https://www.faz.net/-gwz-9mdmp

Traumatisierte Flüchtlinge : Die Stimmen im Kopf

  • -Aktualisiert am

Wer die Flucht überlebt, muss später mit traumatischen Erinnerungen fertigwerden. Das gelingt nicht jedem. Bild: ddp/Antonio Masiello/NurPhoto/Si

Wenn Migranten in der Psychiatrie landen, fordert das nicht nur die Ärzte, sondern auch die Übersetzer heraus. Sie müssen blumige Sprachbilder von Halluzinationen unterscheiden.

          Es ist ein wolkenverhangener Tag draußen, hinter den abgeriegelten Fenstern. Der junge Mann sitzt blass auf einem Stuhl vor dem Arztzimmer und zittert. Die Hände zittern, die Augenlider, die Lippen. Etwas hat sich tief eingenistet und will nicht mehr verschwinden. Aber was ist es, das ihn so durcheinanderwirft? Was ihn vor drei Tagen ein Dach für den einen, den letzten Sprung suchen ließ? Niemand hier in der Psychiatrie weiß es. Der Patient versteht kein Wort Deutsch.

          Er ist nun seit drei Tagen hier, bekommt Olanzapin-Tabletten, weil diese erfahrungsgemäß schnell und gut gegen die wilde Entschlossenheit von Selbstmördern helfen. Gegen das und gegen Wahnerkrankungen, vorsichtshalber. Ist er denn psychotisch? Wahrscheinlich. Im Polizeiprotokoll stehe, dass er Stimmen höre, sagen seine Mitbewohner. Und das ist es auch schon mit den Indizien zu seinem Innenleben. Psychiatrische Anamnesen richten sich nach Fragenkatalogen. Patient und Arzt müssen dafür aber dieselbe Sprache sprechen. Dolmetschen kann in solchen Fällen sehr kompliziert sein, denn fast immer beeinflusst die Erkrankung die Art zu sprechen. Manche galoppieren dem Dolmetscher davon, rasen von Assoziation zu Assoziation. Andere verlieren sich in unverständlichem Kauderwelsch, nutzen die Sprache ohne passende Grammatik. „Der Dolmetscher muss in solchen Situationen abschätzen, wann wörtliches Übersetzen keinen Sinn mehr ergibt“, sagt Christian Schmidtmann, Oberarzt an der Klinik für Akutpsychiatrie in Hamburg-Ochsenzoll. „Stattdessen brauchen wir die Information, dass das Sprachbild verändert ist und wie.“ Genauso, wie man es im Deutschen erfassen würde.

          Gerade kommt Mir Amanullah Ashuftah durch die elektronisch gesicherte Milchglastür. Ashuftah ist ein großgewachsener Mann mit freundlichen Augen und einem stattlichen Schnurrbart. „Sprachmittler“ steht auf seiner Visitenkarte und darunter eine lange Liste: „Paschtu, Dari, Farsi, Russisch, Tadschikisch.“ Er kommt aus dem Vielsprachenland Afghanistan, studierte in der Sowjetunion Elektrotechnik und gründete in Hamburg ein Taxiunternehmen. Er fährt immer noch, parkt sein Taxi aber auch häufiger vor den Psychiatrien der Stadt. Seit 2015 steigt der Bedarf für sogenannte Dolmetschergespräche in den Seelenheileinrichtungen. Hier und anderswo in Deutschland.

          Eine Frage der Herkunft

          Um das Problem in Zahlen zu fassen, untersuchten Nürnberger Psychiater 2018 die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft. Von den zufällig Ausgewählten zeigte fast jeder Zweite Zeichen einer psychotischen Erkrankung; vor allem das Schizophrenie-Risiko scheint eine Frage der Herkunft. Eine der umfangreichsten Studien dazu wurde 2016 veröffentlicht. Epidemiologen des Stockholmer Karolinska-Instituts hatten die Biographien von 1. 347.790 Schweden nach Hinweisen auf psychische Erkrankungen durchforstet. Bei Menschen mit zwei schwedischen Elternteilen wurden sie bei 39 von 100.000 Meldeakten fündig. Bei den Zugewanderten waren es 103 von 100.000. Ihr Risiko, sich in einer anderen Wirklichkeit zu verlieren, war zweieinhalbmal so hoch.

          Stationsarzt David Simmons hat einen äthiopischen Vater, erbte von ihm seine dunkle Haut, gleichermaßen ist er ostpreußisch. „Aber das ist den Leuten auf der Straße ja egal, sie schauen eben bei mir immer genauer hin, wenn ich mal meinen Koffer am Bahnhof ein paar Meter weiter stehen lasse“, meint er. Wer anders aussieht, der habe ständig Blicke im Nacken. „Da kann man schon nervös werden. Ich glaube, dass das auch eine beginnende Paranoia verstärken kann.“

          Ochsenzoll ist die größte psychiatrische Klinik Norddeutschlands. Von dort ist es nur in kurzer Spaziergang durch ein Wäldchen, und schon steht man an dem Platz, an dem der Palästinenser Ahmad A. 2016 eine Unterkunft fand. Doch im Sommer 2017 nahm er in einem Supermarkt ein Fleischermesser aus dem Regal und begann, auf Passanten einzustechen. Ein Mann starb, sechs weitere Menschen wurden verletzt. Vor der Attacke machte Ahmad A. offenbar das durch, was Psychiater Dekompensation nennen. Erst wurde er ein bisschen seltsam, dann übernahmen krude Ideen die Herrschaft über sein Leben. Die Wanderschaften in die Moschee, das Pochen auf religiöse Riten: Seine muslimischen Mitbewohner hielten das nie für Glauben, stattdessen fragten sie nach medizinischer Hilfe. Gerufen wurde eine Beratungsstelle für Radikalisierung, dort lehnte man die Betreuung ab mit der Begründung, dass er psychisch auffällig sei. Aber niemand alarmierte den in Hamburg für solche Fälle zuständigen sozialpsychiatrischen Dienst, niemand ging mit ihm durch das Wäldchen in die Fachklinik. Und die Ärzte lässt diese Geschichte, die mit einem gezückten Fleischermesser endete, bis heute nicht los. Sie wollen eine solche Gelegenheit, zu helfen, nicht mehr verpassen, daher gebe es bei Flüchtlingen „eine niedrige Aufnahmeschwelle“, formuliert es einer.

          Wenn eine Wahnidee die Regie übernimmt

          Sprachmittler Ashuftah, Stationsarzt Simmons und der blasse junge Mann aus Afghanistan sitzen inzwischen im Arztzimmer an einem runden Tisch. Vor Simmons liegt die Akte mit dem Polizeibericht. Er atmet tief durch und sagt so aufrichtig erleichtert, dass man es eigentlich nicht übersetzen müsste: „Endlich kann ich Sie das mal fragen: Wie geht es Ihnen überhaupt?“ Doch Ashuftah nimmt seine Aufgabe ernst, und während er Paschtu spricht, fliegen seine sonst ruhigen Hände nach oben in die Luft und machen flatternde Bewegungen. Wer mit psychisch Kranken arbeitet, muss aushalten, dass Entscheidendes oft ungesagt bleibt. Von Menschen, die in einer Psychose erstarren, kaum reagieren und schon gar nicht zusammenhängend reden können. Oder wenn sie aus purem Misstrauen nicht reden wollen. Dann hilft die Beobachtung: Die Muskulatur zeigt innere Anspannung, Stimmen verraten sich, weil sie den Patienten ablenken. „Und dann gibt es noch diese tellerrunden Augen“, sagt Christian Schmidtmann. „Das sieht man oft, wenn sich ein Patient innerlich verändert, wenn eine Wahnidee im Kopf wieder die Regie übernimmt.“

          Der Junge sieht anfangs nur kurz hoch und antwortet leise auf die Fragen. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass jemand die Sachen in Ihrem Zimmer umstellt? Nein. Glauben Sie, dass jemand Kameras in Ihrer Umgebung versteckt? Nein. Können andere Ihre Gedanken kontrollieren? Nein, also so etwas doch nicht! Simmons fragt nach den Stimmen aus dem Polizeiprotokoll. Ja, sagt der Junge mit Hilfe von Ashuftahs sonorem Bariton, da waren mal Stimmen. Was für Stimmen? Zwei Männer. Sie sagten, bring ihn um, schlag ihn tot. Ja, das passt. Stimmen zu hören ist ein Kernsymptom der Schizophrenie, meist fängt die Krankheit mit einem Flüstern an. Das wird lauter, vielstimmiger. Wenn die Krankheit auf ihrem Höhepunkt ist, sind die Stimmen unüberhörbar und unerträglich. Solche inneren Monologe können, müssen aber nicht mit einer Wahnerkrankung zusammenhängen. Entscheidend für die Diagnose ist, ob der Patient erkennt, dass sie nicht echt sein können.

          Die Stimme der Großmutter oder ein Übersetzungsfehler?

          Aber wird das auch richtig übersetzt? Früher gab es viele persische Patienten auf der Station. Schmidtmann fiel auf, dass es oft die Großmutter war, die bei ihnen sprach. Sonst hört er eher von Geheimagenten oder großen Unbekannten. Dann kam eine neue Kollegin, Persisch war ihre Muttersprache, und sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, als sie die Akten sah: „Das ist nur ein Sprichwort. Da hat jemand zu wörtlich übersetzt. Ich höre die Stimme meiner Großmutter – so spricht man über sein Bauchgefühl!“

          Auch Ashuftah kennt Fälle, in denen blumige Sprachbilder falsch gedeutet wurden. Bei einem seiner Klienten vermuteten die Ärzte unsichtbare Begleiter. Auf die Frage, warum er zur Klinik gekommen war, gab der erste Dolmetscher die Antwort: „Nasib und Kesmat haben mich hergebracht!“ Da waren aber keine anderen Männer bei der Aufnahme. Also visuelle Halluzinationen. „Von wegen“, sagt Ashuftah. „Es ist ein afghanisches Sprichwort, warum das der Kollege nicht erläuterte, weiß ich nicht. Die sinnvolle Übersetzung heißt: Schicksal.“

          Um solche Fallstricke zu lösen, verwendet man im englischsprachigen Raum inzwischen einen Diagnosebogen mit „kulturbereinigten“ Fragemustern. Psychiater aus New York hatten ihn vor zehn Jahren mit Anthropologen entwickelt. Sie sammelten darin auch Begriffe, mit denen Menschen in anderen Weltgegenden Symptome wie Unruhe, Gedankenrasen oder Halluzinationen beschreiben. Als Psychiater aus dem kanadischen Winnipeg den Katalog an vermeintlich schizophrenen Patienten anwendeten, kamen sie zu einem beunruhigenden Ergebnis: Nur fünf Prozent dieser 323 Personen waren tatsächlich Psychotiker. Eine Fehldiagnose war umso wahrscheinlicher, je kürzer sie im Land waren. Die meisten hatten eher eine posttraumatische Belastungsstörung. Darunter leidet auch der blasse Junge in Hamburg. Dem Arzt wird es klar, als er mehr über die Stimmen erfahren will. Kennen Sie die Stimmen? Natürlich kenne ich sie. Woher? Sie sind aus meiner Vergangenheit. Genau wie die Bilder. Was für Bilder? Erinnerungen daran, wie sie die Menschen aus meinem Dorf getötet haben. Und andere Sachen. Sie laufen immer wieder ab, wie ein Film, wenn ich versuche zu schlafen. Ich weiß dann nicht mehr, wohin mit meiner Angst.

          Die Grenze zwischen Wahn und Trauma ist oft schwer zu ziehen

          Bei posttraumatischen Belastungsstörungen kommen Erinnerungen als sogenannte Flashbacks wieder. Als würden sie noch einmal passieren. Ähnlich klar wie Halluzinationen, aber im Gegensatz dazu wissen die Betroffenen, dass es nicht real ist. Auf dem Papier ein sicheres Kriterium. In der Praxis lässt sich die Grenze zwischen Trauma und Wahn oft nur schwer ermitteln. Wer schreckliche Dinge gesehen oder erlebt hat, der kann ziemlich psychotisch wirken. Auch Traumatisierte sind extrem angespannt, ängstlich, gereizt, und oft plagt die Patienten beides. „Den Trampelpfad vom Trauma zur Psychose“ nennt es Amy Hardy, Psychiaterin am Londoner King’s College. Sexueller Missbrauch kann das Stimmenhören triggern, Verfolgungswahn scheint mit emotionaler Vernachlässigung zusammenzuhängen. Nach Hardys Meinung begünstigen traumatische Erfahrungen, wenn sie unbehandelt bleiben, dass sich die Wahrnehmung insgesamt verändert. Und irgendwann erzählen die Kranken von Flashbacks wie von Halluzinationen.

          Als Schmidtmann den Visitewagen über den Flur schiebt, knallt ihm eine Frau leere Pizzakartons zwischen die Akten. „So, da können Sie mal sehen, was wirklich hier los ist. Dort steht alles, der ganze geheime Plan“, schreit sie und ist schon wieder weg. „Ist in Ordnung, Frau Schmidt“, sagt Schmidtmann. „Ich kümmere mich drum.“ Und lächelt, wie so oft, um ein bisschen Sonne hereinzulassen. Nach seiner Erfahrung sind Psychosepatienten, ob mit Belastungsstörung oder ohne, meist die Überlebenden von Schicksalsschlägen. Frau Schmidt ist seit Jahren krank. Jetzt hat sie sich überlegt, dass das mit den Medikamenten doch keine gute Idee ist. „Ich verstehe sie wirklich gut“, sagt Schmidtmann. „Erst starb ihr Mann, dann hat sich ihre Tochter umgebracht. Wie soll man das denn im Kopf aushalten?“ Ohne Medikamente würden ihre Gedanken rasen – und all die furchtbaren Dinge schnell hinter sich lassen.

          Der junge Afghane ist noch nicht so verloren. Er hat einen Fuß in der Wirklichkeit behalten. „Ich würde Sie gern auf eine offene Station verlegen“, sagt David Simmons. „Wir haben nicht gewusst, was Ihnen wirklich fehlt. Jetzt wissen wir es.“ Der junge Mann sieht auf. „Die Träume und die Angst, das müssen Sie nicht aushalten. Wir können etwas dagegen unternehmen.“ Es ist das erste Mal, seit er hierher nach Ochsenzoll gekommen ist, dass der Junge die Mundwinkel nach oben zieht. Schief und zitternd zwar, aber es ist sein erstes Lächeln.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.