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Marsexpedition : Wenn der Kapselkoller droht

Die körperliche Beanspruchung bei einer Marsexpedition ist verleichsweise absehbar. Doch welche psychischen Belastungen kommen auf die Raumfahrer zu? Dazu startet jetzt eine neue Studie. Bei einer früheren kam es zu unschönen Szenen.

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          Oliver Knickel hat sich das hoffentlich gut überlegt. Am kommenden Dienstag wird sich der 28 Jahre alte Bundeswehroffizier 105 Tage lang einsperren lassen, zusammen mit fünf weiteren Probanden in einer 243 Quadratmeter großen röhrenförmigen Behausung an einer Einrichtung in Moskau, deren Name tatsächlich „Institut für biomedizinische Probleme“ lautet (siehe auch: Simulationsreise zum Mars: Bei minus 27 Grad gut miteinander auskommen).

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Probleme, die das russisch-europäische Isolationsexperiment „Mars 500“ ausloten soll, werden bei einem bemannten Flug zum Mars erwartet. Denn dorthin ist man eine Weile unterwegs. „Die 105 Tage sind eine Vorstudie“, sagt der Raumfahrtpsychologe Bernd Johannes vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Die Anlage wird damit erst mal getestet.“ Während der 500-tägigen Hauptstudie, die Ende des Jahres beginnt, sei kein Eingriff mehr möglich.

          Nur die physiologischen Begleiterscheinungen sind abschätzbar

          500 Tage, das käme der Dauer einer echten Marsexpedition mit 30-tägigem Aufenthalt auf dem Roten Planeten schon recht nahe. In dem anderen himmelsmechanisch möglichen Szenario - das aus energetischen Gründen erheblich kostengünstiger wäre - blieben die Astronauten sogar 500 Tage auf dem Mars und kämen erst nach 1000 Tagen heim. Die physiologischen Begleiterscheinungen einer monatelangen Reise in einer engen Kapsel durch den offenen Weltraum sind einigermaßen abschätzbar. Viel weniger weiß man über die Auswirkungen auf die Psyche.

          Vor Mars und Mond: Bundeswehr-Hauptmann Oliver Knickel

          Dabei wird das Problem diskutiert, seit sich die technische Machbarkeit eines Marsfluges abzeichnet. „Wenn jemand durchdreht, kann man nicht einfach umkehren“, schrieb der Raumfahrtpionier Wernher von Braun bereits 1954. „Man wird den Betreffenden mit zum Mars nehmen müssen.“ Als Maßnahme dagegen, dass jemand durchdreht, empfahl von Braun, etwaige schlechte Nachrichten von der Erde vor der Übermittlung an die Astronauten zu zensieren. Denn so stellte man sich im Kalten Krieg eine Marsmannschaft vor: eine homogene, militärisch disziplinierte Truppe, die höchstens Heimweh plagt und die Sorge um die Lieben daheim. Gegenwärtige Vorstellungen sind kaum weniger ein Abbild ihrer Zeit: Gelte es heute, eine Crew für den Mars zusammenzustellen, würde man wohl zunächst an ein multinationales, multikulturelles, gemischtgeschlechtliches Team denken - Vertreter der ganzen Menschheit, nicht mehr gedrillt, sondern gecoached.

          Vorbehalte gegen Rektalthermometer und Psychologen

          Doch die empirische Basis für ein solches Coaching ist ziemlich dünn. Daran haben auch die Langzeitaufenthalte auf den Raumstationen Mir und ISS wenig geändert. Zwar wurde die körperliche Verfassung der Astronauten eingehend studiert, kaum aber die seelische. Das liegt einerseits an dem generellen Problem, sozialpsychologische Daten zu erheben, ohne den Untersuchungsgegenstand zu verfälschen. Die klassischen Fragebögen, auf dem die Astronauten eintragen, mit welchem ihrer Kollegen sie wie zurechtkommen, beeinflussen gerade das, was sie messen sollen. Für Mars 500 hat Bernd Johannes daher spezielle Detektoren entwickelt, welche die Teilnehmer zweimal die Woche tragen müssen und die messen, wer mit wem wie viel Zeit verbringt. „Oder ob sich jemand zurückzieht“, sagt Johannes. „Das ist eine große Gefahr, die oft nicht gleich erkannt wird.“

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