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Himmelsschauspiel : Im Takt der schwarzen Venus

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Eine neue Chance ergab sich erst im späten 19. Jahrhundert. Wieder wurden Expeditionen in die nun weit komfortabler zu bereisende Welt ausgeschickt. Neue Akteure wie die Vereinigten Staaten, Mexiko, Brasilien und Deutschland beteiligten sich am gemeinsamen Ziel, die unerledigte Aufgabe endlich zum Abschluss zu bringen. Der Transit 1874 war in Europa gar nicht, der von 1882 immerhin teilweise zu sehen. Durch den Einsatz neuer Technologien, allen voran der Fotografie, und die abermals gesteigerte Qualität der optischen Instrumente waren die Hoffnungen groß. Vergebens: der „Tropfen“ zeigte sich auch auf Fotoplatten. Tatsächlich stellte sich die Fotografie als hochgradig ungenau heraus: Beim zweiten Transit 1882 vertrauten die meisten Astronomen wieder verstärkt der visuellen Beobachtung. Zwar ließ sich der Wert des astronomischen Urmeters genauer bestimmen als 120 Jahre zuvor, die von Halley seinerzeit erhoffte Präzision wurde aber wieder nicht erreicht. Andere Verfahren stellten sich als mindestens gleichwertig heraus, und mit der Entdeckung des Asteroiden Eros im Jahr 1898 war schließlich ein Himmelskörper bekannt, der der Erde noch viel näher kommt als die Venus. Die Messung der Erosparallaxe im Jahr 1931 markiert das erfolgreiche Ende der Jagd nach der Astronomischen Einheit. Ihr moderner Wert, in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mittels Radarechos ermittelt, beträgt knapp 150 Millionen Kilometer, mit einer Unsicherheit von nur wenigen Metern.

Venustransits für alle

Die Venustransits hatten ausgedient, das wissenschaftliche Interesse daran erlosch rasch. Auch die Geschichten von Horrocks, Le Gentil und anderen Jägern des Venusschattens gerieten in Vergessenheit. Kein Wunder, ließ sich doch die schwarze Venus im gesamten zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein einziges Mal erblicken. Das änderte sich erst im Vorfeld des ersten Transits des 21. Jahrhunderts, der am 8. Juni 2004 stattfand und in Europa vollständig zu sehen war. Bücher erschienen zum Thema, und vor allem Amateurastronomen verfolgten das seltene Schauspiel. Mit modernen Uhren, Satellitennavigationsgeräten und dem Internet lassen sich die Messungen der früheren Astronomen leicht und unkompliziert nachvollziehen. Zum ersten Mal war ein Venustransit für Millionen zu erleben, nicht bloß für einige hundert oder tausend Fachleute. Existierten bis 2004 nur wenige Fotografien, ist das Internet nun voll mit Bildern unterschiedlichster Qualität und Schärfe.

Sphinx? Pyramiden? An diesem Vormittag interessiert erst einmal das Geschehen in weiter Ferne

Der Club der Venustransit-Beobachter hat seine Mitgliederzahl also längst in die Millionen gesteigert. Wer ihm dennoch beitreten will und 2004 verpasst hat, dem bleibt nur noch die Chance am 6. Juni 2012. Leider haben mitteleuropäische Himmelsbeobachter schlechte Karten: Zwar dauert der Vorüberlauf der Venus knapp sieben Stunden, die aber liegen für uns größtenteils in der Nacht. Wenn die Sonne gegen 05:20 Uhr aufgeht, schickt sich die Venus bereits an, die Sonnenscheibe wieder zu verlassen. So bleiben nur knapp anderthalb Stunden des Schauspiels, das in voller Länge im pazifischen Raum, im Osten Australiens, Chinas oder auf Hawaii zu bewundern ist. Auch der äußerste Norden Skandinaviens eignet sich, denn hier geht die Sonne im Juni nicht unter. Wer das nötige Kleingeld hat, kann von kommerziellen Veranstaltern angebotene „Venustransitreisen“ buchen.

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