die Antifaltengesichtshälfte fühlte sich bei vielen besser an, jünger jedenfalls. „Wer sich regelmäßig pflegt, sieht ein Stück weit wohl das, was er sehen will,“ heißt das in der Mitteilung der Warentester.

          Was den Testerinnen da in erster Linie aufgefallen war, waren leichte Faltenlinienverluste unter den Augen. Der harte Vorher-Nachher-Vergleich zeigte: Kaum messbare Verbesserungen, gefällige Selbsttäuschung, mehr nicht. 

          Wenn dem Hersteller das Ergebnis einer Studie zu seiner Creme nicht passt, kann er das Ergebnis einfach verschweigen - ohne Konsequenzen.
          Wenn dem Hersteller das Ergebnis einer Studie zu seiner Creme nicht passt, kann er das Ergebnis einfach verschweigen - ohne Konsequenzen. : Bild: Ullstein

          Totale Ernüchterung also? Damit müssen die Antifaltenkonzerne kaum rechnen. Nichts spricht dagegen, dass sie ihre Marketingstrategie, von Zeit zu Zeit mit neuen Versprechen vorzupreschen, aufgeben. Im Mai diesen Jahres war - nicht zum erstenmal und - die antioxidative Wirkung des Coenzyms Q10, einer besonders populären Anti-Aging-Zutat, in der Zeitschrift „Nature Communications“ mit guten Argumenten und Versuchsergebnissen  in Zweifel gezogen worden. Oxidativer Stress und Licht gelten als wesentliche Ursachen dafür, dass die Kollagenbildung und damit die Straffheit der Haut zusehends nachlässt. Doch die Schutzwirkung von Antioxidantien wird von Wissenschaftlern immer stärker in Zweifel gezogen, unter Umständen verhindern sie sogar die Erneuerung des Zellmaterials durch Hautstammzellen. Die Nachricht jedenfalls hat kein Q10-Produkt vom Markt gefegt. So lange es nicht schadet, dürfte das Hauptargument von Herstellern und Nutzern lauten, kann man ja wenigstens auf Verbesserungen hoffen - oder sich mit dem Plazebo-Selbstwahrnehmungseffekt anfreunden. 

          Bleibt die wohlbegründete Frage offen, ob Antifaltencremes grundsätzlich gar nicht das bewirken können - eine Hautverjüngung - was dem Konsumenten vermittelt wird. Wichtigstes Argument: Cremes können nur oberflächlich wirken. Das stimmt, und tatsächlich ist dieser Oberflächeneffekt von Prozessen, die tiefer in den dahinter liegenden Zellschichten passieren, grundsätzlich verschieden. Intrinsische Hautalterung ist von extrinsischer Hautalterung, die vor allem durch äußere Faktoren wie Licht und Schadstoffe vorangetrieben wird, prinzipiell zu unterscheiden.  Dies aber bedeutet keineswegs, dass die Hautspezialisten sich damit zufrieden geben und das Herumspachteln an der Fassade als den alleinseligmachenden Weg weiter verfolgen werden. Die Zeitschrift „Nature“ hat unlängst einen aufschlußreichen Aufsatz darüber veröffentlicht, der vor allem eines zeigt: Die molekulare Aufrüstung der Anti-Aging-Industrie hat gerade erst begonnen.

          Gesund und fidel in Würde altern.
          Gesund und fidel in Würde altern. : Bild: Monkey Business - Fotolia.com

          Am Start sind mittlerweile vor allem im angloamerikanischen Raum  einige Labore (auch öffentlich geförderte) und Biotechfirmen, die einen Genservice für die Hautpflege anbieten: Anhand von Genexpressionsprofilen ermittelt man die Aktivität, respektive die Erlahmung einiger Schlüsselgene in den Hautzellen. Über die Aussagekraft dieser Erbanlagen wird immer noch heftig diskutiert, abschließende und wirklich aussagekräftige Studien fehlen. Aber die Branche, heißt es in „Nature“ gedeihe nun nach einer langen Phase plumper „Küchenlogik“ immerhin auf einem „wissenschaftlichen Fundament“. Einige der altbekannten Antifaltensubstanzen, Hyaluronsäure etwa, das zur Füllung und Gewebestraffung von Schönheitschirurgen unter die Haut gespritzt wird, zeigen bei solchen Experimenten in den Genaktivitätsprofilen bemerkenswerte Resultate: Viele  der vermeintlichen Alterungsgene könnten auf die Weise regelrecht reaktiviert werden. Tatsächlich wurde sogar eine Art Manhattan-Projekt der Hautalterung aufgesetzt, das laufend die Genaktivitätsmuster in der Haut von 225 afroamerikanischen und weißen Frauen analysiert. Initiator und Finanzier: Procter & Gamble. Die Hautpflegeindustrie sieht also zu, dass sie den Markt der Möglichkeiten mit immer neuen Ingredienzen und Anti-Aging-Strategien füttert. Wo kleine Unebenheiten entstehen, wird mit frischem Material zugespachtelt. Kleine Warentestnarben sind schnell verheilt.

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