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Weltraumsicherheit : „Im Orbit gibt es keine Vorfahrtsregeln“

Der Aeolus-Satellit der Esa hat sein erstes Ausweichmanöver hinter sich – anlässlich der Annäherung eines von SpaceX betriebenen „Starlink“-Satelliten. Bild: dpa

Der Esa-Satellit Aeolus musste am Montag einem Satelliten aus Elon Musks Starlink-Konstellation ausweichen. Inwiefern der Vorfall Grund zur Sorge ist, erklärt Esa-Experte Holger Krag im Interview.

          Herr Krag, am Montagmorgen musste ein Esa-Satellit zum ersten Mal einem anderen Satelliten ausweichen, der Teil einer sogenannten Mega-Konstellation ist – eines geplanten aus Tausenden Satelliten bestehenden Netzwerkes. Der Satellit war einer der ersten 62 Testsatelliten der „Starlink“ genannten Konstellation, die derzeit von Elon Musk aufgebaut wird. Was ist genau passiert?

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir überwachen unsere Satelliten rund um die Uhr und prüfen jede eingehende Kollisionswarnung. In diesem Fall musste unser Aeolus-Satellit ausweichen und zwar zum ersten Mal während seiner Mission. Ein solches Manöver kommt in der gesamten Flotte schon ein paar Mal im Jahr vor. Der Normalfall – mehr als 90 Prozent der Fälle – ist aber, dass wir es mit einem Stück Weltraumschrott zu tun haben. Diesmal war es ein betriebener Satellit und zwar in einer Höhe, wo man sonst eigentlich niemanden erwartet. Aeolus fliegt 320 Kilometer tief, da ist eigentlich sehr wenig los.

          Inwiefern ist es etwas anderes, wenn man einem Satelliten statt einem Stück Weltraumschrott ausweicht?

          Wenn man eine Kollisionswarnung mit einem Weltraumschrottobjekt hat, ist der Fall klar: Dann muss der Satellit ausweichen. Wenn man aber einem anderen betriebenen Satelliten begegnet, dann muss man sich koordinieren. Die Art und Weise, wie diese Koordination heute funktioniert, ist – kann man fast sagen – primitiv, denn das funktioniert per E-Mail und per Telefon.

          Es gibt keine offiziellen „Vorfahrtsregeln“?

          Nein, es gibt keine Vorfahrtsregeln. Es gibt noch nicht einmal eine Vorschrift, dass man überhaupt ausweichen muss. Es gibt keine Kommunikationsprotokolle, und es ist nicht klar, welche Informationen ausgetauscht werden müssen. Es gibt noch nicht einmal einen Katalog an Telefonnummern, die man anrufen kann. Es bedarf unbedingt einer Modernisierung. Wir haben zur Zeit 2000 betriebene Satelliten im All. Diese Zahl wird deutlich steigen. Wir merken jetzt mehr und mehr, dass wir angesichts des Anstiegs des Verkehrs im Weltall eine Lösung haben müssen.

          Dr.-Ing. Holger Krag ist Leiter des Esa Programms für Weltraumsicherheit.

          Wie lief konkret die Kommunikation mit SpaceX?

          SpaceX hat in diesem Fall gesagt, dass sie momentan kein Manöver planen. Und wir haben uns entschlossen, zu manövrieren, weil uns das Risiko bei einer Kollisions-Wahrscheinlichkeit von 1:1000 zu hoch war. Es reicht ja tatsächlich, wenn einer manövriert, und wir haben ihnen mitgeteilt, was wir vorhaben. Die Fälle, wenn man gar keine Antwort bekommt, sind die problematischen, denn dann ist man bis zum Schluss unsicher, ob das was man macht, wirklich das Richtige ist. Wenn beide in die gleiche Richtung ausweichen, ist das Problem schließlich nicht gelöst.

          Hat sich SpaceX also darauf verlassen, dass die Esa sich um das Problem kümmert?

          Das ist schwer zu sagen. Vielleicht haben wir zu schnell reagiert, und sie haben sich gesagt: „Ok, dann brauchen wir nichts mehr zu tun“. Das andere ist: das Kollisionsrisiko wird nicht standardisiert berechnet. Vielleicht sind sie zu einem anderen Ergebnis gekommen als wir. Das ist aber auch nicht das, was uns Sorgen macht. Der Aufwand, sich in Zukunft abzusprechen, könnte fast größer sein als der Aufwand des Manövrierens. Wir haben schließlich viel mehr Kollisionswarnungen als tatsächliche Ausweichmanöver, viele der Warnungen lösen sich nach einiger Zeit in Wohlgefallen auf. Aber für jede Warnung muss man agieren und sich absprechen. Da geht der Aufwand hinein. Wenn man manuell mit mehreren Betreibern täglich absprechen muss, wer wohin manövriert, das kann ja nicht die Zukunft der Raumfahrt sein.

          Wie sähe eine Lösung aus?

          Der Prozess der Absprache muss modernisiert und professioneller werden. Wir werden jetzt unseren Mitgliedsstaaten ein Programm vorschlagen, „Space Safety“, das auf der Esa-Ministerratskonferenz im November vorgestellt wird, wo wir auch Lösungen zu diesem Thema auf den Tisch legen wollen.

          Und tatsächlich drängt vermutlich die Zeit: Bald will SpaceX seine Satellitenflotte auf mehr als 10.000 aufstocken. Andere Firmen wollen folgen …

          Ich denke, in den nächsten zwei bis drei Jahren sollten wir technisch Lösungen haben, die uns die Arbeit deutlich erleichtern. Kommunikationsprotokolle, automatische Entscheidungen basierend auf maschinellem Lernen. Vielleicht auch die Möglichkeit, den Satelliten jederzeit zu erreichen und nicht nur wenn er eine Bodenstation überfliegt, so dass man flexibler reagieren kann. Unser Vorschlag ist, bis 2023 zu demonstrieren, dass ein Satellit nach einer eingehenden Kollisionswarnung eine Entscheidung trifft, sich abstimmt und dann autonom ausweicht. Autonom heißt nicht, dass er alles an Bord macht, das erfordert natürlich einen Kontakt mit dem Boden. Aber momentan sind wir dazu noch nicht in der Lage. Es werden viele Experten dafür bezahlt, rund um die Uhr wach zu bleiben und die Lage zu beurteilen. Und das ist nicht mehr handhabbar wenn wir bald die fünffache Zahl an Satelliten haben.

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