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ESA Astronautenklasse 2022 : Eine verpasste Chance

17 neue Astronauten – im neuen 2022er Jahrgang der ESA sind auch zwei deutsche Kandidatinnen vertreten, allerdings nur als Reserve. Bild: dpa

Die Hoffnungen waren groß gewesen: Würde sich endlich eine deutsche Astronautin auf einen Einsatz im All vorbereiten können? Die ESA hat in ihrer aktuellen Auswahl nun zwei deutsche Frauen ausgewählt – allerdings nur als Reserve.

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          Es war eine Entscheidung, die von vielen mit einiger Ungeduld erwartet worden war: Würde die ESA mit der Auswahl ihrer Astronautenklasse 2022 endlich der ersten deutschen Frau die Möglichkeit eröffnen, ins All zu fliegen? Die Antwort gab es mit etwas Verspätung am heutigen Mittwochnachmittag, und für Deutschland war sie enttäuschend. Ausgewählt wurden aus knapp 23.000 Bewerbungen fünf „Karriereastronauten“, die im kommenden Jahr ihre Ausbildung beginnen werden, elf Reserveastronauten, die für spätere Missionen bereitstehen werden, und ein „Parastronaut“, ein Astronaut mit körperlicher Behinderung.

          Tatsächlich sind zwei deutsche Frauen unter den Ausgewählten, allerdings nur im Reserveteam: die industrieerfahrene Biologin Amelie Schoenenwald sowie die Pilotin Nicola Winter. Als Karriereastronauten wurden Sophie Adenot aus Frankreich, Pablo Álvarez Fernández aus Spanien, Rosemary Coogan aus dem Vereinigten Königreich, Raphaël Liégeois aus Belgien und Marco Sieber aus der Schweiz ernannt. Im Reserveteam sind neben den beiden Deutschen eine Britin, zwei Italiener, eine Spanierin, eine Österreicherin, ein Franzose, ein Tscheche, ein Pole und ein Schwede vertreten.

          Knapp 50 Prozent der Kandidaten sind damit weiblich – eine Quote, mit der sich die ESA endlich der NASA anschließt, die großen Wert auf Gleichberechtigung und Diversität legt. So sind im aktuellen Astronautencorps der NASA knapp 40 Prozent Frauen. Bei der ESA gibt es bei den derzeit aktiven Astronauten mit der Italienerin Samantha Cristoforetti dagegen nur eine.

          Der erste „Parastronaut“

          Außerdem wurde erstmalig ein „Parastronaut“ ausgewählt, ein Astronautenkandidat mit körperlicher Behinderung. Diese Ausschreibung war eine internationale Premiere, die einerseits im Sinne der Diversität den Pool talentierter Kandidaten vergrößern und andererseits dazu beitragen soll, das Verhalten von Menschen mit Behinderung im All zu verstehen. Die Ausschreibung richtete sich an Menschen mit Behinderungen der unteren Extremitäten, an Menschen mit unterschiedlich langen Beinen etwa oder einer Körpergröße von weniger als 130 Zentimetern.

          257 Bewerbungen gingen ein. Der schließlich ausgewählte britische Mediziner John McFall hatte mit 19 Jahren einen Motorradunfall mit einer anschließenden Amputation des rechten Beines. Fünf Jahre später war er in den Leistungssport gegangen und hatte das Vereinigte Königreich bei internationalen Wettbewerben als Sprinter vertreten.

          Dass es nun wohl weiterhin einige Zeit dauern wird, bis die erste Deutsche ins All fliegt, lässt Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin merkwürdig antiquiert erscheinen. Zwölf Deutsche waren bislang im All, international liegt Deutschland damit hinsichtlich der Zahl ihrer Raumfahrer nach den USA, Russland, China und Japan auf dem fünften Platz – aber trotzdem befindet sich in dieser Gruppe keine einzige Frau. Unter den großem Raumfahrtnationen, die mehr als zwei Menschen in den Orbit entsandt haben, ist Deutschland mit dieser Bilanz allein.

          Projekt „Die Astronautin“

          Für die Ingenieurin Claudia Kessler war das 2016 Grund genug gewesen, ein eigenes Projekt, genannt „Die Astronautin“, auf die Beine zu stellen, um die erste deutsche Frau ins All zu schicken. Auch in diesem privaten und durch Spenden finanzierten Projekt gab es ein mehrstufigen Auswahlprozess, der einen Pool aus 400 Bewerberinnen schließlich auf zwei Frauen reduzierte, die völlig unabhängig von der ESA für 30 bis 50 Millionen Euro zu Astronautinnen ausgebildet werden sollten. Ziel war, einer der beiden einen Aufenthalt auf der ISS zu ermöglichen.

          Zunächst waren als Finalistinnen die Meteorologin Insa Thiele-Eich und die Pilotin Nicola Winter verkündet worden. Letztere trat aber 2018 zurück und wurde durch die Astrophysikerin Suzanna Randall ersetzt. Der angekündigte Weltraumflug sollte ursprünglich noch vor 2020 stattfinden, aber andauernde Finanzierungsprobleme lassen einen Erfolg des Projektes mittlerweile als sehr unwahrscheinlich erscheinen.

          Es wäre äußerst erfreulich gewesen, wenn nun die ESA mit ihrer Auswahl die Entsendung der ersten deutschen Astronautin in naher Zukunft übernommen hätte. Eine Verbindung der ESA-Auswahl zum Projekt „Die Astronautin“ gibt es trotzdem: Nicola Winter, die aus dem Projekt „Die Astronautin” ausgestiegen war, hat es nun in den Reservecorps der ESA geschafft.

          Die ausgewählten Vollzeit-Astronauten werden jetzt direkt von der ESA unter Vertrag genommen und im kommenden Jahr das Training beginnen. Zunächst wird das ein etwas länger als ein Jahr dauerndes Basistraining im Europäischen Astronautenzentrum in Köln sein, das dann nach Zuteilung einer konkreten Mission in ein immer spezialisierteres Missionstraining übergehen wird.

          Als Erstes, das kündigte ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher an, werde es nun aber einen Medienmarathon für die neuen Astronautenanwärter geben: „Sie werden sehr beschäftigt damit sein, Interviews zu geben und in vielfältiger Weise mit der Öffentlichkeit zu interagieren.” Währenddessen werden die beiden Deutschen sich weiter ihrer Karriere außerhalb der ESA widmen können – für die deutsche Raumfahrt und insbesondere deren Werben um den weiblichen Nachwuchs ist das eine vergebene Chance und überaus bedauerlich.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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