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Rosetta im Anflug : Hurra, wir entern!

Die Raumsonde Rosetta und ihr Landegerät Philae als Illustration Bild: Esa, DLR

Showdown für eine historische Mission: Europas Rosetta-Sonde hat zehn Jahre Jagd auf einen Kometen gemacht. Seit 11:30 Uhr kreist sie um „67P“. Verfolgen Sie die Geschehnisse hier live aus dem Kontrollzentrum in Darmstadt.

          Es ist die ambitionierteste und gewagteste Mission der unbemannten Raumfahrt, die jetzt in die entscheidende Phase eintritt. Das erste Mal wird eine Sonde in die Umlaufbahn eines Kometen einschwenken und ihn mehrere Monate lang begleiten: Nach einer Reisedauer von zehn Jahren erreicht die europäische Raumsonde Rosetta nun endlich ihr Ziel - den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko, kurz Tschuri genannt. Mehr als sechs Milliarden Kilometer hat Rosetta seit ihrem Start im März 2004 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana zurückgelegt. Derzeit bewegt sich der Flugkörper mit den Abmessungen eines Kleinwagens mehrere hundert Millionen Kilometer von der Sonne entfernt zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter, das Reiseziel dabei seit Wochen fest im Blick.

          Reise zu einer unbekannten Welt

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ursprünglich sollte Rosetta den eineinhalb Kilometer großen Kometen „Wirtranen“ ansteuern. Doch der ursprünglich für Januar 2003 angesetzte Starttermin musste wegen technischer Schwierigkeiten mit einer Ariane-5plus-Trägerrakete verschoben werden. So war Wirtranen nicht mehr zu erreichen, und bei der europäischen Raumfahrtbehörde Esa musste man sich für ein neues Ziel entscheiden. Nach weiteren wetterbedingten Verzögerungen konnte die Rosetta-Sonde schließlich im Frühjahr 2004 zu ihrer langen Reise zu 67P aufbrechen.

          Asteroid Lutetia, fotografiert von Rosetta am 10 Juli 2010 bei ihrem Vorbeiflug.

          Während bei den Missionen zum Mond oder Mars die Wissenschaftler meist im Vorfeld recht genau wissen, was sie erwartet, ist Rosetta eine Expedition in eine gänzlich unbekannte Welt. Denn nur wenig ist bekannt über den etwa drei bis fünf Kilometer großen Schweifstern, der 1969 von dem ukrainischen Astronomen Klim Tschurjumow und seiner Kollegin Swetlana Gerasimenko entdeckt worden war und die Sonne in 6,6 Jahren einmal umkreist. Auf seiner elliptischen Bahn entfernt er sich zwischen 840 Millionen und 195 Millionen Kilometer weit von unserem Zentralgestirn. Bei jedem Umlauf um die Sonne verliert Tschuri, der in zwölfeinhalb Stunden einmal um seine eigene Achse rotiert, so viel Material, dass sein Durchmesser jedes Mal um etwa eineinhalb Meter schrumpft.

          Relikt aus der Genesis des Sonnensystems

          Mehr Informationen über die Eigenschaften, vor allem über die chemische Beschaffenheit von 67P erhoffen sich die Wissenschaftler der Esa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR in den kommenden eineinhalb Jahren. Denn im Gegensatz zu früheren Flügen zu Kometen - „Giacobini-Zinner“ (1985), „Halley“ (1986), „Grigg-Skjellerup“ (1992), „Borelly“ (2001), „Wild 2“ (2004), „Temple 1“ (2005) und „Hartley 2“ (2010) - wird die rund eine Milliarde teure Rosetta-Sonde nicht an ihrem Ziel vorbeifliegen und Bilder aus nächster Nähe liefern oder wie im Fall der Nasa-Sonde „Stardust“ im Jahr 2004 Staub aus dem Schweif eines Kometen einsammeln. Rosetta wird Tschuri auf seinem Weg um die Sonne bis Ende kommenden Jahres begleiten, kartographieren und die Bestandteile des Schweifs analysieren. Anfang November wird der europäische Flugkörper - verläuft alles nach Plan - dann auf dem urtümlichen Himmelsbrocken das Landegerät „Philae“ absetzen, das Materialproben von der Oberfläche und aus der gasförmigen Hülle des Kometen - die Koma - entnimmt und untersucht. Ein in der Geschichte der Raumfahrt bislang einmaliges und höchst anspruchsvolles Vorhaben.

          Der Kern des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko aufgenommen aus einer Entfernung von 1950 Kilometern am 29. Juli 2014. Ein Pixel entspricht etwa 37 Metern. Die helle Region zwischen Kopf und Körper wird immer deutlicher.

          Kometen sind mit ihrem charakteristischen Schweif nicht nur außergewöhnliche Erscheinungen. Für Astronomen, Planetenforscher und Astrobiologen sind sie gleichermaßen interessant, da sie zu den ältesten Relikten einer gigantischen Staubscheibe zählen, aus der die Planeten und Monde unseres Sonnensystems vor etwa 4,6 Milliarden Jahren entstanden sind. Während sich das Material, aus dem sich die Planeten einst formten, im Laufe der Zeit durch geologische, chemische Vorgänge veränderte, ist es in den am Rande des Sonnensystems kreisenden Kometen im Urzustand erhalten geblieben. So besteht ein Komet hauptsächlich aus dem Eis und dem Staub der Urmaterie.

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