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Columbus-Modul an der ISS : Und jetzt zum Mars!

Bild: F.A.Z.

Mit dem Weltraumlabor Columbus, das an diesem Montag installiert wird, ist Europa endlich in die Internationale Raumstation eingezogen. Aber wie soll es nun weitergehen? Die Esa hat den Mars im Visier. Bemannte Raumfahrt scheint kaum finanzierbar.

          Die riesige Digitaluhr am Ufer des Banana Creek springt auf null. Dann scheint einen Moment lang nichts zu passieren. Seelenruhig fliegt noch einmal ein Vogel am Himmel über dem Kennedy Space Center. Und noch immer steht das weiße Raumschiff aufrecht an seinem Stahlturm, die dicke rote Rakete unter dem Bauch, die in Wahrheit ein Treibstofftank ist. Dann bricht die Hölle los. Zunächst unsichtbar aus dem Sicherheitsabstand von fast fünf Kilometern zünden die Triebwerke. Die Flammen treffen auf einen Wasserschwall, mit dem die Startrampe im selben Moment geflutet wird, und verwandeln den Ort im Nu in eine quellende Wolkenbank, aus der sich nun das Spaceshuttle überraschend langsam auf gleißenden Feuersäulen in den Himmel erhebt. Dann erst wird es laut, furchtbar laut. Das Knattern der beiden seitlichen Feststoffraketen, das noch über Kilometerdistanzen die Magengrube massiert, als stünde man bei einem Rockkonzert vor dem Basslautsprecher, hier klingt es allen wie Musik in den Ohren.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Szene spielte sich hier schon 120 Mal ab. Aber als es am vergangenen Donnerstag wieder einmal so weit war, lauschten nicht nur die Verantwortlichen der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa, die den zunächst für Anfang Dezember 2007 geplanten Start des Shuttles Atlantis wegen eines Wackelkontaktes im Sensorsystem des Wasserstofftanks mehrfach hatten verschieben müssen - und denen dann bis kurz vor dem Start eine Schlechtwetterfront erneut einen Strich durch die Rechnung zu machen drohte. Das Getöse am Banana Creek entzückte vor allem auch die vielen europäischen Raumfahrtmanager und -ingenieure, die sich schon zum zweiten Mal auf dem amerikanischen Raumhafen an der Ostküste Floridas versammelt hatten. Denn in der Ladebucht der Atlantis wartete das europäische Weltraumlabor Columbus auf seinen Transport zur Internationalen Raumstation ISS.

          Immer wieder Verzögerungen

          Doch Europa wartet schon viel länger darauf, der Wohngemeinschaft in 400 Kilometern Höhe endlich ein eigenes Zimmer hinzufügen zu dürfen. Wobei die Hälfte dieses Zimmers an die Amerikaner untervermietet wird - als Gegenleistung unter anderem dafür, dass die Nasa den Transport übernimmt. Wäre alles nach Plan gegangen, dann hätte die an diesem Montag beginnende Montage des acht Meter langen und viereinhalb Meter dicken Zylinders bereits vor fünf Jahren stattfinden sollen. „Zwei Jahre wurden durch russische Budgetprobleme verursacht, die den ganzen Aufbau der ISS verzögerten“, sagt Alan Thirkettle, der ISS-Programmmanager bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa. „Und nach der Columbia-Tragödie ging es noch mal drei Jahre nicht weiter.“

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          Da grenzt es an ein Wunder, dass die Verzögerung verhältnismäßig bescheidene Mehrkosten verursacht hat. Am Ende waren es etwa 50 Millionen Euro - bei einem 880-Millionen-Projekt. Dabei wird das von dem Raumfahrtunternehmen EADS Astrium in Bremen entwickelte Labor bereits mit einem guten Teil seiner Einrichtung zum Experimentieren unter Schwerelosigkeit zur ISS gebracht. Anders als beim amerikanischen Labormodul Destiny, in dem nach der Anlieferung erst monatelang geklempnert werden musste, kann die wissenschaftliche Arbeit in Columbus praktisch sofort beginnen, wenn die Atlantis am 16. Februar wieder ablegt. Auf diese Effizienz ist Thirkettle besonders stolz. „Aber unsere Industriepartner und wir haben dafür auch ziemlich geschuftet.“

          Bemannte Raumfahrt hat nicht nur Fans

          Haben sich das Geld und die Mühe gelohnt? Die bemannte Raumfahrt - und die ISS im Besonderen - hat ja nicht nur Fans. Denn sie ist teuer. Allein Europa hat bisher fünf Milliarden Euro investiert, denen noch weitere vier Milliarden folgen werden. Das entspricht - verteilt über den Zeitraum, in dem diese Kosten anfallen - zwar lediglich dem Betrag, der für zwei Kilometer Autobahn im Jahr in jedem der zehn beteiligten Staaten benötigt wird: ein Klacks, verglichen mit den Summen, die Regierungen in andere, weit weniger innovative Industriezweige als die Raumfahrtbranche fließen lassen. Aber die Sinnfrage stellt sich trotzdem.

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