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Satellitenkonstellationen : Astronomen in Sorge

Sternenhimmel mit Satelliten – Aufnahme der Dark Energy Camera, die aus 62 CCD-Sensoren (rechteckige Felder) besteht. Bild: NSF’s National OIAR Laboratory

Im Erdorbit wird es eng: Zehntausende Satelliten sollen in den nächsten Jahren gestartet werden. Für die bodengebundene Astronomie ist diese Entwicklung dramatisch.

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          Es sind furchterregende Zahlen, zumindest für all jene, denen der Blick in den Nachthimmel auch nur entfernt am Herzen liegt. Mehr als 50 000 zusätzliche Satelliten könnten sehr bald unseren Planeten umkreisen. Zum Vergleich: Auf der gesamten Himmelskugel können wir nachts bei optimalen Bedingungen rund 9000 Sterne mit bloßem Auge sehen, einen Bruchteil also derjenigen Objekte, die wir bald als künstliche Lichtquellen in den Morgen- und Abendstunden hell sichtbar am Himmel zu erwarten haben.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Selbst die aktuelle Gesamtzahl katalogisierter und überwachter künstlicher Objekte im Erdorbit, dazu zählen neben etwa 2000 funktionstüchtigen Satelliten auch ausgediente Raketenteile und anderer Weltraumschrott, ist mit etwas mehr als 22 000 deutlich kleiner als die Zahl von Kleinsatelliten, deren Start in den kommenden Jahren angekündigt ist. Erst kürzlich hat Elon Musk, der mit seiner Firma SpaceX die Konstellation Starlink aufbaut, 60 weitere Satelliten in den Orbit gebracht. 180 existierten dort bereits, für 12 000 hat SpaceX eine Genehmigung, weitere 30 000 würde Musk der Konstellation gerne hinzufügen. Die Satelliten werden sich auf relativ niedrigen Orbits in 340, 550 und 1150 Kilometer Höhe bewegen. Die Nähe zur Erde lässt sie besonders hell erscheinen, auch wenn gleichzeitig gilt, dass ihre Sichtbarkeit umso mehr auf die Zeit der Dämmerung beschränkt ist, je niedriger sie fliegen.

          An einen Nachthimmel voller Streifen werden sich nicht nur Amateurastronomen gewöhnen müssen.

          Welche Konsequenzen die zusätzlichen Satelliten für die Himmelsbeobachtung haben werden, kann man bereits jetzt auf zahlreichen Aufnahmen von Amateur- und Profiastronomen sehen. So rief im November ein Bild der optischen Dark Energy Camera (DECam) am chilenischen Victor-M.-Blanco-Teleskop bei den Astronomen Clara Martínez-Vázquez und Cliff Johnson Verwunderung hervor: Über das von der Kamera 333 Sekunden lang beobachtete Sichtfeld zogen sich 19 parallele helle Streifen. Schnell war klar, dass hier die kurz vorher gestarteten neuen Starlink-Satelliten ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Himmelsdurchmusterung, die mit der DECam vollzogen wird, soll unter anderem die beschleunigte Ausdehnung des Universums zu verstehen helfen. Es ist ein Forschungsprojekt, von dessen Daten Astronomen weltweit profitieren.

          Aufruf zum Schutz astronomischer Beobachtungen

          Vor dem Hintergrund solcher Aufnahmen ist es wenig verwunderlich, dass Astronomen Alarm schlagen. Die International Astronomical Union (IAU) hatte bereits im Juni ihrer großen Sorge Ausdruck verliehen, dass die geplanten Satelliten-Konstellationen die astronomische Forschung massiv gefährden könnten. Diese Stellungnahme hat nun Anfang Januar der italienische Astronom Stefano Gallozzi um einen Online-Aufruf ergänzt, in dem er ein Eingreifen von internationalen Institutionen und Regierungen fordert, um astronomische Beobachtungen von der Erde aus für die Zukunft zu schützen. 1500 Unterschriften von Astronomen hat er dafür bereits gesammelt.

          Die Hintergründe und Argumente veröffentlichte er zusammen mit seinen Kollegen Marco Scardia und Michele Maris vergangene Woche als Artikel in der Publikationsdatenbank arXiv. Dort stellt er nicht nur die technologischen Spezifikationen der Starlink-Flotte vor, sondern listet sieben weitere geplante Satelliten-Konstellationen wie das britische OneWeb, die amerikanische Iridium-Konstellation, das von Amazon geplante Projekt Kuiper oder die Netzwerke der amerikanischen Firmen Facebook und Lynk – alles Projekte, deren Aufbau in den nächsten Jahren größtenteils im niedrigen Erdorbit erfolgen soll. In vielen geht es wie bei Starlink darum, weltweiten Internetzugang bereitzustellen, einige zielen auch auf Kommunikationstechnologien ab.

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