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Weltraumfahrt : Science und Fiction auf dem Mars

... der Experte für Raumflugdynamik schon etwas weniger

Dies ist allerdings nicht das einzige Stück Realismus, das der Autor auf dem Altar von Dramaturgie und Erzählökonomie opfert. Den eklatantesten Verstoß gegen die Naturgesetze erlaubt er sich gleich zu Beginn der Geschichte, bei dem Sturm, durch den sein Held überhaupt in seine missliche Lage gerät. Dieser fegt zwar mit 175 Kilometern pro Stunde über Acidalia Planitia, aber infolge der äußerst dünnen Marsatmosphäre wäre er nicht imstande, irgendetwas in Bewegung zu setzen, was schwerer ist als etwa sechs Kilogramm pro Quadratmeter Standfläche. Also auch nicht die Rakete, deren drohendes Umkippen in der Geschichte jenen Notstart erzwingt, bei dem Watney zurückgelassen wird.

Andy Weir hat in Interviews freimütig zugegeben, dass er hier vorsätzlich getrickst hat. Aber ist ihm auch klar, dass einige der von ihm geschilderten raumflugdynamischen Sachverhalte so nicht stimmen können? Michael Khan, Missionsanalytiker beim European Space Operations Center der europäischen Raumfahrtorganisation Esa in Darmstadt, sind vor allem zwei Fehler aufgefallen. Sie passieren beide - Achtung, Spoiler! - an entscheidenden Stellen des Plots.

Da wäre erstens der Fehlstart der Versorgungskapsel, welche die Nasa dem gestrandeten Astronauten zum Mars schicken möchte. Im Buch sind daran Schwingungen in der Ladung schuld, die sich durch sogenannte Queroszillationen verflüssigt hat. „Da fragt man sich doch, wie dann überhaupt eine Rakete erfolgreich starten kann, die Hunderte Tonnen flüssigen Treibstoffs an Bord hat“, sagt Khan.

Bahnmechanisch im Bereich des Möglichen

Der zweite Schnitzer hängt mit Watneys Start mit dem „Mars Acending Vehicle“ (MAV) zusammen, der Rakete der Folgemission, die er am Ende in einer 3700 Kilometer langen Fahrt quer durch Arabia Terra erreicht. Wie Khan erklärt, ist die von Weir genannte Endgeschwindigkeit des MAV deutlich zu gering, um die „Hermes“, das interplanetare Raumschiff mit Watneys Kameraden, wie geschildert zu erreichen - nötig wäre das Doppelte! Durch Demontieren nicht benötigter Komponenten zwecks Gewichtsersparnis, wie bei Weir beschrieben, sei das nicht zu erreichen. „Man müsste ein viel größeres, mehrstufiges MAV haben, damit das so geht.“ Womit Andy Weir aber richtigliegt, das ist das Manöver, mit dem die „Hermes“ an der Erde vorbei zum Mars zurückkehrt, um Watneys skelettiertes MAV im Vorbeiflug aufzulesen. „Das läge bahnmechanisch durchaus im Bereich des Möglichen“, sagt Michael Khan. Tatsächlich ist das Manöver für die Wendung der Handlung so zentral, dass Weir hier besonders sorgfältig vorgegangen ist und sich sogar eigene Software dafür geschrieben hat.

Weirs Projekt, innerhalb der Grenzen der bekannten Naturgesetze eine spannende Science-Fiction zu erzählen, ist ihm mit den genannten Abstrichen durchaus geglückt. Das Faszinierende an Ridley Scotts filmischer Adaption ist nun, dass es ihr gelingt, nicht nur die Spannung und den spezifischen Humor der Vorlage einzufangen, sondern auch die Art und Weise, wie reale Technik und Wissenschaft hier nicht nur als Beiwerk, Kulisse und Treibsatzvorrat für die Handlung fungieren, sondern als ein eigenes, zentrales Thema der Geschichte.

Von den künstlerischen Freiheiten, die sich Scott gegenüber der Vorlage herausnahm, ist die gravierendste wohl die Entscheidung, die Außenaufnahmen zwischen den spektakulären Felsen des Wadi Rum in Jordanien zu drehen - die wahre Acidalia Planitia ist bretteben. Ansonsten konnten er und der amerikanische Drehbuchautor Drew Goddard („Buffy“, „Cloverfield“) alle Technik, die schwer zu visualisieren war, vor allem die im Buch sehr ausführliche Diskussion der Lebenserhaltungssysteme, weglassen oder so abwandeln, dass sie visuell etwas hermachten. Das Wissenschaftsmotiv wurde dadurch nicht abgeschwächt, vielmehr wird es Zuschauern, die mit dem „Science“ in Science-Fiction sonst weniger anfangen können, sogar ein Stück näher gebracht, als Weirs Text es vermag.

„Drew Goddard hat Andy Weirs Buch einen Liebesbrief an die Wissenschaft genannt“, sagt Ridley Scott. „Daher wollte ich hier alles so genau wie möglich machen. Ohne langweilig zu sein.“

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