https://www.faz.net/-gwz-96iir

Gefahr durch Weltraumschrott : Abstürzende Himmelspaläste

  • -Aktualisiert am

Eine neue alte Methode

Solche Prognosen errechnen die Forscher mit Computermodellen, die jedes Detail eines Wiedereintritts simulieren. Bei Tiangong-1 ist das nicht möglich, zu unklar ist der genaue Aufbau der Station. Trotzdem wollen Wissenschaftler so viel wie möglich aus dem Absturz lernen. Sie werden das Labor deshalb auch mit einer Methode untersuchen, die noch in den Kinderschuhen steckt.

Beim sogenannten Satellite Laser Ranging etwa schickt man einen Laserstrahl in Richtung eines Satelliten, von dem aus ein Spiegel das Licht zurück zu einem Sensor wirft. Aus der Zeit, die das Licht für seine Reise braucht, kann man den Abstand zum Satelliten bis auf einige Zentimeter genau bestimmten. Seit den 60er Jahren gibt es dieses Messprinzip zur Ortung von Satelliten. Es ist heutzutage wirklich nichts Spektakuläres mehr. Spektakulär sind jedoch die Versuche, mit diesem Prinzip Weltraumschrott zu orten.

Gar nicht allein im All

Tiangong-1 ist zwar ein sehr großes Stück Schrott, doch ist es nur eines von schätzungsweise 29.000 Raumfahrttrümmern von mindestens zehn Zentimeter Größe, die im Erdorbit treiben. Darunter sind Raketenstufen, ausgemusterte Satelliten, Bruchstücke explodierter Satelliten und Überreste zweier Ereignisse der letzten Jahre. 2007 hat China einen seiner Wettersatelliten abgeschossen und dabei 3400 Fragmente produziert. Im Februar 2009 kollidierten ein „Iridium“- und ein „Kosmos“-Satellit mit knapp 40.000 Kilometern pro Stunde. Auch dabei entstanden Tausende neuer Trümmer.

Den Müll gilt es, so gut es geht im Auge zu behalten. Das strategische Kommando der Vereinigten Staaten führt über 23.000 der Schrottfragmente Buch. Mehrmals am Tag wird ihre Position überprüft. In tiefen Umlaufbahnen bis zu 2000 Kilometer Höhe geschieht das mittels ausgedehnter Radar-Systeme, die über die ganze Welt verteilt sind und ursprünglich im Kalten Krieg nach ballistischen Raketen spähen sollten. Heute erfassen sie Schrottteile, die mindestens zehn Zentimeter groß sind. Weiter draußen, etwa im geostationären Orbit, wo sich Satelliten in 35 .000 Kilometer Höhe befinden, wird der Schrott mit optischen Teleskopen überwacht. Dort liegt die Nachweisgrenze bei 30 Zentimeter Durchmesser.

Die amerikanischen Daten stehen auch der Esa zur Verfügung. Krag öffnet ein Computerprogramm, in dem er alle aktiven Esa-Satelliten auswählen kann. Er klickt auf Sentinel-1B und bekommt sofort alle Objekte angezeigt, die in den nächsten sieben Tagen mit dem Erdbeobachtungssatelliten kollidieren könnten. In zwei Fällen wird eine Kollision mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000 prognostiziert. Das ist recht viel für eine Begegnung im All. Eines dieser Teile stammt vom Iridium-Kosmos-Crash, das andere vom chinesischen Anti-Satelliten-Test. „Das zeigt, wie sehr wir mit diesen beiden Ereignissen zu kämpfen haben“, sagt Krag. Die möglichen Zusammenstöße sollen laut den Berechnungen in fünf Tagen passieren. Krag wird die Daten weiter beobachten. Doch werden, das ist inzwischen klar, diese beiden Trümmer nicht zu einem Manöver führen.

Hin und wieder ist das der Fall. Wenn die Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenstoß drei Tage vor dem Ereignis groß genug ist, informiert Krag das „Flight Operations Team“, also die Leute, die den Satelliten fliegen. Einen Tag vor dem Crash erfahren die Flugdynamiker davon, damit sie ein Ausweichmanöver planen und testen können. Spätestens zwölf Stunden vor dem prognostizierten Zusammenstoß muss alles bereit sein, dann kann der Befehl zum Satelliten gefunkt werden. „Pro Satellit ist das etwa zwei- bis dreimal im Jahr der Fall“, sagt Krag. Die internationale Raumstation ISS musste schon mehr als zwanzigmal Schrott ausweichen.

Weitere Themen

Im Schatten des Kometenschweifs

Fremde Sonnensysteme : Im Schatten des Kometenschweifs

Exoplaneten kennt man inzwischen Tausende, aber „Exokometen“? Gleich drei davon fanden Astronomen nun mit einem neuen Weltraumteleskop. Die Auswertung der Daten ist schwierig, macht aber Hoffnung auf weitere Funde.

In der Menge liegt die Wahrheit Video-Seite öffnen

Vererbungslehre : In der Menge liegt die Wahrheit

Wie Vererbung geht, lernt man bereits in der Schule. Aber so einfach wie bei Erbsen ist das nur in Ausnahmefällen. Die quantitative Genetik hat in jüngster Zeit Erkenntnisse gewonnen, die alles auf den Kopf stellen. Das wird schon bald praktische Konsequenzen haben.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.