https://www.faz.net/-gwz-8kwaa

Bürgerdebatte zur Raumfahrt : Sagt mir, was ihr denkt!

  • Aktualisiert am

Ob das auch den europäischen Bürgern gefällt? Bei der Esa arbeiten die Wissenschaftler an den Plänen für eine Mondbasis. Bild: Esa

Die Esa will Europas Bürger nach ihren Raumfahrtvisionen befragen. Eine offene Bürgerdebatte, die in einer Woche in mehreren Ländern stattfindet. Eine Premiere. Für den deutschen Esa-Chef Jan Wörner ein zentraler Baustein der Raumfahrtpolitik, wie er im Interview erläutert.

          4 Min.

          Herr Wörner, am 10. September wird die Esa in 22 Mitgliedsländern erstmals Bürger zu einer Debatte rund um die Raumfahrt einladen. Was werden Sie die Menschen fragen?

          Es geht weit mehr als nur um eine Befragung. Es geht um eine Diskussion, europaweit, auch „Citizens Debate“ genannt. Wir wollen mit der Bürgerdebatte einen umfassenden Partizipations-Diskussions-Prozess anstoßen. Die Menschen, die zusammenkommen, sollen offen über Raumfahrt diskutieren. Wir wollen von den Teilnehmern erfahren, was sie als wichtig und notwendig in der Raumfahrt in Europa ansehen.

          Nach welchen Kriterien werden die Teilnehmer ausgewählt?

          Wir gehen nach zwei Grundprinzipien vor: Wir wollen, dass die Gesellschaft möglichst repräsentativ abgebildet wird und keine Bevölkerungsgruppe oder Berufsgruppe dominiert. Akademiker, Handwerker, Arbeiter, Rentner, Studenten, Schüler, ältere und jüngere Menschen, Frauen und Männer, alle Menschen sind gefragt, nicht nur die klassischen „Raumfahrt-Fans“.

          Seit 1. Juli 2015 Generaldirektor der Esa: Jan Wörner

          Wie viele Menschen haben sich in Deutschland bereits beworben?

          Es waren Anfang dieser Woche bereits mehr als vierhundert Anmeldungen.

          Pro Land sind nur etwa hundert Personen zugelassen? Warum dürfen nicht mehr Bürger mitreden?

          Bei 22 Mitgliedstaaten haben wir schon 2200 Bürger und Bürgerinnen. Das ist schon eine recht große Zahl. Wir wollen ja, dass die Leute miteinander diskutieren, und wir wollen verwertbare Ergebnisse erhalten. Die Citizens Debate ist ein Experiment, das wir zum ersten Mal ausrichten. Deshalb starten wir mit etwa 100 Personen pro Land.

          Wie wird die Bürgerdebatte beispielsweise am Europäischen Satelliten Kontrollzentrum (Esoc) in Darmstadt ablaufen?

          Wie wir am besten vorgehen, haben wir in der Esa intensiv diskutiert. Dass es keinen Sinn hat, eine Straßenumfrage zu machen, war von Anfang an klar. Wir wollen möglichst professionell vorgehen und haben uns stark an der Bürgerdebatte orientiert, die im vergangenen Jahr im Rahmen der internationalen Klimakonferenz COP21 in Paris veranstaltet wurde. Wir werden am 10. September gleichzeitig in allen Mitgliedstaaten eine von einem unabhängigen Moderator geleitete Debatte führen. Am Anfang wird es für alle eine Einführung in das Thema Raumfahrt geben, und dann wollen wir in die Debatte einsteigen. Die tieferen Diskussionen können an den verschiedenen Standorten natürlich unterschiedlich verlaufen.

          Die Raumfahrt genießt in der Öffentlichkeit von jeher eine große Akzeptanz. Was ist die Motivation hinter der Bürgerbefragung?

          Uns geht es nicht darum, positive Stimmung für die Raumfahrt zu machen. Wir wollen von den Bürgern und Bürgerinnen objektiv erfahren, was sie von der Esa halten und für richtig halten und was ihnen für die Zukunft wichtig ist. Die Ergebnisse, die nach einer soliden wissenschaftlichen Methode generiert werden, werden für mich und meine Arbeit in der Esa Konsequenzen haben.

          Die 3 Komponenten von ExoMars: Raumsonde „Trace Gas Orbiter“ (Ankunft 19. Okrober), Landemodul „Schiaparelli“ (Landung 19. Oktober 2016) und Marsrover (Start 2020)

          Man könnte argwöhnen, die Esa wolle mit der Veranstaltung für sich werben und ihre Projekte und ihre ambitionierten Missionen - Stichwort Mondbasis und Marsreisen - legitimieren.

          Es ist natürlich meine Aufgabe als Generaldirektor, immer für die Belange der Esa und deren Missionen zu werben. Es wäre mir aber zu kurz gegriffen, wenn diese Bürgerdebatte nur eine kurzfristige Werbemaßnahme ist. Ich glaube, dass sie von ihrer Struktur her so angelegt ist, dass sie zunächst erstmal spannende Informationen liefert. Und wenn wir anhand dieser Informationen die Projekte und Missionen der Esa entsprechend gestalten und wir am Ende in der Bevölkerung eine größere Unterstützung finden, dann ist das eine großartige Sache.

          Wann wurde die Idee geboren?

          Ich habe die Citizens Debate angekündigt, als ich mich für das Amt als Esa-Generaldirektor beworben habe. Man hatte mir die Frage gestellt: „Herr Wörner, was sind denn Ihre Visionen für die Raumfahrt?“ Meine Antwort war, ich möchte Partizipation in der Raumfahrt mit der Bevölkerung erreichen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich bei unseren Satelliten und Raumschiffen „wie mit an Bord“ fühlen.

          Die Esa träumt auch bereits von einem bemannten Flug zum Mars mit einer Basis auf dem Roten Planeten.

          Für mich wäre es ein besonderer Erfolg, wenn wir in den kommenden Jahren das Band zwischen der europäischen Raumfahrt und der Bevölkerung enger schnüren könnten, als es derzeit schon vielerorts der Fall ist. Klar brauchen wir auch Visionen - ob das nun die Reise zum Mond oder Mars ist. Ich möchte aber auch mehr darüber wissen, was die Menschen von der Raumfahrt erwarten.

          Man wird damit auch für Transparenz sorgen.

          Natürlich, gerade auch gegenüber Europas Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern. Ich habe übrigens, als ich zum Generaldirektor gewählt worden bin, sehr bald die Repräsentanten der 22 Esa-Mitgliedstaaten gefragt, welche Raumfahrt-Visionen sie haben und was sie erwarten. Jetzt werde ich genau zuhören, was die Bürger und Bürgerinnen zu sagen haben. Ich bin sehr gespannt.

          Werden die Resultate die künftigen Entscheidungen der Esa beeinflussen?

          Nun, die offiziellen Entscheidungswege der Esa sind mehr oder weniger festgelegt. Der Generaldirektor unterbreitet auf der Ministerratskonferenz den Vertretern der Esa-Mitgliedstaaten Vorschläge, was in den kommenden drei bis fünf Jahren gemacht werden sollte. Darüber wird dann diskutiert. Da ich nun selbst der Initiator der Bürgerdebatte bin, ist es nur folgerichtig, dass ich die Ergebnisse, wenn sie vorliegen, in entsprechende Vorschläge münden werden lassen, mit dem Ziel, sie möglichst auch zu verwirklichen.

          Komet 67P in Begleitung der Raumsonde Rosetta.

          Was werden Sie tun, wenn plötzlich die Mehrheit der Bevölkerung zum Mond oder Mars reisen oder zumindest einmal als Tourist in die Erdumlaufbahn mitfliegen will?

          Machen wir mal ein Gedankenspiel: Sollte tatsächlich in den verschiedenen Mitgliedstaaten der Ruf nach mehr Weltraumtourismus laut werden und gefordert werden, die Esa sollte auch dem normalen Bürger eine Reise ins All ermöglichen, dann muss ich mir mit meinem Team schon überlegen, wie können wir mit diesem Vorschlag umgehen? Bisher sagen wir bei der Esa, es ist nicht unsere Aufgabe, als staatlich geförderte Einrichtung den Weltraumtourismus voranzubringen. Aber falls die Steuerzahler genau das fordern würden, dann wäre das für uns eine echte Herausforderung.

          Waren Sie Kritik ausgesetzt, als Sie die Bürgerdebatte vorschlugen?

          Es war mitnichten so, dass alle bei der Esa gesagt haben: „ja, eine Bürgerdebatte, das brauchen wir“. Es gab einige Kollegen, die gezögert haben. Ihre Argumente: „Wir wissen doch, was wir und unsere Bürger wollen. Wir brauchen keine öffentliche Debatte, wir leben doch in einer repräsentativen Demokratie.“ Mittlerweile ist die Kritik gewichen, und man ist vom Sinn der Sache überzeugt. Unsere Esa-Astronauten, die auch unsere Raumfahrt-Botschafter sind, haben die Einladung an die Bürger weitergetragen. Wir haben viele begeisterte Rückmeldungen in den Sozialen Medien, im Internet und auch bei vielen Journalisten. „Toll, dass ihr das macht, das hat es bisher nicht gegeben.“ Die Bürger fühlen sich ernst genommen!

          Wann werden die Ergebnisse der Veranstaltung feststehen?

          Wir haben enormen Zeitdruck. Die Ergebnisse sollen auf der Esa-Ministerratskonferenz im November in Luzern in der Schweiz präsentiert werden. Die Ergebnisse von allen 22 Standorten werden so schnell wie möglich nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet. Ich hoffe, dass wir schon in wenigen Wochen so weit sind, dass wir damit arbeiten können.

          Die Fragen stellte Manfred Lindinger

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.