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Schadstoff-Grenzwerte : Rechnen sechs, Betragen sechs

Exponierte Lungen, krampfiger Husten. Bild: dpa

Kommt ein Kranker zum Lungenarzt. Das Schlusskapitel eines öffentlichen Spektakels, das als pseudowissenschaftliche Farce begann und mit einem auch politisch peinlichen Geständnis endete.

          Herr Doktor Köhler, meine Lunge, ich habe da ein Problem. Wo zwickt’s? Immer morgens, wenn ich an der Mainzer Landstraße entlanggehe und die Autos neben mir fahren, zieht es in der Brust, ich muss grässlich husten. Sind Sie Asthmatiker? Nicht dass ich wüsste. Trockener Husten? Es ist nicht der Schleim, wissen Sie, es ist dieses Krampfen, ganz schlimm, manchmal fühlt es sich an, als müsste ich ersticken. Hatten Sie in letzter Zeit Grippe, Fieber? Nein, ich bin nicht kränklich.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Rauchen Sie? Habe ich aufgehört, aber meine Frau. Ihre Frau raucht in Ihrer Nähe? Das bleibt nicht aus, ich liebe meine Frau, sie meint, es könnte das Reizgas von den Autos sein, Stickstoffdioxid. Mein guter Herr, haben Sie noch nie gelesen, dass Rauchen schadet? Doch. Wenn Sie lesen können, dann können Sie auch rechnen, oder? Wie meinen Sie das? Wissen Sie, was 500 Mikrogramm Stickoxide anrichten, das ist die Stickoxidmenge einer Zigarette. Ich sag’s Ihnen: Nimmt man ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von zehn Litern an, inhaliert man 50000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Bei einer Packung am Tag wären das eine Million Mikrogramm. Eine Million – und davon kriegen Sie einiges mit.

          Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben?

          Ist das denn gefährlich? Was glauben Sie denn, wen Sie hier vor sich haben, ich duze mich mit Wissenschaftlern, ich war schon in Brüssel damit und habe dem Verkehrsminister Scheuer die Rechnung aufgemacht, weil die halbe Welt sich über die mickrigen Stickoxide am Straßenrand aufregt.

          Wie viel sind das denn an der Straße? Ein Bruchteil davon, jenseits der Gefährlichkeit, glauben Sie mir. Sie müssten achtzig Jahre lang an der Straße wohnen, um dieselbe Menge wie ein Raucher in ein paar Monaten aufzunehmen.

          Sind Sie sicher, Herr Doktor, dass es der Rauch ist, ich habe mal überschlagen: Eine Million Mikrogramm sind das ja gar nicht pro Schachtel, das sind bloß zehntausend, also hundertmal weniger. Mein guter Herr, die Größenordnung ist wichtig. Aber, Herr Doktor, das sind zwei Größenordnungen weniger, das würde ich meinen Schülern nie durchgehen lassen. So genau gucken Sie da drauf? Muss ich doch, die Kinder wollen für die Zukunft gerüstet sein. Einer hat mich auch aufgeklärt, dass Reizgas nicht gleich Reizgas ist. Das Stickstoffdioxid macht nur zehn Prozent der Stickoxide in der Zigarette aus. Machen Sie Witze, mein Herr, es sind zehn bis fünfzig Prozent. Trotzdem, Herr Doktor, wenn ich einigermaßen richtig rechne, liegen Sie um den Faktor tausend daneben, und ich habe als Achtzigjähriger praktisch sechs bis 32 Jahre lang an der Straße genauso viel Stickstoffdioxid wie ein starker Raucher eingeatmet. Und was wollen Sie mir damit beweisen? Nur, dass Sie nicht richtig rechnen, Herr Doktor, aber vielleicht können Sie mir ja mit der Lunge helfen. Ihnen helfen?

          Sie haben kein Lungenproblem, mein Herr, Sie sollten sich Ihren Kopf geraderücken lassen und aus meiner Praxis verschwinden. Fünfzig Meter gegenüber ist ein Nervenarzt. Sie meinen fünf Kilometer von hier? Verschwinden Sie! Klappe, Ende des Dialogs. So oder so ähnlich könnte unser Kapitel aus dem Leben des berühmten Lungenarztes Doktor Köhler enden, der sich „als einer der wenigen Experten“ wähnte und wochenlang mit ungeprüften Behauptungen, pseudowissenschaftlichen Verirrungen und fehlerhaften Zahlen – wie er jetzt gegenüber der „taz“ zugegeben hat – einen öffentlichen Feldzug gegen Schadstoffgrenzwerte führte. Gesundheit war sein Thema nicht, rechnen offenbar auch nicht.

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