https://www.faz.net/-gwz-10fn2

Zwergplaneten : Haumea oder Ataecina?

  • -Aktualisiert am

Geformt wie ein Rugby-Ball, rund 1300 mal 1600 Kilometer groß und dreht sich in 3,9 Stunden einmal um seine Achse: Zwergplanet Haumea, ehemals Asteroid 2003 EL61. Bild: Nasa

Der Asteroid 2003 EL61 ist in den Rang eines Zwergplaneten erhoben worden. Unter seinen neuen Standesgenossen wird er den Namen einer hawaiischen Göttin tragen. Der Benennung war ein Streit um die Entdeckung und das daraus abgeleitete Recht auf Namengebung vorausgegangen.

          Seit geraumer Zeit stand bei der Internationalen Astronomischen Union (IAU) die Entscheidung an, den Asteroiden 2003 EL61 in den Stand eines Zwergplaneten zu erheben und ihm einen Namen zu geben. Dass diese Entscheidung, die jetzt gefallen ist, schwierig sein würde, war klar; denn um die Entdeckung des Objekts hat es einen Streit gegeben, der letztlich nicht beigelegt worden ist.

          Offiziell wurden José Luis Ortiz Moreno, Francisco José Aceituno Castro und Pablo Santo-Sanz vom Sierra-Nevada-Observatorium in Granada (Spanien) als Entdecker anerkannt. Sie hatten das Objekt auf Fotos vom 7. März 2003 aufgespürt. Am 27. Juli 2005 informierten sie – was für eine Anerkennung Voraussetzung ist – das Minor Planetary Center in Cambridge (Massachusetts), das die Entdeckung daraufhin bekanntgab, über Objekt samt Bahndaten. Am Tag vorher war ein Mitarbeiter von Ortiz Moreno über das Internet auf Daten desselben Objekts von Michael Brown, Chad Trujillo und David Rabinowitz vom California Institute of Technology gestoßen, die es erstmals am 28. Dezember 2004 beobachtet hatten. Die Gruppe bereitete gerade einen Vortrag darüber vor, hatte aber das Minor Planetary Center noch nicht informiert. Brown behauptet nun, ohne die amerikanischen Daten hätte Ortiz das Objekt gar nicht als Asteroiden erkannt oder zumindest seine Bahn nicht berechnen können – ohne das aber beweisen zu können. Ortiz behauptet dagegen, sein Mitarbeiter hätte nur sehen wollen, ob es sich um dasselbe Objekt handelt.

          Götterstreit

          Bei der Benennung eines Klein- oder Zwergplaneten – so war es zumindest bis jetzt Sitte – folgt das Committee on Small Body Nomenclature der IAU normalerweise dem Vorschlag des Entdeckers, es sei denn, der Name ist völlig abwegig. Ortiz hatte, wie es heißt, den Namen einer in vorrömischer Zeit auf der Iberischen Halbinsel verehrten Gottheit gewünscht – Ataecina. Brown, der sich trotz der damaligen Entscheidung der IAU selbst als Entdecker fühlt, setzte dem einen eigenen Vorschlag entgegen – Haumea. Diese Gottheit repräsentiert in der hawaiischen Mythologie unter anderem die Fruchtbarkeit. Sie steht aber auch für das Element „Stein“, womit ein weiterer Bezug zu dem im Wesentlichen aus Stein bestehenden Himmelskörper gegeben ist.

          Das Objekt, das etwa die Form eines Rugby-Balls hat und rund 1300 mal 1600 Kilometer groß ist, dreht sich in etwa 3,9 Stunden einmal um seine Achse. Durch die schnelle Rotation dürfte es seine längliche Form erhalten haben, die aber am hydrostatischen Gleichgewicht – einer Voraussetzung für die Zuordnung zu den Zwergplaneten – nichts ändert. Ebenfalls infolge der Rotation scheinen sich kleine Brocken von dem Zwergplaneten abgetrennt zu haben. Brown hat zwei kleine Monde entdeckt, aus deren Bahnen sich die große Masse des Objekts herleiten lässt. Im Kuiper-Gürtel jenseits der Bahn des Neptuns, wo es sich bewegt, bestehen die meisten Objekte aus Eis.

          Großer Auftritt für einen kleinen Planeten

          Nach dem Willen der IAU soll der Zwergplanet jetzt Haumea heißen, obwohl offiziell weiterhin die spanischen Astronomen als Entdecker gelten. Die Monde haben nach zwei Kindern von Haumea die Namen Ki’iaka und Namaka erhalten. Auf der Sitzung des Nomenklatur-Komitees soll ein Vorschlag abgelehnt worden sein, wenn man nicht den von Ortiz empfohlenen Namen akzeptiere, wenigstens nicht den von Brown zu nehmen, sondern einen neutralen. Angeblich wurde der Name einer irdischen Göttin ins Gespräch gebracht. Außerdem heißt es, es könnten schlecht zwei Monde mit hawaiischen Namen um eine „iberische Gottheit“ kreisen. Das ist aber so, wie wenn man die Kinder vor deren Eltern benennt.

          Vielsagend ist, dass in der Verkündung der Namen durch die IAU weder ein Entdecker genannt noch dargelegt wird, wer den Namen vorgeschlagen hat. Beides ist sonst üblich. Es tauchte auch sofort der Verdacht auf, Browns gute Kontakte zu Brian Marsden, der fast dreißig Jahre lang Direktor des Minor Planetary Center gewesen ist, hätten bei der Wahl des Namens eine Rolle gespielt. Ein anderer Verdacht besagt, in der Liste des Minor Planetary Center mit allen Klein- und Zwergplaneten sollten – noch am Donnerstag – die spanischen Astronomen als Entdecker gestrichen und durch Brown ersetzt werden.

          So weit ist es zwar nicht gekommen, aber die Namen der Astronomen sind durch das Sierra Nevada-Observatorium ersetzt worden – ein ungewöhnlicher Vorgang. Im offiziellen Zwergplaneten-Verzeichnis des USGS, des Geologischen Dienstes der Vereinigten Staaten, wird ebenfalls nur das Observatorium genannt. Ungewöhnlich ist auch, dass in Browns Internet-Blog „Mike Brown’s Planets“ auf seiner aktuellen Seite zu Haumea, auf der der Astronom auch seine Kritik gegenüber den spanischen Kollegen wiederholt und verteidigt, von Donnerstag auf Freitag sein Porträtbild und sein Kurzlebenslauf verschwunden sind. Der Zwergplanet hat wahrlich einen großen Auftritt bekommen.

          Weitere Themen

          Bizarre Vogelspinne gibt Rätsel auf Video-Seite öffnen

          Was macht das Horn da? : Bizarre Vogelspinne gibt Rätsel auf

          Eine neu entdeckte bizarre Spinnenart gibt Wissenschaftlern Rätsel auf: Forscher aus Südafrika fanden die neue Art bei einer Expedition im Süden Angolas. Das Tier trägt einen hornartigen Fortsatz auf dem Kopf - einzigartig in der Welt der Spinnen.

          Verkannte Pionierinnen der Wissenschaft Video-Seite öffnen

          Vor fast 3000 Jahren : Verkannte Pionierinnen der Wissenschaft

          Die Geschichte der Wissenschaft wird als Geschichte von Männern erzählt. Doch auch Frauen spielten eine wichtige Rolle. Eine kleine Zeitreise durch die Geschichte der Wissenschaft, von der ersten Chemikerin vor fast 3000 Jahren bis zur letzten Physiknobelpreisträgerin 2018.

          Topmeldungen

          IS-Kämpfer im irakischen Mosul (Archivbild aus dem Juni 2014)

          Die Rücknahme von IS-Kämpfern : Zurück zum Rechtsstaat

          Im Umgang mit IS-Kämpfern kann Deutschland ein Zeichen setzen. Nicht als Vaterland von Verrätern, sondern als Verfechter der Werte der freien Welt. Dazu zählt die Unschuldsvermutung – aber auch, dass jede Tat verfolgt und angemessen bestraft werden muss. Ein Kommentar.

          Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

          Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.

          Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

          Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.
          Ein Demonstrant mit einer überlebensgroßen Maske von Facebook-Chef Mark Zuckerberg protestiert im November 2018 in London

          Datenskandal : Britisches Parlament wütet gegen Facebook

          Britische Abgeordnete sehen in Facebook und anderen sozialen Medien eine Gefahr für die Demokratie. Sie attackieren Mark Zuckerberg persönlich – und fordern ein unabhängiges Aufsichtsorgan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.