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Astronomischer Namensstreit : Babylon im All

  • -Aktualisiert am

Streit um Namen Bild: Nasa

Wie soll man Krater, Berge und Landschaften auf Planeten, Kometen, Asteroiden oder Kleinplaneten nennen? Es gibt klare Regeln, doch niemand hält sich daran.

          Früher war alles einfacher - zumindest, was die Benennung von Himmelskörpern anging. Ob entdeckte Planeten oder Asteroiden, aber auch Krater, Berge oder Flusstäler auf deren Oberflächen - die „Arbeitsgruppe für planetare Namensgebung“ der Internationalen Astronomischen Union (IAU) entschied, wie sie heißen sollen. Eigentlich ist die IAU auch heute noch in dieser Angelegenheit die einzige anerkannte Autorität. Doch während früher eine Handvoll Astronomen Namensvorschläge schickte, kann heute jedermann Ideen einreichen oder zumindest - dank Internet - seine Favoriten „voten“.Und das merkt man manchen Vorschlägen an.

          Unter den favorisierten Ideen etwa, die die Wissenschaftler der amerikanischen Raumsonde „New Horizons“ für die Benennung der jüngst entdeckten Strukturen auf dem Pluto und dessen Mond Charon per Internet sammelten, finden sich neben einer Vielzahl seriöser Namen auch „Captain Kirk“ und „Mister Spock“, neben weiteren Figuren aus der Film- und Fernsehwelt. Nun gab die IAU zu verstehen, dass viele Namen keine Chance haben, je auf den offiziellen Karten berücksichtigt zu werden. Man habe schließlich strenge Regeln, außerdem sollten sich alle Kulturen der Menschheit auf den Himmelskörpern wiederfinden.

          Aufs Kleingedruckte kommt es an

          Ob sich unsere Nachfahren in fünfzig Jahren überhaupt noch an alle der jetzt populären Filmnamen erinnern werden, sei dahingestellt. Doch die Autorität der IAU in Namensdingen bröckelt - zumindest im amerikanischen Geltungsbereich. Eine Zäsur war sicherlich die „Degradierung“ des Pluto durch die IAU-Generalversammlung im Jahr 2006. Jenseits des Atlantiks hat sich so mancher nie damit abgefunden, dass der 1930 vom amerikanischen Astronom Clyde Tombaugh entdeckte Himmelskörper fortan nur noch als „Zwergplanet“ gelten soll.

          Der degradierte Planet Pluto, aufgenommen einen Tag vor dem Vorbeiflug der  Raumsonde „New Horizons“,  Entfernung 768.000 Kilometer.

          Einer der sichtbarsten Kritiker der Pluto-Entscheidung, der ehemalige Nasa-Forscher Alan Stern, zog sich kürzlich den Zorn der Astronomenunion zu. Eine von Stern mitinitiierte Initiative namens „Uwingu“ ermöglicht seit einiger Zeit, noch unbenannte Exoplaneten zu taufen - gegen Geld natürlich für den guten Zweck. Hastig startete die IAU ihr eigenes Benennungsprojekt, deren Teilnahme zwar kostenlos ist, aber starke Nerven beim Lesen des Kleingedruckten erfordert.

          Keiner hält sich an die Regeln

          Immerhin 20 Exoplanetensysteme lässt die IAU derzeit unter nameexoworlds.iau.org taufen, die Uwingu-Liste zählt dagegen erst einen benannten Exoplaneten: Alpha Centauri Bb - an dessen Existenz übrigens erheblicher Zweifel besteht. Doch auch Marskrater kann man bei „Uwingu“ gegen eine Spende benennen - oder umtaufen, denn Namen haben viele Krater schon. Das Ignorieren der offiziellen Bezeichnungen ist selbst bei der amerikanischen Weltraumbehörde seit Jahren guter Brauch. Mit ihrer PR-Macht hat es die Nasa geschafft, den vom Marsrover „Curiosity“ erkundeten Berg „Mount Sharp“ (benannt nach dem amerikanischen Geologen Robert Sharp) in aller Welt bekannt zu machen - dass der bereits den von der IAU anerkannten Namen „Aeolis Mons“ trägt, ist weit weniger bekannt. Auch „Tombaugh Regio“, „Sputnik Planum“ und „Norgay Montes“ auf Pluto werden wohl kaum mehr aus der Welt zu schaffen sein, egal was die IAU letztlich entscheidet. Fakten sind geschaffen, Wikipedia-Einträge existieren. Vielleicht kehren wir also zurück zum Prinzip: Wer entdeckt, der benennt.

          Noch haben die westlichen Raumfahrtnationen - insbesondere Amerika - dabei die Nase vorn. Warum aber sollten zukünftige Weltraumentdecker aus China oder Indien das anerkennen? Ohne international anerkanntes Verfahren herrschen am Himmel irgendwann babylonische Verhältnisse. Sie mögen lang und ein wenig bürokratisch-verstaubt sein, die Dienstwege der IAU. Überflüssig sind sie nicht.

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