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Mondwasser : Ein Schuss ins Dunkle

Bild: Northorp Grumman

Nasa-Forscher haben eine Sonde auf den Mond fallen lassen. Das erhoffte Feuerwerk fiel leider aus. Bleibt damit weiter offen, ob es auf dem Mond gefrorenes Wasser gibt?

          5 Min.

          In dem 1954 erschienenen Band "Schritte auf dem Mond" schickte der Comiczeichner Hergé seine Helden Tim und Struppi auf eine Expedition zum Erdtrabanten. Dort entdecken sie eine Höhle und stoßen darin auf blankes Eis. Mit dieser Episode verstieß der detailversessene Belgier keineswegs gegen die Naturgesetze. Zwar kann auf dem atmosphärenlosen Mond kein flüssiges Wasser existieren, und gasförmiges verflüchtigt sich sogleich im All. Gefrorenes allerdings könnte an Orten, an die kein Sonnenlicht dringt, durchaus überdauern.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einen solchen Ort hat die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa am vergangenen Freitag ziemlich unsanft auf seinen Eisgehalt getestet: Nahe dem Mondsüdpol ließ man eine zwei Tonnen schwere ausgebrannte Raketenstufe mit der dreifachen Geschwindigkeit einer Gewehrkugel in das ewige Dunkel am Grund des Kraters Cabeus rasen. Das Trumm war kurz zuvor von dem "Lunar Crater Observation and Sensing Satellite" (Lcross) abgekoppelt worden. Diese Sonde nun verfolgte den Crash mit neun verschiedenen Instrumenten, während sie dem busgroßen Projektil hinterherstürzte und vier Minuten später ebenfalls zerschellte.

          Keine Blitze, nirgends

          Die Show hatte jede Menge Zuschauer: zwanzig erdgebundene Teleskope, fünf Instrumente im Erdorbit plus Lcross' Schwestersonde, der Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO), der die Absturzstelle in nur 50 Kilometern Höhe überflog - und nicht zu vergessen alle die Menschen, welche die Direktübertragung der Bilder von Lcross' Kamikazeflug auf Nasa-TV im Internet verfolgten.

          Bei Letzteren jedoch - und unverkennbar auch bei manchen Nasa-Wissenschaftlern - gab es am Ende etwas lange Gesichter. Natürlich hatte niemand erwartet, dass der Einschlag mit freiem Auge sichtbare Wasserdampfwolken oder Schauer von Eiskristallen emporschießen lassen würde. Doch mit so etwas wie einem Strahlungsblitz und irgendwelchen Spuren der, vorab geschätzt, 350 Tonnen durch den Aufprall ausgehobenen Mondbodens hatte die Nasa schon gerechnet. Stattdessen zeigte die Liveübertragung nur ein immer näher rückendes Dunkel, in welches das Projektil hineingefallen zu sein schien wie in einen tiefen Schacht.

          Doch das war es wohl doch nicht. "Wir haben den Einschlag gesehen, wir haben den Einschlagskrater gesehen", verkündete der Missionsleiter Anthony Colaprete zwei Stunden später auf einer Pressekonferenz am Ames Research Center der Nasa bei San Francisco. Die Aussage stützte sich da allerdings nur auf ein "thermisches Signal" - auf Bildern der Infrarotkamera als winziger Fleck erkennbar (siehe Bild). Im Klartext: Ein bisschen warm geworden war es an der Absturzstelle.

          Alles dreht sich ums's Wasser

          Den Astronomen hinter den Riesenteleskopen auf Hawaii oder in Arizona ging es keinen Deut besser als den Zuschauern von Nasa-TV. Selbst das Weltraumteleskop Hubble sah von einem Einschlagblitz oder einer Trümmerwolke keine Spur. Allenfalls bleibt die Hoffnung, eingehendere Analysen der Daten könnten noch etwas ergeben. Warum das Spektakel ausblieb, darüber konnte man bislang nur spekulieren. Vielleicht war die Raketenstufe ja auf einen sehr steilen Felshang gefallen, so dass die Einschlagstrümmer eher horizontal davonspratzten als nach oben.

          Befürchtungen, der Absturz habe vielleicht gar kein Mondmaterial freigesetzt, zerstreuten sich aber in der Nacht zum Samstag. Da bestätigte der Projektmanager des LRO gegenüber amerikanischen Journalisten, die Ultraviolettkamera an Bord von Lcross' Schwestersonde habe kurz nach dem Einschlag herausgeschleudertes Material registriert. Colaprete und seinen Leuten wird ein Stein vom Herzen gefallen sein, denn nur, wenn der Einschlag Mondmaterial über den Rand von Cabeus hinaus ins Sonnenlicht befördert hat, besteht eine Chance, darin Stoffe wie Wasser anhand ihres spektralen Fingerabdrucks zu identifizieren. Allerdings dürfte es jetzt noch Tage bis Wochen dauern, bis aus dem Datensalat der vielen Instrumente ein Wassersignal herausdestilliert ist.

          Oder eben nicht. "Wenn wir ein Nullresultat bekommen, ist auch das aussagekräftig", erklärte Michael Bicay, der wissenschaftliche Direktor des Nasa Ames Research Centers kurz vor dem Einschlag. Doch kaum ein beteiligter Forscher ist einfach nur neugierig darauf, was nun herauskommt. Sie wollen Wasser finden, und nur in diesem Fall würde das 79 Millionen Dollar teure Lcross-Projekt wohl als Erfolg gewertet. Denn wenn es das ominöse Mondeis in nennenswerten Mengen tatsächlich gibt, dann machte dies die Errichtung einer bemannten Mondbasis erheblich einfacher - oder überhaupt erst realistisch.

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