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Deep Impact : Interdependence Day

Komet Tempel 1 Sekunden nach dem Aufprall Bild: NASA/JPL-Caltech/UMD

Warum torpedieren die Amerikaner einen Kometen? Und ist das nicht gefährlich? Nicht nur die Knallpresse fragt sich, wie weit Weltraumforschung gehen darf.

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          Es hörte sich ziemlich gemein an. Und irgendwie typisch. Am vergangenen Montag, am amerikanischen Unabhängigkeitstag, schoß eine Nasa-Sonde mit dem hollywoodesken Namen "Deep Impact" eine Lenkwaffe aus Schwermetall in den festen Kern des Kometen Tempel-1. Jaja, mag da mancher denken, weiße Männer, die als Kinder zuviel "Raumschiff Enterprise" geguckt haben, bauen sich eine Weltraumkanone, um was zu beweisen, und sei es ihre Unabhängigkeit von der Weltmeinung. Vielleicht wollten sie damit auch von den Kalamitäten ablenken, in die ihre Regierung mit ihren aktuellen Cowboyspielen geraten ist? Oder bilden sie sich am Ende ein, daß man, enstprechend gerüstet, selbst einen die Erde bedrohenden Kometen nicht fürchten muß?

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun wußte natürlich auch die Nasa, daß die Aufprallenergie des kühlschrankgroßen Projektils gerade mal einer Explosion von 4,8 Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff entsprechen würde - viel zuwenig, um einen Kometenkern zu sprengen, der halb so groß ist wie Manhattan. Dennoch muß der Aufprall ein ordentliches Loch in den unschuldigen Schweifstern gerissen haben. Jedenfalls weiden sich die Forscher seitdem an einer hellen Trümmerwolke aus feinem Staub und an Meßdaten, die zeigten, das da allerhand Chemikalien in den interplanetaren Raum spritzten, darunter auch Alkohol und Blausäure.

          Gefährliche Keime freigesetzt?

          Das klingt gefährlich, ist aber für die Forscher nicht überraschend. Sie wissen schon länger, daß Kometeneis neben Wasser und Kohlendioxyd noch allerhand andere Verbindungen enthält. Aber müßte man dann nicht Chandra Wickramasinghe von der Universität von Cardiff glauben? Der nervt seine Fachkollegen seit Jahren mit der Theorie, auf die Erde regneten ständig extraterrestrische Mikroben ein. In Bild machte sich der aus Sri Lanka stammende Astronom denn auch prompt Sorgen, ob die Ballerei nicht gefährliche Keime freigesetzt habe.

          Das Farbenspektrum verrät: Temple-1 ist eher ein vereister Staubklumpen als ein schmutziger Schneeball

          Nun werden die Ideen des Herrn Wickramasinghe von den meisten Forschern als fast so abwegig beurteilt wie die Astrologie. Das hält ein Blatt wie Bild natürlich nicht davon ab, die Störungen zu erwägen, die ein so unsensibler Umgang mit dem Himmelskörper in unser aller Sternenschicksal anrichtet. "Meine Horoskope stimmen nicht mehr", wird eine russische Astrologin namens Marina Bai zitiert. "Für alle Menschen hat dieses Manöver die kosmische Harmonie zerstört." Weshalb die Dame die Nasa nun auf 255 Millionen Dollar Schadensersatz verklagen will.

          Immerhin, auch andere Medien fragen, ob die Amerikaner so etwas denn überhaupt dürfen. Was Nationen im All erlaubt ist und was nicht, das regelt der Weltraumvertrag von 1967, den auch die Vereinigten Staaten ratifiziert haben. Danach darf man explizit alles tun, was der friedlichen Forschung dient und nicht die Interessen anderer Vertragspartner berührt - oder jemanden in Gefahr bringt.

          Eine Frage der Erziehung

          Oberflächlich betrachtet, scheint die Frage nun die, ob der Beschuß mit einem 370-Kilo-Projektil noch als friedliche Forschung gelten kann - immerhin hat das Verfahren artilleristische Züge, und einige Forscher vermuteten vor dem Ereignis, daß der Komet dabei auch hätte zerbrechen können. Näher betrachtet, macht es allerdings keinen rechten Unterschied, ob Deep Impact einen Kometen zerstört oder der Mars-Rover einen Stein anfräst. Kometen gibt es wie Sand am Meer oder Felsen auf dem Mars - und in beiden Fällen geht etwas im Namen der Wissenschaft kaputt.

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