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Wissenschaftliche Konsortien : Entdeckersehnsucht

Rund 120 der mehr als 200 Forscher des EHT-Konsortiums trafen sich im November 2018 im Rahmen des „Event Horizon Telescope Collaboration Meetings“ an der Radboud Universität in Nijmegen. Bild: Radboud University

Hinter großen wissenschaftlichen Durchbrüchen stehen heute meist Hunderte von Forschern. Dass unsere Sehnsucht nach einem entscheidenden Einzelentdecker dennoch groß ist, konnte man jüngst erneut beobachten.

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          Wo eine Entdeckung gemacht wurde, da muss es auch einen Entdecker geben. Diese Überzeugung ist tief in uns verwurzelt. Schon der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn konnte 1962 daran wenig ändern, als er beklagte, der Satz „Der Sauerstoff wurde entdeckt“ sei irreführend, da er den Anschein erwecke, als sei das Entdecken ein einziger und einfacher Vorgang. Tatsächlich sei das praktisch nie der Fall und könne als Vorstellung kaum einer historischen Analyse standhalten.

          Was Kuhn an Beispielen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts belegen konnte, gilt umso mehr für unsere heutige Wissenschaft, die seitdem nicht nur massiv an Komplexität gewonnen hat, sondern zudem immer stärker in internationalen Kollaborationen organisiert ist. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Wissenschaftler arbeiten da zusammen, jeder leistet seinen Beitrag, und erst die arbeitsteilige Zusammenarbeit macht möglich, was schließlich öffentlich gefeiert wird: die bahnbrechende Entdeckung.

          Für die mediale Vermittlung ist natürlich unschön, der personifizierenden Entdeckersehnsucht nicht entsprechen zu können. Und so macht man sich trotzig auf die Suche nach dem einen entscheidenden Mitglied des sonst so gesichtslosen Konsortiums, nach demjenigen also, ohne den der ganze Erfolg nicht möglich gewesen wäre.

          Vergangene Woche wurde das amerikanische Nachwuchstalent Katie Bouman „Opfer“ dieses Mythos. Bouman hatte 2017 in ihrer exzellenten Doktorarbeit Verfahren entwickelt, um die komplizierte Methode der Bilderzeugung für die erste Aufnahme eines Schwarzen Lochs mit Hilfe des Event Horizon Telescope zu verbessern. Mit der medial geteilten Aussage, sie sei „die Frau“ hinter der Entdeckung, machte man sie nun zum einfachen Ziel böswilligster Attacken in den Niederungen der sozialen Medien.

          Dass es ohne sie das Bild nicht geben würde, hatte Bouman selbst freilich nie behauptet, so wenig wie ihre Kollegen. Gleichermaßen einhellig bekräftigten die EHT-Astronomen, dass sich Bouman auch ohne dieses Alleinstellungsmerkmal mit ihren wichtigen Beiträgen keineswegs verstecken müsse. Genützt hat es wenig: undifferenzierter Geniekult traf ungebremst auf den Hass der Trolle. Fake-Accounts wurden erstellt, sinnfrei-akribisch Softwarezeilen gezählt und die Löschung von Boumans Wikipedia-Seite nahegelegt. Dabei ist der Erfolg so groß, dass er bequem für alle reichen sollte. Für die mehr als 200 Forscher in aller Welt, den Nachwuchs und die Professoren, Männer wie Frauen, deren kombinierte Kompetenzen das historische Bild tatsächlich erst möglich machten.

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