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Europas Mars-Mission : Alles im Soll, bis auf den Schluss

  • -Aktualisiert am

Rätselraten in Darmstadt. Bild: Reuters

„Schiaparelli“ meldet sich nicht vom Mars. Der Landeroboter ist verschollen, womöglich zerschellt. Zerknautscht gibt sich die Esa trotzdem nicht. Das erste Missionsziel sei erreicht: Ein Satellit dreht nun seine Runden um den Planeten und sucht nach Leben.

          Kein Happy End für „Schiaparelli“. 50 Sekunden vor dem geplanten Aufsetzen des Landeroboters riss gestern Abend der Kontakt zur ihm ab. Trotz intensiven Lauschens haben die Ingenieure und Wissenschaftler im Kontrollzentrum der Esa in Darmstadt seitdem nichts mehr von ihrem Roboter gehört. Damit ist zumindest ein Ziel der ambitionierten europäisch-russischen Mission „ExoMars“ gescheitert: Zu beweisen, dass Europäer und Russen es den Amerikanern gleich tun und ein funktionsfähige Sonde auf den Nachbarplaneten absetzen können.

          Dafür ist das Mutterschiff, der „Trace Gas Orbiter“ (TGO) erfolgreich in seiner Umlaufbahn angekommen, womit Europa neben dem 2003 gestarteten Mars Express nun zwei funktionsfähige Satelliten im Marsorbit hat. Am Donnerstagmorgen gaben sich Esa-Generaldirektor Jan Wörner und Spacecraft Operations Manager Andrea Accomazzo alle Mühe, auch Schiaparellis gescheiterte Landung nicht ganz so negativ darzustellen: Bis kurz vor Schluss habe schließlich alles einwandfrei funktioniert, und letztlich sei Schiaparelli, im ESA-Jargon profan „Entry, descent and landing Demonstrator Module“ (EDM) genannt, ja nur ein Testlauf gewesen. Ein Test, der allerdings nicht bestanden wurde.

          ESA-Generaldirektor Jan Wörners erste schwere Stunde: „War ohnehin nur ein Test.“

          Nun beginnt die Ursachenforschung. Immerhin habe man die dafür nötigen Telemetriedaten vollständig und erfolgreich auffangen können, so Accomazzo. Aus den von einem Radioteleskop in Indien und Mars Express aufgezeichneten Daten lässt sich rekonstruieren, dass die Anomalie in dem Moment eintrat, als der Fallschirm des Landers abgestoßen werden sollte. Damit war die kritischste Phase des Abstiegs eigentlich schon überstanden: Mit 21.000 Kilometern in der Stunde war Schiaparelli zuvor in die Marsatmosphäre eingetreten, in gut 120 Kilometer Höhe. Sein Hitzeschild funktionierte einwandfrei, wie auch der zwölf Meter große Fallschirm, der sich in rund elf Kilometer über dem Marsboden öffnen und die Sonde auf immerhin noch 300 Kilometer pro Stunde abbremsen sollte. Selbst das Absprengen des Hitzeschilds geschah offenbar noch ohne Probleme, nicht aber das Lösen des Fallschirms in einem Kilometer Höhe. Zwar zündeten die Bremsraketen, die Schiaparelli bis kurz über dem Boden auf nur noch 18 Kilometer pro Stunde abbremsen sollten, brannten laut Accamazzo aber nur drei bis vier Sekunden, und damit zu kurz.

          Ist Schiaparelli zerschellt?

          Was dann geschah, ist unklar. Möglicherweise zerschellte Schiaparelli auf dem Mars, anstatt wie geplant von einer knautschbaren Struktur gepolstert weich zu landen. An Bord hatte der Lander allerdings nur wenig wissenschaftliche Experimente. Ein Schwarz-Weiß-Webcam sollte insgesamt 15 Bilder während des Abstiegs, aber keine Aufnahmen von der Oberfläche machen. Die Bilder gehörten nicht zu den Telemetriedaten und hätten nach der Landung über den Orbiter TGO zur Erde geschickt werden sollen. Sie sind damit höchstwahrscheinlich verloren.

          Warum haben die Lande-Raketen nur kurz funktioniert?

          Die ExoMars-Mission, in deren Rahmen die Esa mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos kooperiert, ist zweigeteilt: Der Orbiter TGO und Schiaparelli bilden die Vorhut, im Jahr 2020 soll dann ein Roverfahrzeug abgesetzt werden, für dessen Daten der TGO als Relaisstation diesen soll. Bis dahin wird der Orbiter den Mars nach Spurengasen untersuchen und insbesondere die Frage klären, woher das Methan in seiner Atmosphäre stammt. Bislang kommen dafür sowohl vulkanische als auch biologische Prozesse in Frage. Während Schiaparelli am Mittwochabend seinen unheilvollen Flug durch die Marsatmosphäre begann, gelang dem TGO das erfolgreiche Einschwenken in eine elliptische Umlaufbahn. In den kommenden Jahren soll diese nach und nach in eine Kreisbahn mit einer Orbithöhe von 400 Kilometern verändert werden. Dazu nutzt der TGO die schwache Reibung der äußeren Marsatmosphäre, ein Verfahren, das Treibstoff spart, aber viele Monate dauert.

          Bis zu Teil zwei von ExoMars bleibt nicht viel Zeit, aus dem Schicksal Schiaparellis zu lernen. Der Rover wäre mit seinen vielen wissenschaftlichen Experimenten zweifellos ein schmerzlicherer Verlust als Schiaparelli. Zudem ist ExoMars 2020 noch nicht vollständig finanziert. Auch wenn Wörner Optimismus demonstrierte, den Mitgliedsländern die fehlenden Millionen entlocken zu können – ein Funksignal von der Marsoberfläche hätte dabei sicher geholfen.

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