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Alexander Gerst fliegt ins All : „Man sieht, wie verletzlich die Erde ist“

Ab ins All: Am 6. Juni startet Alexander Gerst seinen Flug zur ISS. Bild: dpa

Schon bald startet Alexander Gerst seine zweite Weltraum-Mission und übernimmt als erster Deutscher das Kommando auf der Internationalen Raumstation ISS. Jetzt hat er verraten, was ihn im All erwartet – und wie er mit Heimweh umgeht.

          In sieben Wochen ist es soweit. Dann bricht Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation (ISS) auf, wo er ein halbes Jahr verbringen wird. Von August an übernimmt er das Kommando über die ISS und ihre fünfköpfige Besatzung. Gerst, der bereits im Jahr 2014 ein halbes Jahr auf dem Außenposten der Menschheit arbeitete und lebte, ist damit der erste deutsche und der zweite europäische Kommandant der ISS. „Das ist für mich eine große Herausforderung, auf die ich mich schon sehr freue“, sagt Alexander Gerst an diesem Dienstag (17. April) auf einer Pressekonferenz am deutschen Astronautenzentrum in Köln. Es war der vorerst letzte öffentliche Auftritt des 41 Jahre alten Geophysikers vor seinem Start.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Alexander Gerst wird – vorausgesetzt es läuft alles nach Plan – am 6. Juni zusammen mit dem russischen Kosmonauten Sergej Prokopjew und der amerikanischen Astronautin Serena Auñón-Chancellor an Bord einer Sojus-Kapsel vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan abheben. Der deutsche Astronaut steckt im Endspurt der Vorbereitungen für seine Mission, die den Namen „Horizons“ erhalten hat.

          „Erforschen, was um die Erde herum ist“

          Der Name sei bewusst gewählt worden, sagt Gerst: „Wir wollen damit einen Akzent setzen, hinter den Horizont zu blicken und zu erforschen, was um die Erde herum ist.“ Und Gerst blickt dabei in Richtung Mond und Mars, wohin die großen Raumfahrtorganisationen bereits ihre Fühler ausgestreckt haben. Horizons sei eine ziemlich perfekte Fortführung seiner „Blue-Dot-Mission“ von 2014. Dort lag der Fokus auf unserem blauen Planeten. „Jetzt wollen wir mit Horizons den Blick erweitern.“

          Zu „Horizons“ gehören mehr als 50 Experimente mit deutscher Beteiligung, die von Wissenschaftlern deutscher Universitäten und Forschungseinrichtungen, Firmen und dem DLR beigesteuert werden. Die thematische Bandbreite reicht von biologischen und medizinischen Experimenten über (astro-) physikalische und materialwissenschaftliche Fragestellungen bis hin zu Technologiedemonstrationen, einem Experimentprogramm für Kinder und Jugendliche sowie industriell oder kommerziell motivierten Anwendungen.„Bei vielen medizinischen Experimenten werde ich selbst das Versuchskaninchen sein,“ sagt Gerst schmunzelnd.

          Auf die Frage, wie es ihm derzeit ginge, antwortete Gerst auf die für ihn typische sympathisch lockere Art: „Sehr gut. Einem Astronauten geht es immer besser, je näher der Starttermin rückt“. Denn nun werde die Wahrscheinlichkeit immer kleiner, dass noch etwas Unvorhergesehenes dazwischen komme. Er sei gut vorbereitet. Noch eine Woche verbringe er hier in Köln, um eine Einweisung in die Experimente zu erhalten. Dann fliege er für drei Wochen nach Moskau. Im Sternenstädtchen würde er in einem Flugsimulator den Start mit der Sojus-Trägerrakete und das Andocken an die Raumstation üben. Das ist notwendig, denn anders als 2014 wird Alexander Gerst Copilot der Sojus sein. Pilot ist traditionell immer ein russischer Kosmonaut, in diesem Fall Sergej Prokopjew. Anschließend reist der deutsche Astronaut nach Baikonur. Zwei Wochen vor dem Starttermin verbringe er dann mit seinen beiden Raumfahrtkollegen in Isolation, ohne Kontakt zur Außenwelt.

          Gerst spricht viel von den Aufgaben und Herausforderungen, die auf ihn im All warten. Und darüber welche Bedeutung die Raumstation für die Forschung habe. Er weiß, dass er von den Erfahrungen seiner ersten Mission profitieren kann. Doch seien viele Geräte neu und da könnten trotz aller Routine schon mal Fehler passieren. Die ISS sei schließlich die komplexeste Maschine, die die Menschheit je gebaut habe. Der Außenposten sei in einem sehr guten Zustand und stünde da, „wie eine Eins“. 300 Experimente liefen derzeit gleichzeitig auf der ISS. Viele davon könne man nur in permanenter Schwerelosigkeit und deshalb nur sehr schwer oder gar nicht auf der Erde ausführen. Jetzt würde man endlich die Früchte der großen Anstrengungen der vergangenen Jahren ernten.

          Die Zukunft der Raumstation sieht Gerst daher optimistisch. Russland und Amerika werden trotz verschiedener Ankündigungen seiner Meinung nach nicht schon 2024 oder 2025 aussteigen,  sondern vielmehr das internationale Projekt weiterhin aktiv unterstützen. Dass die Nasa die Kommerzialisierung von Teilen der ISS durch das Engagement privater Raumfahrtfirmen beabsichtigt, sieht Gerst eher positiv. Man könne dort Kosten sparen, wo es um keine rein wissenschaftliche Belange geht. Das gesparte Geld könne dann in andere Raumfahrtprojekte fließen.

          Ob er denn so etwas Heimweh empfinde auf der Raumstation? Ja, aber es sei eine besondere Art von Heimweh, wenn man die Erde als blaues Raumschiff aus 400 Kilometern Höhe beobachte: „Man sieht, wie verletzlich und isoliert die Erde ist“.

          Gerst versicherte, dass er auch wie beim letzten Mal seine Erlebnisse und Eindrücke über Soziale Medien mit der Öffentlichkeit teilen wird. „Das ist für mich ein persönliches Anliegen.“ Doch viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Rund eine Stunde hat Gerst täglich für private Zwecke zur Verfügung.

          Experimente der Horizons-Mission

          Myotones: Müde Muskeln im All

          „Myotones“ ist eines der medizinischen Experimente, an denen Gerst teilnehmen wird. Wissenschaftler der Berliner Charité und der Universität von Southampton wollen damit die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels untersuchen. Die Ergebnisse sollen für die astronautische Raumfahrt genutzt werden und künftig auch in die Rehabilitation nach Knochenbrüchen einfließen.

          „Metabolicspace“: Kabelsalat ade

          Beim Experiment „Metabolicspace“ des Instituts für Luft- und Raumfahrttechnik der TU Dresden handelt es sich um ein am Körper tragbares Analysesystem für Körper- und Stoffwechselfunktionen. Es soll die Überwachung und Auswertung des´ Astronautentrainings auf der ISS in Zukunft deutlich erleichtern und verbessern. Im Gegensatz zu bisherigen Messsystemen kommt „Metabolicspace“ ohne hinderlichen Kabelsalat aus – es handelt sich um einen Gurt.

          „Spacetex 2“: Schöner Schwitzen

          Den Komfort von Astronauten während des Trainings verbessern soll das Experiment „Spacetex 2“. Dabei handelt es sich um eine speziell für die ISS hergestellte Funktionskleidung, die von einem Forschungsverbund aus den Hohenstein-Instituten, der Charité Berlin und dem DLR entwickelt wurde. Die neuen Hightechstoffe sollen den Wärmeaustausch optimieren.

          „Asim„: Gewitterstürmen auf der Spur

          Beim Experiment „Asim“ der europäischen Weitraumagentur ESA geht es um Gewitterstürme in der oberen Erdatmosphäre, die seit vielen Jahren von Wissenschaftlern beobachtet werden. „Asim“ soll auf die untere Außenplattform des europäischen Columbus-Labors an der ISS montiert werden und von dort mindestens zwei Jahre lang die Wechselwirkung zwischen Gammastrahlung, Blitzen und Entladungen in der Hochatmosphäre beobachten.

          „EML“: Neue Kamera für den heißen Ofen

          Den sogenannten Elektromagnetischen Levitator (EML) installierte Gerst bereits am Ende seiner „Blue Dot„-Mission 2014 auf der Raumstation. Im Zuge der Mission „Horizons“ soll der Hightechschmelzofen nun eine Highspeedkamera erhalten. Mit dem EML werden materialwissenschaftliche Fragen untersucht. Die entsprechenden Daten sind zum Beispiel wichtig für die Optimierung von industriellen Gießprozessen – von Motorgehäusen bis hin zu neuartigen Flugzeugturbinenschaufeln.

          „CAL“: Minilabor für große Kälte

          Im Mai soll die Nasa-Forschungsapparatur „Cal“ (Cold Atoms Lab) auf der ISS eintreffen – ein Minilabor zur Erforschung ultrakalter Atome, bei der deutsche und amerikanischen Wissenschaftler auf der Raumstation zusammenarbeiten werden. Im „Cal“ werden Atomwolken fast auf den absoluten Temperaturnullpunkt von minus 273,15 Grad Celsius herabgekühlt. Sie können unter anderem beim Messen von Gravitationswellen und beim Entwickeln von Quantencomputern bedeutsam sein.

          „Zeitkapsel“: Wünsche von Schülern

          Auch mit einer Zeitkapsel wird sich Gerst auf der ISS befassen. Mit wissenschaftlichen Experimenten hat die Aluminiumkugel aber nichts zu tun: Sie enthält auf einem Datenträger gespeicherte Zukunftsvorstellungen von Schülern. Gerst wird die Zeitkapsel auf der ISS versiegeln und nach seiner Rückkehr dem Bonner „Haus der Geschichte“ übergeben. Das zeitgeschichtliche Museum soll sie dann 50 Jahre lang verschlossen aufbewahren.

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