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Objekt im Erdorbit : Rückkehr eines Schrottteils

  • -Aktualisiert am

Das Objekt 2020 SO könnte die Oberstufe einer Atlas-Centaur-Rakete sein. Bild: AP

Anfang November hat sich die Erde einen merkwürdigen Himmelskörper eingefangen – dessen Ursprung offenbar kein natürlicher ist.

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          Es gehört wohl zum Wesen des Menschen, sich über seine Hinterlassenschaften so lange keine Gedanken zu machen, bis ihn die Vergangenheit einholt. Das gilt auf der Erde und auch im All: Ein im September entdeckter und Anfang November vom Schwerefeld der Erde eingefangener Himmelskörper ist sehr wahrscheinlich menschlichen Ursprungs. Wie Paul Chodas vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa berichtet, entspricht die Bahn des nur wenige Meter großen Objekts nicht der eines natürlichen Asteroiden. Vielmehr zeigen seine Berechnungen, dass das Objekt von der Erde stammt und unseren Planeten sehr wahrscheinlich am 20. September 1966 als Oberstufe einer amerikanischen Atlas-Centaur-Rakete verlassen hat.

          Die Rakete transportierte die Landesonde Surveyor 2 zum Mond, die dort die Beschaffenheit der Oberfläche des Erdtrabanten untersuchen sollte, auf der knapp drei Jahre später die ersten Astronauten ihre Fußabdrücke hinterlassen würden. Die Mission war seinerzeit ein Fehlschlag: Der Kontakt zu Surveyor 2 riss ab, die Sonde zerschellte auf dem Mond. Kaum Beachtung schenkte man der Rakete, deren zwölf Meter lange und drei Meter breite Oberstufe wie geplant am Mond vorbeiflog und danach auf eine unbekannte Bahn um die Sonne geriet.

          Astronomen hielten das von einem Teleskop auf Hawaii entdeckte und 2020 SO getaufte Objekt zunächst für einen natürlichen „temporären Erdmond“: Das sind meist nur wenige Meter große Asteroiden, die von der Gravitation der Erde eingefangen und nach einigen Umläufen wieder freigegeben werden. Sie sind wegen ihrer geringen Ausdehnung so leuchtschwach, dass sie den Teleskopen oft entgehen. Erst weniger als eine Handvoll wurde bisher entdeckt, der letzte erst im März dieses Jahres.

          Mit dieser Atlas-Centaur-Rakete wurde am 20. September 1966 die Landesonde Surveyor 2 auf die Reise zum Mond geschickt.
          Mit dieser Atlas-Centaur-Rakete wurde am 20. September 1966 die Landesonde Surveyor 2 auf die Reise zum Mond geschickt. : Bild: AP

          Die Bahn von 2020 SO glich aber verblüffend genau der Erdbahn, was für einen natürlichen Asteroiden sehr ungewöhnlich ist. Wie genaue Beobachtungen darüber hinaus zeigten, wird sie außerdem messbar vom Druck des Sonnenlichts beeinflusst. Dieser von der Sonne ausgehende Strahlungsdruck ist normalerweise zu schwach, um einen kompakten Asteroiden abzulenken. Er ist aber groß genug, um bei einem hohlen und bezogen auf sein Volumen leichten Objekt wie einer leeren Raketenstufe eine leichte Bahnänderung zu bewirken – so wie der Wind eine leere Getränkedose leichter fortweht als einen Stein.

          Lange wird 2020 SO nicht bei der Erde bleiben. Wie die Berechnungen von Chodas und seinen Kollegen zeigen, wird der temporäre Erdmond unseren Planeten bis März 2021 in zwei langgestreckten Schleifen umlaufen und danach wieder auf eine Sonnenbahn einschwenken. Dabei wird er am 1. Dezember der Erde bis auf 50 000 Kilometer nah kommen. Das ist etwas mehr als ein Zehntel der Entfernung zum Mond und nur 14 000 Kilometer mehr als die Orbithöhe der geostationären Satelliten. Wegen seiner geringen Größe wird 2020 SO dennoch nur mit Teleskopen sichtbar sein.

          Astronomen wollen versuchen, anhand des von 2020 SO reflektierten Lichts die chemische Zusammensetzung seiner Oberfläche zu ermitteln. Sollten sie dabei Titandioxid finden, wäre seine irdische Herkunft endgültig bewiesen: Diese Substanz kommt in natürlichen Asteroiden nicht vor, wird als Weißpigment aber zum Anstrich von Raketen verwendet. Es wäre nicht der erste Gruß aus den sechziger Jahren, auf den Astronomen bei der Suche nach erdnahen Asteroiden stoßen. Schon einmal, im Jahr 2002, fanden sie eine ausgebrannte Raketenstufe, die sich als temporärer Erdmond kurzzeitig wieder an ihren Ursprungsort angenähert hatte. Damals handelte es sich um die dritte Stufe der Rakete, die im November 1969 die Astronauten von Apollo 12 zur Mondoberfläche gebracht hatte.

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