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Alexander Gerst : Vollgepackt ins All

Alexander Gerst und Crew-Mitglied Sergey Prokopyev nach dem Test ihrer Anzüge. Bild: EPA

Rekordverdächtig, was inzwischen alles am ersten deutschen ISS-Kommandaten hängt: Massig Sympathien, geopolitische Hoffnungen und vor allem ein Handgepäck, das jede Raketenladung zu sprengen droht.

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          Ein Phänomen, das viele kennen: Man plant eine Reise an einen exotischen Ort, und plötzlich erreichen einen zahlreiche Anfragen nach ortytypischen Mitbringseln. Alexander Gerst, der heute zu seinem sechsmonatigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation (ISS) startet, wo er als erster deutscher Kommandant in die Geschichte eingehen wird, hat momentan das gegenteilige Problem: Er reist an einen außergewöhnlichen Ort, und alle möchten ihm dorthin etwas mitgeben.

          Kombiniert mit einem offenbar hohen Maß guten Willens auf Seiten des Astronauten – Raummissionen sind diplomatisch bekanntlich heikle Geschichten –, führt dies zu einem prall gefüllten Koffer: Mit an Bord kommen Maus, Elefant und Mainzelmännchen als Repräsentanten des deutschen Fernsehens, ein Stück Berliner Mauer als Symbol verschwindender Grenzen, ein T-Shirt der neuseeländischen Universität Wellington, wo Gerst studierte, und eines der Unicef, eine Flagge der Universität Hamburg, wo Gerst promovierte, sowie eine deutsche und eine europäische Fahne, das Wappen seiner Geburtsstadt Künzelsau, zum späteren Verschenken gedachte Aufnäher der Horizon-Mission und eine Zeitkapsel des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit Bildern und Botschaften von Schülern und der Öffentlichkeit.

          Von wissenschaftlichem Nutzen (Forschung ist immerhin der Hauptzweck von Gersts Reise) ist dieses Sammelsurium von Herzensdingen offenbar nicht. Weder verheißt das Verhalten von Flaggen und T-Shirts unter Einfluss der Mikrogravitation besondere Aha-Momente, noch wurde etwas über geplante Tests bezüglich deren Beständigkeit unter den extremen Bedingungen der Thermosphäre in 400 Kilometern Höhe bekannt. Warum belastet man unseren Mann fürs All dann mit derlei Klimbim?

          Die ISS - ein Ort der Symbolkraft

          Nun, natürlich ist die ISS etwas fundamental anderes als nur ein milliardenschweres Forschungslabor, zu dem Forscher reisen, um die Wissenschaft voranzubringen. Sie ist ein Ort mit Symbolkraft, die jede rein wissenschaftliche Dimension weit übersteigt. Wenn die Mitbringsel auf die Erde zurückgekehrt sein werden, sind sie nicht mehr dieselben wie zuvor, das ist ganz ähnlich wie bei Pilgerfahrten. Immerhin werden sie sechs Monate lang als extraterrestrische Botschafter menschlicher Kultur durch den Raum gereist sein.

          Das allein rechtfertigt natürlich ohne Zweifel übergewichtiges Handgepäck – von symbolträchtigen Gegenständen, die uns unsere fragile irdische Position im All bewusst machen, können wir auf der Erde nie genug haben. Und trotzdem würde es uns interessieren, wie sich der Wimpel von Künzelsau schlägt, wenn er bei Temperaturen von minus 150 Grad Celsius mit atomarem Sauerstoff bombardiert würde. Oder welche dreidimensionalen Proteinkristalle in der Schwerelosigkeit auf dem blauen Elefanten wachsen würden. Aber für derartige Kombinationen des Nützlichen mit dem Symbolischen ist die ISS vermutlich der falsche Ort.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton.

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