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Rendezvous mit Ultima Thule : Jenseits von Pluto

„New Horizons“ (oben rechts) am Äußersten: Der besuchte Eisbrocken wurde hier von einem Künstler imaginiert. Seine Hantelform ist aber möglicherweise real. Bild: Nasa

„Ultima Thule“ hat die Nasa das entfernteste von ihr besuchte Himmelsobjekt getauft. Am Neujahrsmorgen fliegt die Raumsonde „New Horizons“ an dem Himmelskörper vorbei. Hinter seinem Namen steckt eine alte Idee.

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          Zwei Pixel, vielleicht drei. Größer wird es kaum, das Bild, das die amerikanische Raumsonde „New Horizons“ gestern nach Hause funkte. Heute Abend dürften es schon bis zu sechs Pixel sein und morgen, am Neujahrstag wird die Sonde den gut 40 Kilometer großen Himmelskörper mit der Katalognummer (486958)2014MU69 aus nur 3500 Kilometer Entfernung ablichten. Diese Bilder werden zum ersten Mal ein typisches Mitglied des sogenannten Kuiper-Gürtels aus der Nähe zeigen. Ein untypisches, weil besonders großes „Kuiper-Belt-Objekt“ hatte „New Horizons“ schon im Jahr 2015 angeflogen: den Pluto, jene Welt in unserem Planetensystem, die lange Zeit als die sonnenfernste galt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Pluto ist zurzeit 34 Astronomische Einheiten (AU) von der Sonne entfernt, also 34-mal weiter als die Erde. Bei (486958)2014MU69 sind es 44 AU. „Damit kommen wir zu einem Objekt völlig neuen Typs“, erklärte Missionsleiter Alan Stern vom Southwest Research Institute im Oktober auf einer Pressekonferenz. Zwar haben Sonden bereits mehrfach Kometen angeflogen, Klumpen aus Eis und Staub, die ursprünglich noch viel weiter draußen entstanden sind. Doch ihre periodischen Annäherungen an die Sonne haben diese Kometen immer wieder erwärmt, Ausgasungen verursacht, Teile abplatzen lassen oder ihre Oberfläche anderweitig verändert.

          Ein Superlativ ohne Grundform

          Nicht so bei Kuiper-Belt-Objekten, die zudem, anders als Pluto, zu klein sind, um noch über innere Wärme zum Unterhalt vulkanischer Prozesse zu verfügen. „Noch nie haben wir etwas erkundet, das so weit weg von der Sonne entstand“, sagt Stern, „und das die gesamten 4,6 Milliarden Jahre seither in tiefgekühltem Zustand geblieben ist.“ Es ist der äußerste von Menschen, oder zumindest menschlicher Technik, besuchte Ort. Und insofern passt er, der „Nickname“, der (486958)2014MU69 zur Ergänzung der unhandlichen Katalognummer als Ergebnis einer Publikumsbefragung gegeben wurde: Ultima Thule.

          „Ultima“ ist ein lateinischer Superlativ, dessen ungesteigerte Form „ulter“ im klassischen Latein nicht verwendet wurde. Ultima bedeutet „die äußerste“ oder „entlegenste“ und wurde zuerst von Vergil und dann von Seneca mit dem Namen der Insel Thule verbunden – aber nicht im Sinne eines geographischen Terminus, sondern als Chiffre für den Rand der bekannten Welt. Ihre von dunklen Vokalen auch lautlich beschworene Aura mythischer Nördlichkeit hat der Wortfolge dann in unserer Zeit eine schöne Karriere als Titel diverser literarischer Texte, Filme oder Tonträger beschert. Auch Musikbands haben sich schon so benannt. Und 1968 gestaltete der finnische Designer Tapio Wirkkala für die Marke Iittala die Glaswaren der Serie „Ultima Thule“, die noch heute verkauft werden, und in denen einem in der First und Business Class der Finnair die Bordverpflegung serviert wird. Iittala wirbt damit, es habe „Tausende von Stunden“ gedauert, bis die Glasbläser die von schmelzenden Eiszapfen inspirierten Entwürfe Wirkkalas serientauglich in Geschirr umsetzen konnten.

          Das finnische 1968: Tapio Wirkkalas klassiche Glaswarenserie „Ultima Thule“

          Ein lokalisierbarer Ort auf der Erde war Ultima Thule jedoch nie – einmal abgesehen von einem lange verschwundenen Dorf im amerikanischen Bundesstaat Arkansas, von dem nur noch ein zugewucherter Friedhof übrig zu sein scheint. Dagegen war Thule – ohne das Ultima – in der Antike die Bezeichnung für ein Land im Norden Europas, von dessen Realität viele Geographen überzeugt waren. Ein gewisser Pytheas aus Massalia, dem heutigen Marseille, will um 330 v. Chr. dort gewesen sein. Wahrscheinlich auf der Suche nach Seehandelsrouten zu den britischen Zinnvorkommen und den Herkunftsregionen des Bernsteins war er über Britannien hinaus gesegelt und habe, so wird berichtet, Thule erreicht.

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