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Fahrstuhl in den Weltraum : Die achtmillionste Etage

Solargetrieben wäre der Aufstieg erst ab 40 Kilometern Höhe möglich. Es gibt daher Ideen, die Talstation des Liftes erst in dieser Höhe anzulegen. Bild: ISEC/John Knapman

Es klingt wie reine Science Fiction, doch erste Pläne für einen Aufzug ins All werden derzeit auf Fachtagungen heiß diskutiert. Dabei ist der Traum vom Weltraum-Fahrstuhl so alt wie die Rakete. Ein solcher Lift würde die Raumfahrt revolutionieren.

          Es ist leicht, sich über diese Idee lustig zu machen: ein hunderttausend Kilometer langes Seil, gespannt zwischen Erdoberfläche und einem Satelliten, um daran Menschen und Material in den Weltraum emporzuziehen. Es ist natürlich auch einfach, allen, die das für Science-Fiction-Quatsch halten, zu entgegnen, so manche spätere Schlüsseltechnologie sei doch zunächst ebenfalls als Phantasterei abgetan worden. Man denke nur an das Flugzeug, von dem der berühmte Physiker William Thomson, 1. Baron Kelvin, 1895 öffentlich erklärte, dergleichen sei unmöglich, und acht Jahre später hoben die Gebrüder Wright ab. Aber bei wie vielen Technikträumen, von der Goldmacherei bis zur Pille gegen Krebs, blieb die Verwirklichung aus?

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


          Mit diesen beiden Beispielen hat der „Space Elevator“ (Weltraumaufzug) gemein, dass seine Verwirklichung keine Verstöße gegen die bekannten Naturgesetze verlangt – anders als etwa überlichtschnelle Flüge durch den Raum. Tatsächlich war es niemand anderes als der russische Mathematiklehrer Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski (1857 bis 1935), einer der Entdecker der Theorie der Rakete, der im gleichen Jahr, in dem sich Lord Kelvin vor der Technikgeschichte blamierte, Überlegungen zu einem 36000 Kilometer hohen Turm anstellte. Seine Spitze würde sich dort befinden, wo ein freigesetzter Körper die Erde in einem Tag umkreist, dem sogenannten geostationären Orbit, in welchem heute etwa Wetter- oder Fernsehsatelliten kreisen, damit sie stets über derselben Stelle auf der Erdoberfläche stehen. Wer ein solches Bauwerk bestiege, egal wie lange er dafür brauche, hätte allein dadurch die Erdschwerkraft überwunden.

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          Natürlich würde ein solcher Turm die Statiker vor tatsächlich unlösbare Probleme stellen. Doch 1960 erkannte Ziolkowskis 1929 geborener Landsmann Juri Arzutanow, dass es stattdessen auch ein leichtes, aber ausreichend festes Seil tut, das man von einem per Rakete in die geostationäre Umlaufbahn geschossenen Satelliten herablassen und auf der Erdoberfläche verankern würde. Das klingt immer noch verrückt genug. Arzutanow beschrieb die Idee denn auch lediglich in einem Zeitungsartikel der Komsomolskaja Prawda, und als 1966 eine Gruppe Amerikaner um den Ingenieur und Ozeanographen John Isaacs (1913 bis 1980) einen zweiseitigen Artikel mit einem ähnlichen Konzept an Science schickte, erschien der nur mit einem redaktionellen Vermerk, die Gutachter hätten doch erhebliche Zweifel gehabt.

          Der Raketenantrieb in der Krise

          Heute aber beschäftigt sich eine ganze Anzahl von Physikern und Ingenieuren sehr ernsthaft mit der Idee. Noch weitgehend abseits der großen, öffentlich finanzierten Weltraumorganisationen veranstalten sie Technologiewettbewerbe und Fachtagungen, die jüngste fand vor vier Wochen in Seattle statt, mit Microsoft als Hauptsponsor. Im Jahr 2008 bildete sich das International Space Elevator Consortium (ISEC), und im Oktober 2013 veröffentlichte die ehrwürdige International Academy of Astronautics (IAA) einen 350 Seiten starken Bericht über den Forschungsstand.

          Diese Aktivität ist auch ein Krisenphänomen. Schon Ziolkowski hatte seine Turm-Idee, als er noch keine andere Möglichkeit sah, das All zu erreichen – seine Raketengleichung stellte er erst 1903 auf. Und die ersten ausführlichen Berechnungen veröffentlichte der amerikanische Luftwaffeningenieur Jerome Pearson, Jahrgang 1938, im IAA-Fachjournal Acta Astronautica im Jahre 1975. In den Jahren davor war das Apollo-Programm vorzeitig beendet und das amerikanische Programm zur Entwicklung nuklearer Raumantriebe eingestellt worden. Die Raumfahrt war in eine veritable Krise gerutscht. Die jüngste Welle des Interesses am Weltraumaufzug schließlich begann um die Jahrtausendwende, als das Ende des Space- Shuttle-Programms absehbar wurde

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