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Weltraumforschung : Die Dritte Welt will ins All

  • -Aktualisiert am

Bauarbeiten am Fundament des Entoto Optik-Teleskops Bild: Toni Kaatz-Dubberke

Äthiopien zählt zu den zwanzig ärmsten Ländern, mehr als fünf Kinder sind normal. Und trotzdem baut es ein Observatorium und fördert Visionäre.

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          ADDIS ABEBA, im März.

          Die steinige Bergpiste, die zur Baustelle des „Entoto Observatory“ führt, ist ohne Allradfahrzeug nicht zu bewältigen, auch wenn sie nur eine halbe Stunde entfernt von Äthiopiens Hauptstadt entfernt liegt. Dem ausländischen Besucher bleibt der Atem weg aufgrund der Höhe von 3200 Metern und dem spektakulären Blick über Addis Abeba. Den äthiopischen Weltraumforschern stockt der Atem, wenn sie erzählten, was hier ensteht. Ein Traum wird wahr. Eingehüllt in Decken, beobachten einige Ziegenhirten stoisch die Besucher. Wahrscheinlich schon seit vielen Generationen haben sie von den umliegenden Feldern aus die Sterne beobachtet.

          In wenigen Monaten sollen hier Forscher und Studenten aus ganz Afrika den Himmel über Äthiopien professionell, mit Hilfe zweier Teleskope, untersuchen. Auf einer Anhöhe werden gerade die Fundamente dafür ausgegossen. Im Rohbau des angeschlossenen Forschungszentrums riecht es nach frischem Putz, noch gibt es keinen Strom. Umso mehr leuchten die Augen von Solomon Belay, dem Direktor des Entoto Astronomical Observatory and Space Science Research Center, als er berichtet, dass die beiden Teleskope bereits mit dem Schiff auf dem Weg nach Äthiopien sind. Gebaut wurden sie von einem Unternehmen aus München.

          Weltklasseforschung am Horn von Afrika

          Die rund zwei Millionen Euro teure Anlage wird eines der (die einzige ihrer Art und das zweite optische Observatorium überhaupt, Anm. d. Red)  größten Observatorien  in Afrika sein. „Wir bauen diese Anlage einerseits für die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern in insgesamt acht Disziplinen wie der angewandten Physik, Mathematik und Klimaforschung. Zum anderen wird dies ein Ort für Weltklasseforschung werden und so vielen äthiopischen und anderen afrikanischen Universitäten helfen, ihre Kapazitäten im Bereich Astronomie und Weltraumforschung weiterzuentwickeln“, sagt Belay. Er ist nicht nur einer der Pioniere in der äthiopischen Weltraumforschung, sondern auch Mitbegründer der äthiopischen Weltraumforschungsgesellschaft (ESSS). Seit seiner Kindheit in einem kleinen Dorf im Nordwesten Äthiopiens wollte er Mathematiker oder Physiker werden.

          Optisches 1-Meter-Teleskop für das Entoto Observatory.
          Optisches 1-Meter-Teleskop für das Entoto Observatory. : Bild: ESSS

          Ich weiß, was notwendig ist

          Ähnlich ging es dem sechsundzwanzigjährigen Studenten Asmelesh Gebremedin, der zur Elektronendichte in der Ionosphäre über Ostafrika forscht. Für ihn ist der Bau des Observatoriums ein faszinierender Meilenstein für Äthiopien und zugleich seine ganze Hoffnung auf einen Job. „Es gibt keine Jobs für Astrophysiker in Äthiopien. Trotzdem bin ich nicht besorgt. Ich möchte Wissenschaftler oder Professor hier am Forschungszentrum werden, und dafür muss man sehr hart, Tag und Nacht, studieren. Ich weiß, was notwendig ist.“ Natürlich war seine Familie nicht begeistert, dass er Astrophysik und nicht wie seine Klassenkameraden Wirtschaft, Informatik oder Buchhaltung studiert hat.

          Keine Luxuswissenschaft mehr

          „Mich interessiert das und darin bin ich gut“, sagt Gebremedin. Zurzeit gibt es nur eine Handvoll Studenten der Astrophysik, die über ganz Äthiopien verstreut sind. Daher ist es Belay ein wichtiges Anliegen, schon früher anzusetzen. Seine Gesellschaft hat bereits 2008 erreicht, dass Grund- und Mittelschullehrer systematisch auch in Grundlagen der Astronomie und Weltraumforschung weitergebildet wurden und im Unterricht etwa der Physik, Chemie oder Mathematik inzwischen astronomische Themen mitbehandelt werden. „Unser Hauptproblem ist fehlende eigene Expertise. Diese auszubilden kann aber nicht erst an der Universität geschehen“, sagt Belay in seinem karg eingerichteten Büro an der Universität von Addis Abeba. Viel Überzeugungsarbeit war notwendig. „Früher sah man Weltraumforschung in Äthiopien als Luxuswissenschaft. Natürlich können wir es luxuriös aufziehen.

          Ersehnte Unterstützung vom Staat

          Das hängt von den Zielen ab, die man verfolgt. Unser Ziel ist es, Wissenschaft für Wandel zu benutzen, für reduzierte Armut, eine große Forschungsgemeinschaft, die auch international vernetzt ist. So haben wir die Regierung überzeugt, die uns jetzt sehr unterstützt.“ Zwar sind wichtige Ministerien wie das für Technologie oder das für Bildung positiv eingestellt, der Großteil der Finanzen jedoch kommt von den etwa 1500 Mitgliedern der ESSS selbst sowie von privaten Investoren wie dem reichsten Mann Äthiopiens, Sheikh Alamudin.

          Ausbildung und Infrastruktur

          Fachliche und technische Unterstützung kommt vor allem von der Internationalen Astronomischen Union, der Äthiopien im August vergangenen Jahres als fünftes Land Afrikas beigetreten ist. Kevin Govender, Direktor des Office Astronomy for Development (IAU-OAD) mit Sitz in Südafrika ist beeindruckt von den Fortschritten, die Äthiopien bisher gemacht hat. „Äthiopien ist eines der führenden Länder in Afrika in diesem Sektor, weil es in das Entoto-Forschungszentrum investiert. Die meisten anderen Länder fokussieren auf Ausbildung, aber nur wenige bauen Infrastruktur“, berichtet er.

          Knowhow aus Südafrika

          In Südafrika steht das einzige andere optische Teleskop in Afrika. Regelmäßig werden von dort Experten entsendet, die beim Aufbau des Observatoriums in Addis Abeba helfen. Auch bei Konferenzen und Ausbildungsprogrammen wird Äthiopien unterstützt. Das Ziel ist, Äthiopien zum regionalen Wissenschaftsstandort auszubauen und Ressourcen ostafrikanischer Länder am Entoto-Forschungszentrum zu bündeln. Govender ist froh, dass Äthiopien diesen großen Schritt geht und sich ein Weltraumforschungszentrum leistet: „Einmal abgesehen von der internationalen Anerkennung für ein Land, das in der Lage ist, Weltklasseforschung zu betreiben, geht es darum, die nächste Generation afrikanischer Wissenschaftler zu inspirieren. In vielen afrikanischen Ländern werden immer nur die aktuellen Herausforderungen angegangen. Um aber zur Wurzel der Herausforderungen vorzudringen, brauchen wir lösungsorientierte Gesellschaften.“

          Der Traum vom ersten äthiopischen Satelliten

          Zuversichtlich ist Govender daher auch hinsichtlich des neuesten und ambitioniertesten Vorhabens der äthiopischen Weltraumforscher. In nur zwei Jahren könne der erste äthiopische Kommunikationssatellit im Orbit kreisen, berichtete unlängst die Lokalpresse. Ganz so schnell wird es dann aber doch nicht gehen. Zwar hat sich das Addis Abeba Institute of Technology auf ein von der Europäischen Kommission gefördertes Projekt beworben, das Ende 2014 bis zu 50 Kleinstsatelliten, sogenannte „CubeSat“ in die Ionosphäre befördern will. Inzwischen hat das Institut aber die Bewerbung zurückgezogen.

          „Wir sehen es als nicht mehr vernünftig an, da der CubeSat nach nur drei Monaten in der Atmosphäre verbrennen, uns aber bis zu 200 000 Euro kosten würde“, sagt Getahun Mekuria, der stellvertretende wissenschaftliche Direktor des Instituts, der in Duisburg promoviert wurde. „Inzwischen planen wir in größeren Dimensionen.“ Eine äthiopische, kleine Nasa soll geschaffen werden, die Labore unterhalten soll. „Dort können wir dann einen großen Satelliten bauen, der länger in der Atmosphäre bleibt und viele Funktionen hat. Das allerdings wird noch fünf, sieben oder zehn Jahre dauern“, sagt Mekuria.

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