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Astronaut Schlegel im Gespräch : „Zu schön, um wahr zu sein“

  • Aktualisiert am

Astronaut Hans Schlegel: Beste Aussicht auf die ISS Bild: AFP

Hans Schlegel ist vor zwei Tagen aus dem All zurückgekehrt. Im Interview spricht er über das Gefühl bei seinem Außenbordeinsatz, die Rolle des Mondes und die künftigen Aufgaben der Europäer auf der Raumstation.

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          Hans Schlegel ist vor zwei Tagen aus dem All zurückgekehrt. Im Interview spricht er über das Gefühl bei seinem Außenbordeinsatz, die Rolle des Mondes und die künftigen Aufgaben der Europäer auf der Raumstation.

          Herr Schlegel, Sie waren zum zweiten Mal im All. Da ist Ihnen vieles bekannt. Was war dennoch für Sie die große Überraschung?
          Mein letzter Raumflug war vor fünfzehn Jahren. Damals flog ich als Wissenschaftler. Dieses Mal war es ganz anders: ich war ein Missionsspezialist, ich war dafür vorgesehen, die Station zusammen zu bauen, Reparaturmaßnahmen durchzuführen. Das sind ganz andere Anforderungen. Ich bin ausgestiegen und habe Arbeiten im EVA-Anzug durchgeführt – das ist etas komplett Neues. Es war für mich sehr schön, auszusteigen und „EVA zu gehen“, wie wir so sagen, das war für mich das herausragende persönliche Erlebnis.

          Damals haben wir Experimente durchgeführt, dieses Mal haben wir ein Wissenschaftsmodul für die Langzeitforschung auf der Raumstation hochgebracht, und haben dieses Modul angebracht und in Betrieb genommen. Für Europa ist unsere Mission der Eintritt in die Seniorphase der bemannten Raumfahrt. Von nun an hat Europa Zugang zu Experimentierzeit rund um die Uhr, das ganze Jahr lang. Auf der anderen Seite hat Europa die Verpflichtung, sich an den operationellen Kosten, Schwierigkeiten, Besonderheiten der Raumstation zu beteiligen.

          Freischwebend im neuen Esa-Labor Columbus

          Wie haben Sie den Ausstieg in den freien Weltraum erlebt?
          Für mich war das ein absolutes Highlight. Beim ersten Ausstieg haben aus medizinsischen Gründen das Management und der Commander die Entscheidung getroffen, mich nicht aussteigen zu lassen, sondern einen anderen Astronauten vorzusehen. Das war für mich persönlich eine bittere Entscheidung. Allerdings muss ich sagen: Der Erfolg hat uns recht gegeben. Der Ausstieg ist von den beiden Astronauten hervorragend gemacht worden. Ich war drinnen und habe mitgearbeitet, damit alle Schritte so wie geplant erledigt werden können. Ich war erleichtert, froh und auch stolz, dass Columbus so einfach und so planmäßig angedockt werden konnte.

          Das eigene Erlebnis, auszusteigen, ist unvergleichlich. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass man angespannt ist vor dem ersten EVA. Man weiß nicht: Wie wird man sich fühlen? Wird man sich unter Kontrolle haben? Treten Schwindelgefühle auf? Wird man überwältigt vom Anblick auf die Erde? In dem Moment, in dem die Luke aufgeht und man ein bisschen rausschauen kann, sind auf einmal diese Fragen gelöst. Der Abstand zur Erde, dieser riesige Blickwinkel ist überwältigend. Aber im Vordergrund sind die Aufgaben. Die erste Stunde ist man damit beschäftigt, sich anzupassen, die Feinheiten zu kontrollieren. Wie geschickt kann ich mich bewegen? Wie genau kann ich meinen Körper kontrollieren? Die erste Stunde war harte Anpassungsarbeit.

          Die letzten fünf, sechs Stunden habe ich schlichtweg genossen. Es hat Spaß gemacht, die Arbeit ging sehr gut vonstatten. Eine halbe Stunde, nachdem ich draußen war, flogen wir durch Zufall genau über die Kölner Bucht, über Aachen und Köln. Ich habe mir dreißig Sekunden gegönnt und alles wiedererkannt. Wolkenloser Himmel, ganz klares Wetter: Es war einfach phantastisch, zu schön um wahr zu sein.

          Sie haben ein wunderbares Labor nach oben gebracht. Aber wer soll das künftig bedienen, wenn die Shuttles 2010 aufhören zu fliegen? Die Logistik der Russen reicht nicht unbedingt aus, eine zweiköpfige Mannschaft für das Labor zu garantieren.
          Der Shuttle fliegt noch zweieinhalb Jahre. In der Zeit sollten wir versuchen, möglichst viele Experimente in Columbus auszustatten und zu starten. Später, wenn die Mannschaften durch die Sojus ausgetauscht werden, dürfte das sicherstellen, auch europäische Astronauten nach oben zu bringen, um Experimente durchzuführen. Auch Reparaturteile können mit Sojus und Progress hochgebracht werden. Und vergessen Sie nicht: In zirka zwei Monaten werden wir ATV starten, das Automatische Transport-Vehikel der Esa, das ungefähr die drei- bis fünffache Kapazität eines russischen Progress-Transport-Raumschiffes hat.

          Es gibt vielfältige Möglichkeiten. Wir Europäer sind voll kompetent, und wir sollten auch in Zukunft darauf schauen, wie wir unsere Ressourcen möglichst effizient einsetzen. Es kann durchaus sein, dass wir die Fähigkeiten des Labors ausbauen, zum Beispiel einen eigenen High Date Rate Link, eine große Informationsdichteübertragung, aufzubauen, damit wir die Ergebnisse unmittelbar nach unten bekommen. Auch ist daran zu denken, Trägerfahrzeuge zu entwickeln, um selber Menschen auf die Station zu bringen – und das nicht nur, um Columbus zu betreiben.

          Aber Columbus, die Internationale Raumstation, ist ein erster Schritt, den erdnahen Orbit zu nutzen, für Forschung, Entwicklung, für Erkenntnisse, die wir hier auf der Erde benutzen, die wir aber auch benutzen, um weiter nach draußen vorzudringen. Ich denke daran, den Mond zu nutzen. Das langfristige Ziel ist natürlich, einen anderen Planeten zu besuchen, eine Zivilisation auf andern Planeten, sprich: dem Mars, zu starten.

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