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E-Zigaretten : Kein Tabak, trotzdem Wumm

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Die neue Alternative: dampfen statt rauchen Bild: Getty

E-Zigaretten werden immer beliebter. Weil sie weniger Schadstoffe, aber immer noch Nikotin enthalten. Sind sie deshalb gesünder?

          Dass Raucher gefährlich leben, hat sich herumgesprochen. Nur offenbar nicht ganz bis nach Heppenheim an der hessischen Bergstraße. Dort gerieten vor kurzem zwei Männer in Streit über eine gestohlene E-Zigarette, wobei der eine zum Messer griff, während der andere mit einem Stahlseilschloss auf ihn eindrosch. Gegen beide wird wegen Körperverletzung ermittelt.

          Keine Frage: Elektrisch befeuerte Zigaretten haben an Beliebtheit gewonnen. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr auf rund vierhundert Millionen Euro gestiegen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums haben knapp sechs Prozent aller Deutschen schon mal an einer E-Fluppe genuckelt. Etwa ein Prozent aller regelmäßigen Raucher schwören inzwischen darauf. Sie wollen auch nicht mehr als Raucher geschmäht werden, sondern nennen sich selbst treuherzig „Dampfer“. In ihren Elektropfeifen glimmt kein Tabak. Stattdessen wird eine Flüssigkeit erhitzt, die als Trägersubstanz Propylenglykol oder Glycerin enthält.

          Beides sind Stoffe, die in großen Mengen auch als künstlicher Nebel über Theaterbühnen oder in Diskotheken wabern. Das sogenannte Liquid einer E-Zigarette kann außerdem Nikotin enthalten, manche Dampfer sind aber schon mit Aromazusätzen zufrieden. Das Angebot reicht von Tabak über Erdbeere und Mango bis zu ausgefalleneren Mischungen wie Käsekuchen, Brathähnchen oder Speck.

          Man kann diesen Trend willkommen heißen. Die Sitte, seine Mitwelt mit Tabakschwaden einzuräuchern, ist schon manchem Zeitgenossen übel aufgestoßen. Friedrich I. von Preußen hielt noch regelmäßig Kollegien ab, in denen heftig gequarzt wurde, weil Majestät der Meinung war, der Gebrauch von Tabak sei gut gegen böse Luft. Goethe fand harschere Worte. Rauchen mache unfähig zu jeder Art von schöpferischem Denken, auch liege darin arge Impertinenz gegenüber den Mitmenschen: „Wer ist denn imstande, in das Zimmer eines Rauchers zu treten, ohne Übelkeit zu empfinden? Wer kann darin verweilen, ohne umzukommen?“, schrieb der Dichterfürst.

          Goethes Diktum von anno Tobak ist zum Leitbild des 21. Jahrhunderts avanciert. Das Kraut gilt mittlerweile als Teufelszeug, der Nikotinknecht längst als Paria, dem die ganze Verachtung einer gesundheitsbewussten Mehrheit entgegenschlägt. Im Kampf gegen die Pafferei werden medizinische Horrorbilder verbreitet, die jede Zigarettenpackung zum Kinderschreck machen.

          Die bemitleidenswerten Süchtel, die draußen vor der Tür frieren oder sich auf Flughäfen in vergilbten Glaskabinen herumdrücken, sind in der Tat ein erbärmlicher Anblick. Bislang konnte man ihnen wenigstens vorhalten, wohin ihr Treiben führt: zu Lungenkrebs, Raucherbeinen, verfaulten Zähnen und Herzinfarkt. Ganz zu schweigen von dem Odeur aus kalter Asche, das den Raucher umgibt wie der Aasgeruch den Geier.

          Doch mit dem Aufkommen der E-Zigarette werden jetzt viele Argumente in Frage gestellt. Was bleibt vom Gefahrenpotential des Rauchens, wenn gar kein Tabak mehr quiemelt? Wenn von den schätzungsweise fünftausend Schadstoffen einer herkömmlichen Zigarette nur noch das Nikotin und eine überschaubare Handvoll Substanzen übrig bleiben, die mehrheitlich sogar nach dem Lebensmittelrecht zugelassen sind?

          Seit 2003 die erste kommerziell erfolgreiche E-Zigarette aus chinesischer Produktion auf den Markt gekommen ist, wird darüber auf Seiten der Befürworter und Gegner mit Schaum vor dem Mund diskutiert. Aus einer kleinen Szene von Enthusiasten und Bastlern, die anfangs belächelt wurden, ist eine ernsthafte Konkurrenz zur Tabakindustrie entstanden. Alle multinationalen Konzerne denken über eigene Produkte nach. Weit hinterher hinkt, wie immer, die unabhängige Forschung.

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