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Weltraumfahrt : Science und Fiction auf dem Mars

Er will sich „mit Wissenschaft aus der Scheiße ziehen“: Matt Damon als Astronaut Mark Watney in der Verfilmung von Andy Weirs packender interplanetarer Robinsonade. Bild: 20th Century Fox

Zukunftsromane setzen sich gerne mal über wissenschaftliche Fakten hinweg. Der Bestseller „Der Marsianer“ jedoch macht reale Wissenschaft und Technik faktisch zu einem Hauptmotiv. Wie weit kann so etwas gelingen?

          Am schwierigsten waren die Drähte, richtig nervtötend“, sagt Sir Ridley Scott. „Für die Szenen in Schwerelosigkeit hing jeder Schauspieler an vier Drähten, und wenn wir dann eine Bewegung drehten, gerieten sie leicht ins Pendeln. Dann konnte man das alles gerade noch mal machen.“

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun war dies nicht der erste Science-Fiction-Film, den der britische Regisseur gedreht hat. Mit „Alien“ war er 1979 berühmt geworden, und mit „Prometheus“ erzielte er 2012 einen seiner größten kommerziellen Erfolge. In beiden Produktionen kam er allerdings um Schwerelosigkeit herum. In seinem neuen Film „Der Marsianer“, der am 8. Oktober in die Kinos kommt, ging das nicht. Hier durfte alles nur den bekannten physikalischen Gesetzen folgen. Und tatsächlich, im „Marsianer“ sind die schwerelosen Sequenzen noch schöner als in Stanley Kubricks ob seiner wissenschaftlichen Akkuratesse vielgelobtem Klassiker „2001“ von 1968 - und sie sind noch realistischer.

          Der Schauplatz des Romans auf einer topographischen Marskarte, die der Autor Andy Weir offenbar genau studiert hat. Die Farben zeigen Höhen und Tiefen zwischen minus 5000 Metern (blau) und plus 2000 Metern (weiß) über dem mittleren Marsniveau an. Gestrichelt sind die Wege, die der Protagonist zurücklegt. Von seiner Ausgangsposition (“The Hab“) bis zum rettenden Raumschiff (MAV) hat er 3700 Kilometer zu überwinden.

          „Kubrick hat etwas geschummelt“, erklärt Ridley Scott vergnügt. „In der Szene in der Luftschleuse.“ Dort bewegten sich die Astronauten wie unter Schwerkraft. Doch die gebe es nur außen an dem sich drehenden Rad, wo die Fliehkraft die Erdanziehung simuliert. „Dort kann diese Schleuse aber gar nicht sein.“

          Scotts Lust am physikalischen Realismus speist sich allerdings nicht nur aus den 1968 noch inexistenten Möglichkeiten der digitalen Postproduktion, sondern vor allem aus der Vorlage. „Der Marsianer“ ist ein Werk des Amerikaners Andy Weir. Der war im Brotberuf Programmierer, als er den Roman 2009 in Fortsetzungen auf seiner Website veröffentlichte. Es wurde ein märchenhafter Erfolg, der von einer 99-Cent-Kindle-Version über die Bestsellerliste der New York Times bis zum Verkauf der Filmrechte führte. Dabei klingt das Thema zunächst nach Spartenkino für männliche Space-Nerds: Der Roman spielt in naher Zukunft und erzählt von einer Marsexpedition, die wegen eines Sturms abgebrochen werden muss. Die Hauptfigur, der Astronaut Mark Watney, wird dabei von einem Trümmerteil getroffen, von seinen Kameraden für tot gehalten und zurückgelassen. Als er wieder zu sich kommt, ist er allein auf dem Mars und muss sich einiges einfallen lassen, um zu überleben.

          Knallgas und Kartoffeln

          Weir entwickelt aus dieser Situation Spannung und Witz, und beides funktioniert auch deswegen, weil dem armen Watney in seinen Überlebensbemühungen enge Grenzen gesetzt sind - nur eben nicht von Ängsten oder Verstrickungen, sondern von naturwissenschaftlich fassbaren Realitäten und Kontingenzen: dem Marsterrain, der Knallgasreaktion, den Voraussetzungen für den Kartoffelanbau. „Daraus ergibt sich ein faszinierendes Muster von Ursache und Wirkung“, sagt Ridley Scott. Dies, die starken Figuren - nicht nur die Watneys, sondern etwa auch die seiner toughen Kommandantin - sowie die ästhetischen Möglichkeiten seien es gewesen, was den Regisseur für die Geschichte eingenommen habe.

          Andy Weirs angestrebter Realismus ist aber nicht bloßes Kalkül, sondern entspringt dem Naturell des Autors. „Bei Wissenschaft bin ich kleinlich“, sagte Weir dem Magazin Science. „Es haut mich richtig aus einer Geschichte raus, wenn ich Fehler sehe. Und das wollte ich meinen Lesern ersparen.“ Also hat er recherchiert. Anders als später Scott hat er sich dabei nicht von der Nasa beraten lassen, sondern überwiegend von Google.

          Die Marsforscher jubeln ...

          Das Ergebnis allerdings loben auch Experten. „Das ist schon sehr überzeugend gemacht“, sagt etwa der Planetologe Ralf Jaumann vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR). So hat Jaumann festgestellt, dass Weir intensiv die Bilder der europäischen Sonde „Mars Express“ studiert haben muss, als er Mark Watneys Route von seiner Position in der Tiefebene Acidalia Planitia hinauf in das Hochland von Arabia Terra entwarf (siehe Karte). Dieser Weg führt durch das Tal Mawrth Vallis, wo Hinweise auf mineralische Reste jahrmilliardenalter Wassererosion gefunden wurden, weswegen die Gegend als Ziel der für 2018 geplanten Landung des Rovers der europäischen ExoMars-Mission im Gespräch ist.

          Weiter ist es Andy Weir wichtig, Zahlen zu nennen, und er gibt sich ersichtlich Mühe, dass sie auch stimmen. „Sein Held Mark Watney rechnet viel“, sagt Rupert Gerzer, der Leiter des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der DLR in Köln. „Watney rechnet, um herauszufinden, wie viel Wasser er braucht, wie viel Sauerstoff, wie viele Kalorien.“ Gerzer moniert lediglich, dass Weir das Problem der hohen Strahlenbelastung zukünftiger Marsastronauten komplett ausgeklammert hat - neben den finanziellen Aspekten sicher das größte Problem für die Verwirklichung eines bemannten Marsprogramms.

          ... der Experte für Raumflugdynamik schon etwas weniger

          Dies ist allerdings nicht das einzige Stück Realismus, das der Autor auf dem Altar von Dramaturgie und Erzählökonomie opfert. Den eklatantesten Verstoß gegen die Naturgesetze erlaubt er sich gleich zu Beginn der Geschichte, bei dem Sturm, durch den sein Held überhaupt in seine missliche Lage gerät. Dieser fegt zwar mit 175 Kilometern pro Stunde über Acidalia Planitia, aber infolge der äußerst dünnen Marsatmosphäre wäre er nicht imstande, irgendetwas in Bewegung zu setzen, was schwerer ist als etwa sechs Kilogramm pro Quadratmeter Standfläche. Also auch nicht die Rakete, deren drohendes Umkippen in der Geschichte jenen Notstart erzwingt, bei dem Watney zurückgelassen wird.

          Andy Weir hat in Interviews freimütig zugegeben, dass er hier vorsätzlich getrickst hat. Aber ist ihm auch klar, dass einige der von ihm geschilderten raumflugdynamischen Sachverhalte so nicht stimmen können? Michael Khan, Missionsanalytiker beim European Space Operations Center der europäischen Raumfahrtorganisation Esa in Darmstadt, sind vor allem zwei Fehler aufgefallen. Sie passieren beide - Achtung, Spoiler! - an entscheidenden Stellen des Plots.

          Da wäre erstens der Fehlstart der Versorgungskapsel, welche die Nasa dem gestrandeten Astronauten zum Mars schicken möchte. Im Buch sind daran Schwingungen in der Ladung schuld, die sich durch sogenannte Queroszillationen verflüssigt hat. „Da fragt man sich doch, wie dann überhaupt eine Rakete erfolgreich starten kann, die Hunderte Tonnen flüssigen Treibstoffs an Bord hat“, sagt Khan.

          Bahnmechanisch im Bereich des Möglichen

          Der zweite Schnitzer hängt mit Watneys Start mit dem „Mars Acending Vehicle“ (MAV) zusammen, der Rakete der Folgemission, die er am Ende in einer 3700 Kilometer langen Fahrt quer durch Arabia Terra erreicht. Wie Khan erklärt, ist die von Weir genannte Endgeschwindigkeit des MAV deutlich zu gering, um die „Hermes“, das interplanetare Raumschiff mit Watneys Kameraden, wie geschildert zu erreichen - nötig wäre das Doppelte! Durch Demontieren nicht benötigter Komponenten zwecks Gewichtsersparnis, wie bei Weir beschrieben, sei das nicht zu erreichen. „Man müsste ein viel größeres, mehrstufiges MAV haben, damit das so geht.“ Womit Andy Weir aber richtigliegt, das ist das Manöver, mit dem die „Hermes“ an der Erde vorbei zum Mars zurückkehrt, um Watneys skelettiertes MAV im Vorbeiflug aufzulesen. „Das läge bahnmechanisch durchaus im Bereich des Möglichen“, sagt Michael Khan. Tatsächlich ist das Manöver für die Wendung der Handlung so zentral, dass Weir hier besonders sorgfältig vorgegangen ist und sich sogar eigene Software dafür geschrieben hat.

          Weirs Projekt, innerhalb der Grenzen der bekannten Naturgesetze eine spannende Science-Fiction zu erzählen, ist ihm mit den genannten Abstrichen durchaus geglückt. Das Faszinierende an Ridley Scotts filmischer Adaption ist nun, dass es ihr gelingt, nicht nur die Spannung und den spezifischen Humor der Vorlage einzufangen, sondern auch die Art und Weise, wie reale Technik und Wissenschaft hier nicht nur als Beiwerk, Kulisse und Treibsatzvorrat für die Handlung fungieren, sondern als ein eigenes, zentrales Thema der Geschichte.

          Von den künstlerischen Freiheiten, die sich Scott gegenüber der Vorlage herausnahm, ist die gravierendste wohl die Entscheidung, die Außenaufnahmen zwischen den spektakulären Felsen des Wadi Rum in Jordanien zu drehen - die wahre Acidalia Planitia ist bretteben. Ansonsten konnten er und der amerikanische Drehbuchautor Drew Goddard („Buffy“, „Cloverfield“) alle Technik, die schwer zu visualisieren war, vor allem die im Buch sehr ausführliche Diskussion der Lebenserhaltungssysteme, weglassen oder so abwandeln, dass sie visuell etwas hermachten. Das Wissenschaftsmotiv wurde dadurch nicht abgeschwächt, vielmehr wird es Zuschauern, die mit dem „Science“ in Science-Fiction sonst weniger anfangen können, sogar ein Stück näher gebracht, als Weirs Text es vermag.

          „Drew Goddard hat Andy Weirs Buch einen Liebesbrief an die Wissenschaft genannt“, sagt Ridley Scott. „Daher wollte ich hier alles so genau wie möglich machen. Ohne langweilig zu sein.“

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