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Gefährliches Weltraumwetter : Als die Sonne fast den 3. Weltkrieg auslöste

  • -Aktualisiert am

Die Convair B-58A Hustler war bis 1970 beim Strategic Air Command als Atomwaffenträger eingesetzt. Am 23. Mai 1967 ist sie mit ihrer tödlichen Fracht am Boden geblieben. Bild: US Goverment

Hat im Jahr 1967 ein Sonnensturm beinahe den 3. Weltkrieg ausgelöst, weil er den amerikanischen Radarschild lahmlegte? Eine aktuelle Studie amerikanischer Forscher legt das nahe.

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          Die Menschheit ging nur deswegen der atomaren Katastrophe, weil Astronomen die Militärs rechtzeitig über die aktuellen Geschehnisse auf unserem Gestirn informierten - ein Stoff wie geschaffen für Hollywood. Am 23. Mai 1967, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, fielen sämtliche Frühwarn-Radarstationen des Ballistic Missile Early Warning System (BMEWS) in Kanada, Grönland und England aus. Sie waren geblendet worden von einem der heftigsten Sonnenstürme des zwanzigsten Jahrhunderts. Die energiereiche Strahlung hatte kurz zuvor die Erde erreicht und die Moleküle der oberen Atmosphärenschichten ionisiert. Das blendete nicht nur die Radarstationen, sondern blockierte für einige Stunden auch die komplette Funkkommunikation in der nördlichen Polarregion.

          Notizen über die Regionen auf der Sonne, wo sich die Sonnenflaires entluden - vom 18. bis 28. Mai 1967.

          Das BMEWS sollte vor einen sowjetischen Angriff aus der Luft auf das Gebiet der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten warnen. Amerikanische Militärs vermuteten daher zunächst einen sowjetischen Angriff und ließen zusätzliche nuklear bestückte Bomber für den Ernstfall vorbereiten. Dass die Flugzeuge glücklicherweise am Boden blieben, war einer wenige Jahre zuvor in Betrieb gegangenen Abteilung des amerikanischen Air Weather Service (AWS) zu verdanken, die die Geschehnisse auf der Sonne im Blick hatte.

          Die Entwarnung kam noch rechtzeitig

          Die Astronomen überzeugten die Militärs gerade noch rechtzeitig, dass es sich keineswegs um einen feindlichen Akt auf das Frühwarnsystem, sondern schlicht um ein Naturphänomen handelte. Diese vergessene Episode der Geschichte des Kalten Krieges haben nun Delores Knipp von der Universität in Boulder in Colorado und ihre Kollegen aufgearbeitet und in der Fachzeitschrift „Space Weather“ der Amerikanischen Geophysikalischen Union veröffentlicht. „Die Situation war ernst“, fasst Knipp die Geschehnisse zusammen, „doch sie nahm eine gute Wendung: Gerade als alles auf schreckliche Weise schief zu laufen schien, funktionierten einige Dinge in vorbildlicher Weise richtig.“

          Die Sonne am 23. Mai 1967, die weißen Flecken sind die Regionen erhöhter Aktivität.

          Die zugehörige „aktive Region“ auf der Sonne hatten Astronomen schon seit dem 17. Mai 1967 im Blick. Es handelte sich um eine besonders große Gruppe von Sonnenflecken, also ein Gebiet, in dem die Bewegung des heißen solaren Materials durch starke Magnetfelder behindert wird. Die in diesen Feldern gespeicherte Energie entlud sich einige Tage später in einer Serie von sogenannten Sonnenflares. Dabei wurde energiereiche Strahlung vom Radio- bis in den Ultraviolettbereich ausgesandt und zusätzlich eine Wolke aus geladenen Teilchen in Richtung Erde beschleunigt. Neben den erwähnten Kommunikationsstörungen zeigten sich außergewöhnlich heftige Polarlichter am Himmel, einige waren noch bis in den Süden der Vereinigten Staaten zu sehen.

          Ob die Menschheit tatsächlich einem nuklearen Waffengang der Supermächte nur knapp entgangen war, wie die Autoren in ihrer Arbeit annehmen, wird man wohl nie genau wissen. Sicher ist aber, dass eine große Zahl aufsteigender Bomber von Seiten der Sowjetunion als aggressiver Akt hätte gedeutet werden können. Einmal in der Luft, wäre höchstwahrscheinlich die Kommunikation zu den Piloten abgebrochen, ein nachträglicher Rückruf also unmöglich gewesen. Für das amerikanische Militär war der Zwischenfall Anlass, das Weltraumwetter künftig noch genauer im Auge zu behalten. Heute werden Ereignisse auf der Sonne und ihre Auswirkungen auf die Erde lückenlos überwacht. Doch die Episode zeigt auch: Nur der Mensch vermag ein im Grunde harmloses Naturereignis zur Katastrophe zu steigern.

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