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Notgelandete Sojus-Kapsel : Der Fehlstart ist ein harter Schlag

Rettungsmannschaften stehen neben der notgelandeten russischen Sojus-Kapsel in der Steppe von Kasachstan. Die beiden Astronauten sind wohlauf. Bild: dpa

Zwei Astronauten überleben den Fehlstart einer Sojus-Rakete. Russland setzt die Raketenstarts aus, um die Ursache zu klären. Auch für Astronaut Alexander Gerst hat die Panne Folgen.

          Dieser Start der Sojus MS-10 sollte ein besonderer sein. Er war dem 100. Jahrestag der Gründung der Firma „Energie“ gewidmet, die die „Sojus“ baut. Deshalb waren zu dem Start auf den Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitrij Rogosin, und sein amerikanischer Kollege von der Nasa, Jim Bridenstine, angereist.

          Katharina Wagner

          Redakteurin in der Politik.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Um 11.40 Uhr Moskauer Zeit startete die Trägerrakete vom Typ „Sojus-FG“ mit dem bemannten Raumschiff „Sojus MS-10“. An Bord waren zwei Astronauten: der russische Kommandeur Alexej Owtschinin und der Amerikaner Nick Hague. Roskosmos schien sich so sicher zu sein, dass der Start gelingen würde, dass die Organisation kurz nach dem Start per Twitter mitteilte, in der 287. Sekunde habe sich die zweite Raketenstufe plangemäß abgetrennt.

          Das stimmte aber nicht: Schon beim Abbrennen der ersten Raketenstufe – bestehend aus den vier Boostern – waren Schwierigkeiten aufgetreten. Vermutlich zündete deshalb die zweite Stufe nicht. Glücklicherweise kam es dabei zu keiner Explosion des noch in den Tanks verbliebenen Treibstoffs. Über die Ursachen des Versagens der zweiten Stufe kann bislang nur spekuliert werden: War es ein falscher Befehl des Bordcomputers? Oder traten Unregelmäßigkeiten beim Verbrennen des Treibstoffs – eines Gemischs aus Kerosin und flüssigem Sauerstoff – auf?

          Kasachstan, Baikonur: Start der Raumkapsel Sojus MS-10 auf dem Weltraumbahnhof Bilderstrecke

          Die Informationslage nach dem Versagen war zunächst undurchsichtig. Die Liveübertragung des Starts wurde unterbrochen. Russische Journalisten, die den Start verfolgten, meldeten kurz nach dem Unfall unter Berufung auf Quellen in Baikonur, die Besatzung sei in Kasachstan gelandet und es habe schon Kontakt zu ihnen gegeben. Beide Männer seien am Leben. Rettungsmannschaften seien auf dem Weg, um nach ihnen zu suchen. Doch der Aufenthaltsort der Astronauten sei noch unklar. Erst 40 Minuten nach dem Unfall twitterte dann Dmitrij Rogosin: „Die Besatzung ist gelandet. Alle sind am Leben.“

          Das Arbeitspferd der russischen Raumfahrt

          Später wurden Bilder veröffentlicht, auf denen die Rettungskapsel inmitten der kasachischen Steppe zu sehen war. Die Astronauten wurden nach Schesqasghan in Zentralkasachstan geflogen. Nach Angaben von Roskosmos geht es den beiden Männern gut. Ärzte hätten sie untersucht, es gebe keine Gesundheitsprobleme. „Sie trinken Tee und machen Witze“, sagte ein Vertreter von Roskosmos. Rogosin flog ebenfalls nach Schesqasghan und ließ sich dort mit den beiden Astronauten auf Sofas sitzend fotografieren, während ihnen der Blutdruck gemessen wurde. Anschließend sollten die Astronauten ins Trainingszentrum für Kosmonauten bei Moskau gebracht werden, das sogenannte Sternenstädtchen. Eigentlich hätten sie 187 Tage auf der Internationalen Raumstation (ISS) verbringen und dort 56 Experimente durchführen sollen.

          Auch wenn sie in die Jahre gekommen ist, so gilt die Sojus-Trägerrakete noch immer als das Arbeitspferd der russischen Raumfahrt. Seit dem Ende der amerikanischen Raumfähren 2011 befördert sie auch regelmäßig amerikanische Astronauten zur ISS. Die Trägerrakete mit ihrem unverwechselbaren Aussehen kann seit ihrem Jungfernflug am 28. November 1966 auf mehr als 850 Starts zurückblicken und zählt damit zu den meistgeflogenen Raketen der Welt. Fast 98 Prozent der Starts verliefen bisher erfolgreich. Kein anderes Raumschiff kann auf eine ähnliche hohe Erfolgsquote zurückblicken. Die Sojus-Trägerrakete wird deshalb auch oft mit einem VW-Bus verglichen.

          Der Fehlstart nun ist ein harter Schlag für die russische Raumfahrtagentur Roskosmos und für die bemannte Raumfahrt generell. Denn der Vorfall zeigt, dass man trotz aller Routine bei Raketenstarts noch immer mit Unfällen rechnen muss, wobei im schlimmsten Fall auch Astronauten ums Leben kommen können. Wie immer bei derartigen Zwischenfällen, müssen zunächst die Gründe dafür gesucht werden, warum die zweite Stufe der Sojus-Rakete nicht gezündet hat. Roskosmos sprach nur von einer „außerplanmäßigen Situation“. Dmitrij Rogosin kündigte die Gründung einer „staatlichen Kommission“ zur Untersuchung der Unglücksursache an. Zudem sollen vorerst alle geplanten Flüge der Trägerrakete vom Typ „Sojus-FG“ gestoppt werden.

          Vorerst keine Verstärkung für Alexander Gerst 

          Das bedeutet, dass vorerst keine Astronauten zur ISS befördert werden können und die derzeitige dreiköpfige Besatzung bis auf Weiteres keine Verstärkung erhält. Damit dürften auch die geplanten Wartungsarbeiten und Experimente auf der Raumstation nicht in vollem Umfang ausgeführt werden. Ob Alexander Gerst, der seit gut einer Woche offiziell das Kommando über die ISS hat, wie geplant Anfang Dezember zur Erde zurückkehren kann, ist ebenfalls fraglich. Wenige Stunden nach dem Fehlstart schrieb er auf Twitter: „Schön, dass es unseren Freunden gutgeht.“ Der Tag habe wieder gezeigt, „was für ein tolles Fahrzeug die #Sojus ist“ – sie könne die Besatzung vor den Folgen eines solchen Fehlers bewahren.

          Dass Alexej Owtschinin und Nick Hague den missglückten Start überlebten, ist dem Rettungssystem zu verdanken. Wie bei einem Fehlstart vorgesehen, wurde die Sojus-Kapsel mit den Astronauten sofort von der Rakete abgetrennt. Die Feststoffraketen des Raumschiffs zündeten und brachten die Sojus in eine tiefere Flugbahn. Die Sojus-Kapsel landete 400 Kilometer weit entfernt von der Startrampe in Baikonur sicher an Fallschirmen.

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