https://www.faz.net/-gwz-8trfu

Matthias Maurer : Der Neue im Esa-Astronautenteam

Matthias Maurer im irdischen Columbus-Modul der ISS Bild: dpa

Im aktiven Astronautenkorps der Esa gibt es neben Alexander Gerst nun einen zweiten Deutschen. Auf seinen Flug ins All aber muss der Werkstoffforscher Matthias Maurer noch etwas warten.

          3 Min.

          Nicht ausgeschlossen, dass Matthias Maurer demnächst auch unter „Space-Matze“ im Internet zu finden sein wird. Am Donnerstag schlug der deutsche Raumfahrer, der in das Astronautenkorps der europäischen Raumfahrtagentur Esa aufgenommen wurde, diesen spontanen Vorschlag jedenfalls nicht aus. Im Moment twittert der gebürtige Saarländer, der auf einen baldigen Einsatz auf der Internationalen Raumstation ISS hofft, aber noch unter dem Namen @Explornaut.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Saarländer Maurer soll wie Alexander Gerst im Jahr 2014 ebenfalls für die europäische Weltraumagentur Esa ins All fliegen. Das teilten der Esa-Generaldirektor Jan Wörner und die zuständige Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, in Darmstadt mit. Der promovierte Werkstoffwissenschaftler wurde am europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc vorgestellt.

          Maurer war einer der zehn Kandidaten, die bei einer Ausschreibung der Esa im Jahr 2009 ausgewählt wurden. Unter insgesamt 8413 Bewerbern hatte Maurer sich durchgesetzt, von denen nur sechs aufgrund der beschränkten Flugmöglichkeiten für den Einsatz im Weltraum ausgesucht wurden. Wann Mauer tatsächlich ins All startet, steht noch nicht fest. Es gebe, so Wörner, derzeit sechs Astronauten, die auf ihren zweiten Flug warteten. Darunter ist Alexander Gerst, der bereits vor drei Jahren  ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation ISS verbrachte und im kommenden Jahr Kommandant des Außenpostens der Menschheit wird.

          Astronaut - Maurers Erwachsenentraum

          Der 46 Jahre alte Maurer, wurde in St. Wendel im Saarland geboren, er machte dort auch sein Abitur. Er studierte Physik und Chemie in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und in Spanien mit den Schwerpunkten in den Materialwissenschaften und in der Werkstofftechnik. Im Jahr 2004 ist er promoviert worden. Bis vor seinem Eintritt in die Esa 2009 arbeitete er für ein medizintechnisches Unternehmen.

          Raumfahrtagentur Esa : Ein neuer deutscher Astronaut fürs All

          Schon als Junge hatte er sich für Raumfahrt interessiert. Ich habe natürlich die Missionen von Ulf Merbold, Reinhard Furrer oder Ernst Messerschmid in den achtziger Jahren verfolgt“, sagt Maurer in Darmstadt. Doch erst später, im Jahr 2008, als die Esa in einer Ausschreibung Astronauten für künftige bemannte Mission suchte, sei der Berufswunsch gereift. Und so habe er sich damals beworben, zusammen mit fast rund 8400 Mitbewerbern.

          Die Vorbereitungen haben begonnen

          Maurer zeigte sich glücklich, dass die Wahl nun auf ihn als Nachrücker gefallen ist. 2009 habe ihn der damalige Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain (2003 bis 2015) ermutigt, die Hoffnung, Astronaut zu werden, nicht aufzugeben, als klar war, dass von den zehn ausgewählten Kandidaten nur sechs in absehbarer Zeit aufgrund begrenzter Kapazitäten ins All fliegen würden. Maurer ist bei der Esa geblieben und erhielt eine Ausbildung als Support-Ingenieur für Astronauten. In dieser Funktion betreute er die europäischen Astronauten bei Starts und Landungen sowie während ihres Aufenthalts auf der ISS. Dadurch habe er sich bereits umfangreiches Wissen über die Arbeit in 400 Kilometer Höhe aneignen können, sagte Maurer.

          Brigitte Zypries und Jan Wörner wünschen Matthias Maurer (Mitte) alles Gute.
          Brigitte Zypries und Jan Wörner wünschen Matthias Maurer (Mitte) alles Gute. : Bild: dpa

          Den ersten Kontakt mit der Schwerelosigkeit hatte Maurer bei Parabelflügen. Hinter ihm liegen auch bereits das Caves-Training der Esa, bei dem er ein mehrtägiges Höhlentraining für Astronauten absolvierte. Er verbrachte auch 16 Tage am Stück auf dem Meeresboden in 20 Meter Tiefe auf der Unterwasser-Forschungsstation „Aquarius“. Dort wird im Rahmen des Neemo-Trainings der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. der längere Aufenthalt im Weltraum, etwa auf dem Mars, simuliert. An seine körperlichen Grenzen habe ihn aber das obligatorische Survivaltraining für Astronauten im vergangenen November in Schweden gebracht. Er musste lernen 48 Stunden lang in der Wildnis zu überleben, ohne Essen und Trinken, ohne Zelt und Schlafsack, bei Temperaturen bis minus neun Grad. Dieses Training sei wichtig, wenn man fernab von jeglicher Zivilisation mit dem Raumschiff wieder auf der Erde lande.

          Mauer ist Nummer 12

          Derzeit paukt Maurer, der bereits sieben romanische Sprachen spricht, fleißig Russisch und Chinesisch. Er ist selbst im Astronautenzentrum in Peking gewesen. Dort traf er mit chinesischen Taikonauten zusammen, die so fasziniert von der Raumfahrt waren wie er. Schon seit einiger Zeit pflegt die Esa Kontakte zur aufstrebenden Weltraumnation China, die an einer eigenen Raumstation baut und im November wieder eine unbemannte Sonde zum Mond schicken will.

          Bilderstrecke
          Von Jähn bis Gerst : Die deutsche Elf im All

          Maurer, der sich derzeit auch mit den Systemen auf der ISS vertraut macht, wird nun seine Grundausbildung am Europäischen Astronautenzentrum auf dem Gelände des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums DLR in Köln beginnen. Dort wird er unter anderem alles das lernen, was für die Arbeit auf der ISS wichtig ist, inklusive der Simulation eines Weltraumspaziergangs.

          Auf die Frage, ob er schon wisse, wann er zum Zuge käme, antwortete Mauer: „Man könne es sich leicht ausrechnen. Wenn die derzeit sechs aktiven Esa-Astronauten noch ein zweites Mal ins All starten, nicht vor 2019.“ Wenn es soweit ist, würde er auch ohne Bedenken mit einer Raumkapsel eines amerikanischen privaten Raumfahrtunternehmens zur Raumstation fliegen. Schließlich lege die Nasa die Standards für die bemannten Raumflüge an. Zum Mars würde Maurer aber nur fliegen, wenn er von dort auch sicher wieder zur Erde zurück kommen könnte. Einen Flug zum Mond könne er sich dagegen gut vorstellen. Wahrscheinlich wird Maurers erstes Ziel die ISS sein. Der Außenposten der Menschheit wird offiziell noch bis 2024 in Betrieb sein.

          Bislang waren elf deutsche Astronauten im All: Siegmund Jähn (1978), Ulf Merbold (1983, 1992, 1994), Reinhard Furrer (1985), Ernst Messerschmid (1985), Klaus-Dietrich Flade (1992), Hans Schlegel (1993, 2008), Ulrich Walter (1993), Thomas Reiter (1995, 2006), Reinhold Ewald (1997), Gerhard Thiele (2000) und Alexander Gerst (2014).

          DPA-Interview mit Matthias Maurer

          Sie mussten ziemlich geduldig sein. Bei der bislang letzten Bewerbungsrunde der Esa 2008 kamen sie unter die besten zehn Bewerber, wurden aber nicht zum Astronauten ernannt. Haben Sie damit überhaupt noch gerechnet?

          Die Esa hatte damals nur eine begrenzte Anzahl von Raumflügen. Deswegen konnte sie auch nur sechs Astronauten einstellen. Von diesem Moment an war mir klar, dass es mit dem Traum, Astronaut zu werden, entweder gar nicht mehr klappt oder dass er
          zumindest weit nach hinten verschoben wird. Zum Glück kam der damalige Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain auf mich zu und sagte: Bei der Esa kann man auch mitarbeiten, ohne Astronaut zu sein. Er war ja selbst ein ausgewählter Astronautenkandidat, der nie geflogen ist. Ich bin seinem Rat gefolgt und habe viel gelernt. Aber mir war auch klar: Ich bin kein Astronaut. Ich hatte etwas gewonnen - aber nicht den Superpreis. Der kommt jetzt.

          Wann wussten Sie, dass es doch noch klappen könnte?

           2014 zeichnete sich ab, dass die ISS  von 2020 auf 2024 verlängert wird. Da war klar: Es gibt neue Flüge, die Amerikaner bauen neue Raketen mit vier statt drei Sitzplätzen und die ISS-Besatzung wird erweitert von aktuell sechs auf sieben in der Zukunft. Die Gespräche mit China begannen. Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain erkannte, dass es nun eine Option gibt und kam direkt auf mich zu. Er musste mich nicht zweimal fragen.

          War es ein Kindheitstraum, der damit in Erfüllung ging?

          Es war ein Erwachsenentraum. Als Kind habe ich natürlich begeistert mitverfolgt, wie Ulf Merbold in den Weltraum geflogen ist. Im Studium habe ich auch mal nachgeschaut, was man braucht, um Astronaut zu werden, aber die Esa suchte damals keine Astronauten. Richtig entfacht wurde der Wunsch erst, als ich in den Fernsehnachrichten sah, dass die Esa ein neues Auswahlverfahren startet. Ich wusste sofort: Das ist genau mein Ding. Es verbindet Wissenschaft, Technik, Arbeit in einem internationalen Team und natürlich eine Prise Abenteuer.

          Eine konkrete Mission für Sie gibt es bislang noch nicht. Sie sind sozusagen im Wartestand. Hätten Sie ein Wunschziel?

          Sicherlich ist die ISS momentan ein ganz tolles Ziel. Aber der Mond wäre auch eins, das ich mir vorstellen und wünschen würde: Langfristig soll die Reise der Menschheit zum Mars gehen. Der Mond ist dafür eine Art Zwischenstufe. Dort können wir Techniken üben und verifizieren, um diese lange Reise irgendwann antreten zu können.

          Was würden Sie als Erstes im All machen, wenn Sie etwas Zeit für sich haben?

          Ich würde mir als Erstes einfach nur die Erde anschauen. Einfach nur schauen. Und danach sicherlich den Blick ins Universum schweifen lassen. In den dunklen Hintergrund.

          Ihr Kollege Alexander Gerst hat viele Menschen über die sozialen Netzwerke an diesen Eindrücken teilhaben lassen.

          Sie können von mir genau das Gleiche erwarten wie von Alex. Er hat diese Rolle super eingenommen, ebenso wie meine anderen europäischen Esa-Astronautenkollegen. Ich schaue zu, wie sie es machen. Das ist eine Lernphase. Aber natürlich: Die Nutzung der sozialen Netzwerke ist der richtige Weg.

          Sie würden ebenfalls so eine Art Botschafter im All. Haben Sie auch schon eine Botschaft?

          Gerade in diesen Zeiten, in denen die europakritischen Stimmen so laut sind, ist es mir ganz wichtig zu zeigen, dass die Esa ein Paradebeispiel ist für das, was man erreichen kann, wenn man in Europa zusammenarbeitet: nämlich viel mehr als alleine. In den 80ern
          und 90ern gab es in der europäischen Raumfahrt noch nationale Teams. Die Deutschen, die Franzosen und die anderen waren nur Gäste bei den Amerikanern oder bei den Russen. Heute sind wir gleichberechtigter Partner auf der ISS. Wir entscheiden mit. Wenn wir als einzelne Nationalstaaten auftreten würden, wären wir wieder nur Gäste.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Olaf Scholz spricht vergangenen Samstag in München.

          Wahlkampf : Scholz nennt konkrete Zahl für Steuererhöhung

          Erstmals beziffert der SPD-Spitzenkandidat, wie hoch der Spitzensteuersatz unter ihm als Kanzler steigen könnte. Im Gegenzug macht er unter anderem einen Mindestlohn von 12 Euro zur Bedingung für jede Koalition.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.