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Kometenforschung : Abschied von Rosetta

Rosettas letzte Ruhestätte: Ma’at regio auf dem „Kopf“ des Kometenkerns 67P/Churyumov-Gerasimenko Bild: ESA

Das Ende der spektakulären europäischen Kometenmission Rosetta, die mehr als 13 Jahre dauerte, am vergangenen Freitag war würdevoll, aber für viele Wissenschaftler auch nicht ganz einfach.

          5 Min.

          Am Ende gab es doch Tränen. Wie auch nicht? Im Januar 2014 hatte Andrea Accomazzo gestrahlt wie ein Kind an Weihnachten, als die verrauschte grüne Linie auf einem Bildschirm im Kontrollraum des European Space Operations Centre (Esoc) der europäischen Raumfahrtorganisation Esa in Darmstadt plötzlich einen großen Zacken bekam. Das war das Funksignal der Raumsonde „Rosetta“, die damals aus einer zweieinhalbjährigen inaktiven Phase erwachte, während der man keinen Kontakt zu dem Gerät hatte. Es war einer der kritischsten Momente der 2004 gestarteten Mission, der ersten, die es gewagt hat, in die Umlaufbahn um einen Kometenkern einzuschwenken, diesen dann zwei Jahre lang auf seinem Weg durchs Sonnensystem zu begleiten und dabei sogar ein Landemodul namens „Philae“ auf der Oberfläche abzusetzen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch am Freitag um 13.20 Uhr brauchte Accomazzo, der Flugdirektor der Mission, ein Taschentuch. Nach minutenlanger schweigender Anteilnahme Hunderter in Darmstadt versammelter Wissenschaftler und Esa-Mitarbeiter verschwand da jener große grüne Zacken vom Bildschirm. Dann umarmte man sich im Kontrollraum, wie es üblich ist beim erfolgreichen Abschluss einer Weltraummission, doch in den Gesichtern wich der Anspannung keine Heiterkeit, Applaus setzte nur zögernd ein. Und der Projektwissenschaftler Matt Taylor, ein großer Mann mit tätowierten Armen, war so nah am Wasser gebaut, dass er das Schlusswort an die Presse kaum herausbrachte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

          Dabei war das Ende unausweichlich. Der Komet (strenggenommen ein Kometenkern) namens 67P/Churyumov-Gerasimenko, kurz 67P/C-G oder schlicht „Chury“, den Rosetta mehr als zwei Jahre lang umkreist hatte, war bereits im August 2015 durch den sonnennächsten Abschnitt seiner Bahn gelaufen. Seither strebt er wieder hinaus zum sonnenfernsten Punkt, irgendwo in den Gefilden des Jupiters. Im Moment ist Chury – und mit ihm Rosetta – bereits 3,6-mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Und obgleich die beiden vierzehn Meter langen Solarpaneele der Sonde speziell für lichtschwache Zonen ausgelegt sind, wäre ihr bald der Saft ausgegangen. Die Mission musste irgendwann beendet werden.

          Aktive Sterbehilfe

          Dann lieber jetzt, wo Rosetta noch nicht vor Kälte und Energiemangel die Sinne geschwunden sind, und auf eine Weise, bei der sich noch etwas Besonderes für die Wissenschaft herausholen lässt: indem man das gesamte drei Tonnen schwere Gefährt hinab zu Churys eisiger Oberfläche schickt.

          Das allerletzte Bild. Rosetta knipste es am vergangenen Freitag, etwa 20 Sekunden vor ihrem Aufsetzen auf dem Kometenkern aus 20 Meter Höhe. Die Aufnahme erfasst einen 2,4 Meter breiten Abschnitt und ist deswegen unscharf, weil die verwendete Osiris-Weitwinkelkamera für Aufnahmen aus Entfernungen von mehr als 300 Metern vom Kometen konstruiert ist.

          Andrea Accomazzo und seine Leute hatten ihre aktive Sterbehilfe für Rosetta lange vorbereitet. Am späten Donnerstagabend setzten sie dann ein letztes Kommando ab, das aus Rosettas Bahn um den Kometen eine Falllinie hinab zur Oberfläche des Kometen machte. Vierzehn Stunden lang war die Sonde dann hinabgesunken, bis sie am Freitag um 12:40 Uhr ihr Zielgebiet erreichte. Zu dieser Zeit waren Accomazzo und Taylor noch einigermaßen gefasst. Licht und damit auch die Information vom Verstummen eines Funksignals benötigt für die 720 Millionen Kilometer lange Reise vierzig Minuten.

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