https://www.faz.net/-gwz-7qiii

Megateleskop SKA : „Wir waren darauf nicht vorbereitet“

  • Aktualisiert am

Das ist ein vergleichsweise bescheidener Beitrag. Welche Reaktionen hat Deutschlands Rückzug in der SKA-Community ausgelöst?

 Die ausländischen Kollegen, die ich vergangene Woche auf der SKA-Tagung in Sizilien getroffen habe, waren geschockt und ungläubig. Sie können sich nicht vorstellen, dass Deutschland aus einem solch wichtigen Projekt aussteigt. Dass es in Deutschland finanzielle Engpässe in der Wissenschaft gibt, kann man nicht glauben. Man hat die Befürchtung, dass die deutsche Entscheidung nun andere Länder davon abhält, der SKA-Organisation beizutreten. Wir haben viel Aufmunterung erfahren, dass Deutschland sicher wieder anders entscheiden wird. Philip Diamond, der Generaldirektor von SKA, hat signalisiert, dass für Deutschland alle Türen offen stehen.

Was kann SKA leisten, was andere Teleskope nicht können?

Das Teleskop-Array wird mit einer Fläche von einem Quadratkilometer das größte Radioteleskop der Welt sein. Seine Empfindlichkeit wird um einen Faktor hundert höher als die der anderen Radioteleskope. Und es wird ein großes Frequenzband abdecken. Mit SKA werden wir den gesamten Himmel deutlich schneller durchmustern können, als es bislang möglich ist. Eine Himmelsdurchmusterung, für die leistungsfähige Teleskope mehrere Jahre benötigen, wird innerhalb weniger Wochen möglich sein. Dank dieser Eigenschaften wird es eine enorme Beschleunigung des Erkenntnisgewinns geben. SKA wird aber nicht nur für die Radioastronomie von Bedeutung sein, sondern auch wichtige Fragestellungen der Allgemeinen Relativitätstheorie, der Kosmologie, der Teilchenphysik beantworten. Das Projekt hat aber auch eine Leuchtturmfunktion. Es ist das erste internationale Großprojekt Afrikas.

Was bedeutet der Ausstieg für die deutsche Radioastronomie?

Weil das Projekt für die gesamte Astronomie und Grundlagenforschung von Bedeutung ist, werden vom Aus viele Forscher in Deutschland betroffen sein. Wir schätzen mindestens vierhundert Wissenschaftler. Am meisten werden die Universitäten leiden, da sie kein eigenes Budget haben und auf Zuwendungen aus dem Bundesforschungsministerium angewiesen sind. Schon jetzt stellt Deutschland die drittgrößte Fraktion in der SKACommunity.

Wie viel Beobachtungszeit wird Deutschland als Nichtmitglied erhalten?

Nichtmitgliedsländer bekommen bei Großprojekten typischerweise fünf Prozent, für die sie sich bewerben müssen. Wir können nur hoffen, dass wir eins bis zwei Prozent davon erhalten. Doch es wird enorm schwierig sein für jemanden, der nicht von Anfang an bei SKA dabei gewesen ist, das wissenschaftliche und technische Knowhow zu erlangen, das Instrument optimal zu nutzen.

Haben deutsche Firmen eine Chance, Aufträge für den Bau von Teleskopen zu bekommen?

Nein, es werden nur Industrieaufträge an Länder vergeben, die auch am Bau des Square Kilometre Array beteiligt sind. Die Investitionen, die ein Partner tätigt, sollen wieder in Form von Arbeitsplätzen oder als Spin-off zurückfließen.

Wie geht es für Sie weiter? Wie sieht Ihre Strategie aus?

Wir werden das Gespräch mit dem Ministerium suchen und versuchen, uns doch noch für die Prioritätenliste zu bewerben, damit das Projekt begutachtet wird. Das wird hoffentlich geschehen, sobald sich der Sturm gelegt hat. Bis Ende Juni 2015 ist Deutschland noch Mitglied bei SKA. Da wird es noch viele Gelegenheit geben, das Ministerium zu überzeugen.

Das Gespräch führte Manfred Lindinger.

„Die Signale des Ministeriums sind widersprüchlich“

Für den Astrophysiker und Kosmologen Dominik Schwarz von der Universität Bielefeld, der wie Michael Kramer große Hoffnungen in das „Square Kilometre Array“ setzt und mit seinen Kollegen viel Vorarbeitet geleistet hat, ist die Entscheidung aus Berlin ebenfalls nicht nachzuvollziehen. „Es nicht verständlich, warum das Bundesforschungsministerium bereits jetzt alle Türen zum SKA-Projekt zuschlägt, bevor ein entscheidungsfähiges Konzept erarbeitet worden ist und die SKA-Organisation mit allen Regierungen über die Höhe des jeweiligen Beitrags verhandelt hat“, sagt Schwarz im Gespräch. 

„Das SKA steht seit Jahren in einer Top Position auf der auch vom Ministerium mit getragenen Liste der europäischen Forschungsgroßprojekte - der  ESFRI Liste“. Für Schwarz sind die Signalsetzungen des Ministeriums widersprüchlich. Vor zwei Jahren hat  man sich entschieden, sich bei SKA zu engagieren. „Da waren wir erleichtert. 

Es gab keine Vorwarnung

Dann gab es aber zurückhaltenden Reaktionen im vergangen Jahr,  als es um die finanzielle Unterstützung und  um die konkrete Ausgestaltung der deutschen Beteiligung ging. Andererseits gab es Anfang diesen Jahres einen Aufruf zur Einreichung von Kooperarionsprojekten mit Südafrika, in dem die Astronomie explizit erwähnt wurde und auch einige Projekte eingereicht wurden.“

Schwarz und seine Kollegen hatten bei einem vielversprechenden internationalen Großprojekt wie SKA keine Veranlassung anzunehmen, dass  Deutschland kein Interesse an einer Teilnahme haben sollte. „Auch unter dem Aspekt, dass die eigentlichen Vertragsverhandlungen noch gar nicht begonnen hatten, ist die Ankündigung des Austritts schon sehr überraschend. Dazu kommt noch, dass dies das erste globale Großforschungsprojekt ist, in dem ein afrikanisches Land eine federführende Rolle spielt“, erklärt Schwarz, der von Michael Kramer von der Entscheidung des Ministeriums  erfahren hat. Auch er weiß von keinen Gesprächen mit dem BMBF im Vorfeld der Entscheidung. Und über die Gründe kann er ebenfalls nur spekulieren.

Der Rückzug des Ministerium aus dem Teleskop-Array würde nach Ansicht von Schwarz ein deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Radioastronomie in Deutschland bedeuten.  „Wir haben bislang Zugang zu allen wichtigen Teleskopen, etwa  zum Radioteleskop in  Effelsberg, zu den Teleskopen von  LOFAR und ALMA über die Europäische Südsternwarte. Wenn wir bei SKA nicht mitmachen, haben wir in den kommenden Jahrzehnten keinen Zugang zum Spitzengerät der Radioastronomie.“

Jetzt erst recht

Schwarz und seine Kollegen, die  von den Universitäten kommen, sind von  der Entscheidung aus Berlin besonders betroffen. Da Universitätsinstitute im Gegensatz zu  Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gesellschaft  oder Fraunhofer-Gesellschaft über kein eigenes Budget verfügen, sind sie auf finanzielle Mittel aus dem Forschungsministerium besonders angewiesen. Deshalb trifft sie der Rückzug des BMBF besonders hart.

Doch Schwarz und seine Kollegen werden nicht verzagen: „Wir werden alles tun, dem Ministerium und einer breiten Öffentlichkeit dazulegen, warum es wichtig ist, dass sich Deutschland bei SKA beteiligt. Ich bin zuversichtlich, dass sich das Ministerium guten Argumenten nicht verschließen wird.“

 

Weitere Themen

Gute Bildung kostet Geld

FAZ Plus Artikel: #IchbinHanna : Gute Bildung kostet Geld

Wenn das deutsche Wissenschaftssystem international mitspielen will, brauchen wir für den promovierten Nachwuchs bessere und planbare Karrierewege. Das kostet Geld – aber es wäre gut investiert. Ein Gastbeitrag.

Topmeldungen

Innenansicht des „IBM Quantum System One“

Quantencomputer vorgestellt : Rechnen mit kleinsten Teilchen

Bei Stuttgart steht der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer in Europa. Die Forschung verspricht sich von ihm bahnbrechende Ergebnisse, die Industrie kräftige Impulse.
„Ich fühle mich absolut wunderbar“: Eine unabhängige Journalistin widersprach den Aussagen von Roman Protassewitsch während der Minsker Inszenierung.

Propaganda in Belarus : „Ich glaube Ihnen nicht“

Das Lukaschenko-Regime in Belarus benutzt den inhaftierten Journalisten Roman Protassewitsch weiter für seine Propaganda-Inszenierungen. Doch in den öffentlichen Vorführungen regt sich nun auch Widerspruch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.