https://www.faz.net/-gwz-7gr14

Sonnenforschung : Aus Nord wird Süd

  • -Aktualisiert am

Brodelnder Feuerball: Die Sonne Bild: Soho

Alle elf Jahre polt sich das Sonnenmagnetfeld um. Die Ursache für dieses Phänomen, das sich in Kürze wiederholt, ist noch immer unklar.

          Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa geizt bekanntlich nicht mit der Verkündung sensationeller Nachrichten. So auch Anfang August, als sie erklärte, dass „etwas Großes“ auf der Sonne vorgehen werde, und zwar in den kommenden drei bis vier Monaten. Dann nämlich werde sich die Polarität des Sonnenmagnetfelds umkehren: Aus dem magnetischen Nordpol wird der Südpol und umgekehrt - mit Auswirkungen auf das gesamte Sonnensystem, wie der Astrophysiker Todd Hoeksema von der Stanford University anfügte. Tatsächlich erstreckt sich der Einflussbereich des solaren Magnetfelds, die Heliosphäre, bis hinter die Bahnen der äußersten Planeten.

          Keine Sorge vor dem Feldwechsel

          Grund zur Beunruhigung angesichts des bevorstehenden Polsprungs gebe es dennoch nicht, stellt Markus Roth vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg klar: „Die normale Bevölkerung wird davon nichts mitbekommen.“ Auch den Begriff „Polsprung“ hält Roth für eher unpassend. „Das ist ein langsamer Prozess, der nicht in einem Tag abläuft“ - und das nicht zum ersten Mal: Für die Sonne ist das Umspringen ihres Magnetfelds Routine. Alle elf bis dreizehn Jahre wechselt dessen Polarität, immer auf dem Höhepunkt des solaren Aktivitätszyklus.

          Die Sonnenaktivität beobachten Astronomen seit der Erfindung des Fernrohres vor über vierhundert Jahren anhand der schwankenden Zahl der Sonnenflecken. Die Sonnenforscher der Stanford University überwachen das solare Magnetfeld immerhin seit 1976. Für sie ist es folglich bereits der vierte Polsprung, den sie mitverfolgen können. Der zurückliegende ereignete sich im Jahr 2001 - auch damals von den meisten Menschen auf der Erde völlig unbemerkt.

          Magnetwirbel schwächen das Feld

          Das Magnetfeld der Sonne ähnelt genau wie das der Erde zu Beginn jedes neuen Zyklus dem Feld eines Stabmagneten. Es besitzt also einen wohl definierten Nord- und einen Südpol. Weil die Sonne aber im Unterschied zu unserem Planeten aus heißem Plasma besteht, also einem dichten Gemisch aus elektrisch geladenen Atomkernen und Elektronen, und das Gestirn am Äquator schneller rotiert als an den Polen, werde dieses Feld im Laufe der Zeit verdrillt und verwirbelt, erklärt Arnold Hanslmeier von der Universität Graz. Dabei durchdringen einzelne Wirbel sogar die sichtbare Oberfläche der Sonne und treten als dunkle Sonnenflecken in Erscheinung. Im Laufe mehrerer Jahre wandern die Sonnenflecken und die magnetischen Verwirbelungen zu den Magnetpolen, wo sie das globale Magnetfeld abschwächen - bis es zusammenbricht und sich mit umgekehrter Polarität neu bildet.

          Erruptionen begleiten Umpolung

          Für die Sonnenforscher ist der bevorstehende Polsprung äußerst interessant, denn viele Details des solaren Magnetfelds sind noch unerforscht. Der Erde nützt der gegenwärtig unstete Zustand der Sonne eher, als er ihr schadet: Ein verwirbeltes Magnetfeld bildet einen stärkeren Schutzschild gegen energiereiche kosmische Partikelstrahlung. Allerdings steigt mit zunehmender Sonnenaktivität die Wahrscheinlichkeit für Eruptionen auf der Sonne, die energiereiche Plasmawolken in Richtung Erde schleudern können.

          Gefahr für die Raumstation?

          Problematisch sind diese Böen des Sonnenwindes vor allem für die Bewohner der Internationalen Raumstation, für Satelliten, sowie für Kommunikations- und Energieversorgungsnetzwerke. Sonneneruptionen können aber praktisch immer stattfinden, nicht nur während eines Polsprungs. Zudem ist das gegenwärtige Aktivitätsmaximum eines der schwächsten seit Jahrzehnten - den Grund dafür kennen die Forscher noch nicht.

          Nicht nur das Magnetfeld der Sonne, auch das der Erde wechselt seine Polarität von Zeit zu Zeit. Polsprünge des Erdmagnetfelds finden aber wesentlich seltener und unregelmäßiger statt. Der letzte irdische Polsprung liegt bereits 740 000 Jahre zurück, der nächste ist überfällig - aber wann es so weit ist, weiß bislang niemand.

          Weitere Themen

          Wie schwanger können Männer werden?

          Gender-Forschung : Wie schwanger können Männer werden?

          Die Debatte um Gleichberechtigung der Geschlechter und deren Diskriminierung ist so lebendig wie vielleicht noch nie. Ein Gender-Forscher identifiziert jedoch die Schwangerschaft als ein Hindernis auf dem Weg zur totalen Gleichheit.

          Ausschreitungen in Sudans Hauptstadt Khartum Video-Seite öffnen

          Demonstranten gegen Militär : Ausschreitungen in Sudans Hauptstadt Khartum

          Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten in der Hauptstadt Khartum kam nach Angaben der Militärführung ein Militärpolizist ums Leben. Militärrat und Zivilisten haben sich darauf geeinigt bis zu den Neuwahlen gemeinsam zu regieren, wie ist derzeit aber noch unklar.

          Der Vokuhila ist zurück Video-Seite öffnen

          Aus den 80ern : Der Vokuhila ist zurück

          Vorne kurz und hinten lang: Der Vokuhila war eine Modesünde aus den 80er Jahren. Doch gibt es immer noch Liebhaber der Frisur – bekommt der Vokuhila ein Revival?

          Topmeldungen

          „Spiegel“-Verlagschef Thomas Hass (links), Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle stellen den Bericht vor.

          Der Fall Relotius : Über den Reporter, der immer Glück zu haben schien

          Fünf Monate, nachdem der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius als Fälscher enttarnt wurde, legt das Magazin nun seine Untersuchung des Falls vor. Dabei geht es mit sich und einigen Mitarbeitern hart ins Gericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.