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Wenn extrasolare Planeten verschwinden : Ex-und-hopp

Planetensystem Gliese 581 nur noch aus drei Trabanten? Bild: ESO

Das Vorzeigesonnensystem Gliese 581 hat die Hälfte seiner Planeten verloren. Eine Analyse früherer Messdaten entlarvte die Trabanten als Artefakte der Sternaktivität. Verschwinden nun weitere ferne Welten von der Bildfläche?

          Wie gewonnen, so zerronnen. Diese leidvolle Erfahrung haben in den vergangenen Tagen nicht nur viele Teams bei der Fußball-WM in Brasilien machen müssen, auch Planetenforscher bleiben nicht verschont. Gliese 581, der Rote Zwerg im Sternbild Waage, war lange Zeit der Star unter den fernen Sonnen und Hoffnungsträger für alle, die fieberhaft nach außerirdischem Leben suchen. Nicht drei oder vier, nein gleich sechs Planeten sollen früheren Beobachtungen zufolge den nur zwanzig Lichtjahre von der Erde entfernten orangeroten Stern umkreisen. Zwei Trabanten - Gliese d und Gliese g, so ihre Katalogbezeichnungen - scheinen ihre Bahnen sogar durch die lebensfreundliche Zone von Gliese 581 zu ziehen. Also durch eine Zone, in der es weder zu heiß noch zu kalt ist, so dass Wasser dort in flüssiger Form existieren könnte.

          Besonders Gliese g, der vor vier Jahren entdeckt wurde, hat bei den Alienforschern Begeisterung ausgelöst, schien der extrasolare Planet doch etwa so groß zu sein wie die Erde und aus Gestein zu bestehen - eine ideale Heimat für Außerirdische also, die man sofort mit Teleskopen zu orten versuchte. Doch für die Planetenforscher hat es jetzt einen herben Dämpfer gegeben: Gliese g und d sowie der weiter außerhalb seiner Bahn ziehende Gliese f existieren gar nicht. Sie sind nichts anderes als Artefakte der magnetischen Aktivität ihres Heimatsterns und wohl das Ergebnis allzu leichtfertiger Datenauswertung.

          Erst der Anfang einer Lawine?

          So lautet das vernichtende Ergebnis von Astronomen der Pennsylvania State University in University Park, über das in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Science“ zu lesen ist. Paul Robertson und seine Kollegen durchforsteten alte Emissionsspektren und stießen dabei auf eine seltsame Übereinstimmung zwischen der Umlaufperiode des Sterns mit einem seiner Planeten. Und diese Koinzidenz brachte sie auf den Gedanken, dass hinter der periodischen Planetenbewegung die magnetische Aktivität von Gliese 581 stecken könnte. Denn beide Phänomene führen zu gleichen Signaturen in den Emissionsspektren. Als man die Planetensignale entsprechend korrigierte, trat ein, was alle befürchtet hatten: Die zuvor deutlichen Signale von Gliese 581 d, f und schließlich g verschwanden urplötzlich aus den Daten. Die noch verbliebenen drei Trabanten - Gliese b, c und e - traten dagegen noch deutlicher hervor. Das vormals gefeierte Vorzeige-Planetensystem ist geschrumpft.

          Nun müssen Astronomen befürchten, dass die Arbeit von Robertson einen Erdrutsch auslöst. Denn jetzt wird man sich viele der bekannten Exoplaneten noch einmal vorknöpfen und genauer prüfen, ob sie auch tatsächlich das sind, wofür man sie hält. Bislang sind mehr als 1690 extrasolare Planeten aufgespürt worden, und einige tausend weitere Kandidaten warten auf ihre Bestätigung. Fast keine Woche vergeht, in der nicht die Entdeckung einer neuen fernen erdähnlichen Welt berichtet wird, auf der Wasser in Strömen fließen soll. Bei einer derartigen Inflation erscheint eine radikale Schlankheitskur sogar ganz gesund.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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