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Ende im Saturn : Requiem für Cassini

Im Schatten des Saturn konnte man es am 19. Juli 2013 wagen, Cassinis Kamera in Richtung Sonne zu drehen. Im Gegenlicht erscheint der Planet wie auf einem Negativ, während die Ringe selbst zu leuchten scheinen und auch der schwache G-Ring und ganz außen selbst der diffuse E-Ring zu sehen sind. Diese Aufnahme zählt zu den spektakulärsten, die je einer Raumsonde gelungen ist. Bild: NASA/JPL-Caltec

Dreizehn Jahre lang streifte die wohnwagengroße Raumsonde unermüdlich zwischen den Monden und Ringen des Saturn umher. Nun wird sie am kommenden Freitag in dem Gasplaneten entsorgt. Für die Erforschung des Sonnensystems geht eine Ära zu Ende.

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          Ganz am Ende wird nur noch das Iridium übrig sein. Das seltene Edelmetall schmilzt bei über 2600 Grad Celsius und bleibt bis dahin stabil. Deswegen sind damit die 72 glühend heißen Tabletten aus keramischem Plutoniumdioxid an Bord der amerikanisch-europäischen Raumsonde Cassini umhüllt. Die Wärme aus dem radioaktiven Zerfall des Plutoniums hatte die Sonde seit ihrem Start vor fast zwanzig Jahren mit Energie versorgt und liefert noch immer mehr als 600 Watt elektrische Leistung. Strommangel ist also nicht der Grund, warum Cassini am morgigen Freitag den 15. September seine Existenz beenden muss. Vielmehr ist der Treibstoff für die Steuerdüsen so gut wie aufgebraucht. Bevor das zweieinhalb Tonnen schwere Gerät außer Kontrolle gerät, wurde es daher am vergangenen Montag so an dem riesigen Mond Titan vorbeigeschickt, dass dessen Schwerkraft es in die Saturnatmosphäre schleudert, wo es von der Reibungshitze aufgeschmolzen und verdampft werden wird.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In gewisser Hinsicht hat sich Cassini dieses Ende selbst eingebrockt. Im Februar 2005 flog die Sonde zum ersten Mal an dem kleinen Saturnmond Enceladus vorbei. Dabei machte sie eine Entdeckung, für die Curt Niebur von der Nasa-Zentrale in Washington vergangene Woche auf der letzten Pressekonferenz vor Missionsende nur das Wort „schockierend“ einfiel: Aus Spalten am Südpol des Trabanten schießen Fontänen aus Eiskristallen ins All. Sie können nur aus einem unterirdischen Ozean kommen, der unter der Eiskruste des Enceladus schwappt.

          Sensation eins: Die Kristallgeysire auf dem kleinen Mond Enceladus, gespeist von einem Ozean unter seiner Eiskruste.
          Sensation eins: Die Kristallgeysire auf dem kleinen Mond Enceladus, gespeist von einem Ozean unter seiner Eiskruste. : Bild: NASA/JPL-Caltec

          Der Minimond wird von Saturns Schwerefeld offenbar ausreichend durchgewalkt, um sein Inneres auf lauschige Temperaturen zu erwärmen. Später wurden in den Ausgasungen noch organische Verbindungen sowie Wasserstoff entdeckt. Theoretisch könnte es dort primitives Leben geben. Und irdische Mikroben, die auf Cassini als Sporen möglicherweise überlebt haben, könnten sich dort munter vermehren, sollte die Sonde, einmal manövrierunfähig geworden, zufällig auf den Enceladus stürzen. Das kann nur die Einäscherung Cassinis im Saturn verhindern.

          Sensation zwei: Der sechseckige Wirbelsturm an Saturns Nordpol. Der Südpol ist dagegen rund.
          Sensation zwei: Der sechseckige Wirbelsturm an Saturns Nordpol. Der Südpol ist dagegen rund. : Bild: NASA/JPL
          Sensation drei: Die Seenlandschaft auf dem Titan
          Sensation drei: Die Seenlandschaft auf dem Titan : Bild: NASA/JPL-Caltec

          „So etwas wie Enceladus hat da eigentlich nichts verloren“, wundert sich Niebur noch nach zwölf Jahren. Zwar wird auch unter dem Eis des Jupitermondes Europa ein Ozean vermutet. „Aber Enceladus hat unsere Ansicht erschüttert, so etwas sei die große Ausnahme.“ Letztlich bedeutet dies, dass in den Tausenden fremder Planetensysteme, die bisher entdeckt wurden, auch Gefilde in großer Entfernung zu ihrer Sonne potentiell habitabel sind – auch wenn das (anders als oft behauptet) noch nichts über die Wahrscheinlichkeit von extraterrestrischem Leben sagt, da wir schlicht nicht wissen, ob Leben immer entsteht, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind.

          Auch Cassinis Chefwissenschaftlerin Linda Spilker von Jet Propulsion Laboratory (JPL) der Nasa nannte die Geysire des Enceladus die wichtigste Entdeckung der Mission – aber nur zögernd. Zu vieles hatte sie und ihre Kollegen überrascht, erstaunt, verblüfft. 635 Gigabyte an Daten hatte Cassini seit seinem Eintreffen am Saturn im Juni 2004 zur Erde gefunkt, darunter fast eine halbe Million Bilder. Neben komplett Neuem wie auf Enceladus waren dort auch viele Dinge zu sehen, von denen man nach den Vorbeiflügen der Sonden Pioneer 11 (1979) sowie Voyager 1 und 2 (1980 und 1981) zwar wusste, die aber erst Cassini als erste Sonde in Saturns Umlaufbahn genauer studieren konnte. Dazu zählt etwa der sechseckige Sturm an Saturns Nordpol, dessen Zustandekommen den Wissenschaftlern noch immer ein völliges Rätsel ist. Schließlich gab es die Dinge, die man nur ahnen konnte, wie die Seen aus benzinähnlicher Flüssigkeit auf Titan, dem einzigen bekannten Himmelskörper außer der Erde, auf dem es regnet.

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