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Raumfahrer Jähn ist tot : Ein Volksheld wider Willen

  • Aktualisiert am

Deutschlands erster Raumfahrer Sigmund Jähn im März 2019 Bild: dpa

Er schrieb für die DDR Weltraumgeschichte, war stets bescheiden und wurde deshalb von Generationen besonders verehrt: Der erste deutsche Raumfahrer Sigmund Jähn ist mit 82 Jahren gestorben.

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          Es sind knapp acht Tage im Sommer 1978, die das spätere Leben von Sigmund Jähn prägen sollen: Am 26. August startet der DDR-Kosmonaut vom Weltraumbahnhof Baikonur mit der Raumkapsel „Sojus 31“ zur Orbitalstation Saljut 6. Gemeinsam mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski (1934-2019) verbringt er 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All und umkreist die Erde dabei 124 Mal. Nach seiner Rückkehr am 3. September ist der Raumfahrer in der DDR ein gefeierter Held – und der erste Deutsche im All.

          Auch heute ist Jähns Popularität in Ostdeutschland ungebrochen. Trotz seines Ruhmes blieb er immer bescheiden und wurde deshalb besonders verehrt. Jähn eroberte bei seinem Besuch im All schnell die Herzen seiner Mitbürger, die vor den Fernsehern saßen, als er vom Blick aus der Saljut-Raumstation schwärmte: „Unsere Erde, in leuchtendes Blau gehüllt, einfach traumhaft.“ Erst 1983 flog Ulf Merbold aus dem Westen als zweiter Deutscher ins All.

          An Bord von Saljut 6 standen viele Experimente auf dem Plan, unter anderem zu Medizin, Biologie und Materialwissenschaft. Jähn machte Aufnahmen mit der Multispektral-Fotokamera MKF-6, stempelte aber auch Briefe mit Sonderbriefmarken ab. „Eine Woche lang verloren die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ihre Wirkung, war es völlig gleichgültig, ob ich mit dem Kopf nach „oben“ oder nach „unten“ hing“, schrieb er im Buch „Erlebnis Weltraum“.

          Fortan reiste der zurückhaltende Jähn durch die DDR, von der Führung als Vorbild und Symbol der Überlegenheit des Sozialismus präsentiert. Sein Konterfei zierte eine Briefmarke, kam auf eine Gedenkmünze, Schulen und Kindergärten wurden nach ihm benannt. Freunde berichteten später, dass ihm das Brimborium um seine Person nicht behagte. In den Augen vieler Ostdeutscher gewann er dadurch noch mehr Sympathien. „Ich bin aber kein Volksheld“, sagte er immer. „Ich hatte einfach Glück.“

          1. August 1978: Sigmund Jähn sitzt neben seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski im Kosmodrom in Baikonur, hinter ihnen ist ein riesiger Globus zu sehen. Wenige Wochen später werden die beiden die Erde verlassen und gemeinsam zur russischen Raumstation Salut 6 aufbrechen. DDR-Kosmonaut Jähn wird als Deutschlands erster ins Weltall fliegen. Bilderstrecke

          Der 1937 geborene Sachse Jähn war Oberstleutnant der DDR-Armee NVA. Der gelernte Buchdrucker stammte aus der sächsischen Kleinstadt Morgenröthe-Rautenkranz. Nach der Ausbildung zum Jagdflieger bei den Luftstreitkräften der NVA wurde er von 1976 an in der Sowjetunion mit einem harten Training auf seinen Flug ins All vorbereitet.

          Nach der Wende wurde er arbeitslos. Später kam er beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt unter und bildete europäische Astronauten im russischen Sternenstädtchen aus.

          Vor einem guten Jahr – im Juni 2018 – kehrte er noch einmal nach Baikonur zurück, von wo er 40 Jahre zuvor ins All gestartet war. Dort fieberte er mit beim Raketenstart seines Freundes Alexander Gerst. Der hatte ihn als besonderen Gast zum Start selbst eingeladen. „Ich bewundere Gerst, weil er über den Dingen steht“, lobte Jähn. In den 40 Jahren seit seiner Mission habe sich viel geändert in der Branche. Der Veteran sah in „Astro-Alex“ einen würdigen Nachfolger. „Ein äußerst fähiger junger Mann, ein gestandener Wissenschaftler“, lobte der Ältere.

          Infografik Der erste Deutsche im All
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          In seiner vogtländischen Heimatstadt erinnert die Deutsche Raumfahrtausstellung an seinen Weltraumflug. Jähn, der verheiratet war und zwei Töchter hatte, lebte in Strausberg bei Berlin, blieb seiner Heimat aber immer verbunden. Der Raumfahrt blieb er treu und warb bei Vorträgen und auf Veranstaltungen für deren Sache. Lesen Sie mehr über das Leben und Wirken von Sigmund Jähn in diesem Porträt anlässlich seines 80. Geburtstags.

          Nun ist der erste Deutsche im All am Samstag im Alter von 82 Jahren gestorben. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) würdigte den „weltweit anerkannten Kosmonauten, Wissenschaftler und Ingenieur“. Der Generaldirektor der Europäische Weltraumorganisation (Esa) Jan Wörner sagte: „Die Nachricht vom Tode Sigmund Jähns hat mich tief berührt. Wann immer wir uns getroffen haben, war es sehr persönlich, eine Freundschaft war entstanden, die nicht nur die Raumfahrt und seine unermüdliche Unterstützung der europäischen Astronauten betraf“. Und: „Ich bin zutiefst dankbar, dass ich ihn kennen lernen durfte und werde ihn nicht vergessen.“

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