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Interstellar : Ferner Besuch

  • -Aktualisiert am

Der Komet 2I/Borisov, aufgenommen vom Hubble Space Telescope am 12. Oktober. Da war er 420 Millionen Kilometer entfernt. Bild: NASA, ESA, D. Jewitt (UCLA)

Die Entdeckung des zweiten interstellaren Eindringlings war eine freudige Überraschung für die Astronomie. Jetzt würde man zu gerne eine Raumsonde hinschicken.

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          Ich hatte ein Objekt im Bild“, erzählte Gennadiy Borisov. „Es bewegte sich in eine Richtung, die leicht von der des Asteroidengürtels abwich. Ich nahm die Koordinaten auf und verglich sie mit der Datenbank des Minor Planet Centers. Tatsächlich, es war ein neues Objekt.“ So berichtete der Amateurastronom der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti von seiner Entdeckung eines neuen Kometen am 30. August dieses Jahres. Kometen sind durch den Weltraum ziehende Brocken aus gefrorenen Gasen, Gesteinen und Staub. Die weitaus meisten bilden die sogenannte Oortsche Wolke. Dort umkreisen sie die Sonne in so großen Entfernungen, dass sie für Beobachter auf der Erde in der Regel unsichtbar bleiben. Wenn sie sich aber begegnen, kommt es zuweilen vor, dass sich ihre Umlaufbahn dadurch in einer Weise ändert, die sie näher an die Sonne – und damit an die Erde – heranführt.

          Das geschieht keineswegs selten. In der Datenbank der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa sind mehr als 3500 gesichtete Kometen verzeichnet. Borisovs neuer Komet schien aber ungewöhnlich zu sein. „Am 8. September 2019 um 4.15 Uhr wurden wir von unserer Software ,Interstellar Crusher‘ alarmiert“, schrieben Piotr Guzik und Michał Drahus vom astronomischen Observatorium der Universität Krakau sowie vier weitere Koautoren jetzt in Nature Astronomy. Nach Analysen jenes Computerprogramms bewegte sich das Objekt offenbar auf einer hyperbolischen Bahn.

          Verräterische Hyperbel

          Also nicht auf einer Ellipse, wie alle bisher registrierten Kometen. Ellipsen sind in sich geschlossene Figuren. Körper, die sich auf Bahnen dieser Form um die Sonne bewegen, sind an deren Gravitationsfeld gebunden. Hyperbolische Bahnen dagegen sind nicht geschlossen, sondern kommen aus den Tiefen des interstellaren Raums. Borisovs Komet stammt damit nicht aus der Oortschen Wolke unserer Sonne, sondern aus einem anderen Sternsystem. Die Nachbarschaft der Sonne durcheilt er jetzt nur ein einziges Mal, wobei er von ihrem Schwerefeld etwas abgelenkt wird und es danach auf Nimmerwiedersehen verlässt.

          Solche interstellaren Kometen wurden lange vorausgesagt, aber bis vor kurzem war noch nie einer gesichtet worden. Noch 2009 schätzten Forscher die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das derzeit in Chile im Bau befindliche Large Synoptic Survey Teleskope mit seinen 8,4 Metern Durchmesser jemals einen Himmelskörper aus einem fremden Sonnensystem beobachtet, auf weniger als ein Prozent.

          Von ’Oumuamua gibt es keine guten Fotos, dafür aber dieses Gemälde.

          Doch dann kam ’Oumuamua. Der auf das hawaiianische Wort für „Kundschafter“ getaufte Himmelskörper wurde vor zwei Jahren auf einer hyperbolischen Bahn entdeckt und ist damit der erste in unserem Sonnensystem gesichtete Himmelskörper interstellarer Herkunft. Allerdings war ’Oumuamua kein Komet, sondern ein steinerner Asteroid: In Sonnennähe verdampfte von seiner Oberfläche daher kein Eis, um einen typischen Kometenschweif zu bilden. Die Entdeckung ’Oumuamuas ließ die Schätzungen für die Wahrscheinlichkeit der Beobachtung interstellarer Objekte drastisch steigen, und zwar auf etwa ein Objekt pro Jahr.

          Die Zeit war damit reif für die Idee der Forschungsgruppe um Guzik und Drahus. Die polnischen Astronomen hatten einen Algorithmus entwickelt, ebenjenen „Interstellar Crusher“, der sie auf mögliche hyperbolische Bahnen neuer Himmelskörper in der Datenbank des Minor Planet Center aufmerksam machte. „Die Entdeckung von ’Oumuamua war nur möglich dank der automatisierten Überwachung des Himmels mit Pan-STARRS“, einem auf Hawaii stationierten Teleskop-System, erklärt Guzik. Frühere Überwachungssysteme hätten dafür nicht die nötige Sensitivität gehabt. Anders sei das bei dem jetzt gesichteten Kometen gewesen, der als zweites interstellares Objekt nun den Namen „2I/Borisov“ trägt. Der sei so hell, dass er auch schon vor zwanzig Jahren hätte entdeckt werden können.

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