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Weltbiodiversitätsrat : Das Mammutwerk zum Massensterben

  • -Aktualisiert am

Lebensraumzerstörung auf Kalimantan: Für eine Ölpalmplantage muss der Urwald weichen. Bild: Reuters

Die Artenvielfalt kollabiert. Der Weltbiodiversitätsrat will seine Konferenz in Paris mit einer Katastrophenbilanz abschließen. Was bringt der „Globale Bericht“?

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          Die beunruhigenden Meldungen reißen nicht ab: 12 Millionen Hektar tropischer Wald wurden dem World Resources Institute zufolge im vergangenen Jahr abgeholzt, ein Drittel davon Primärwald. Das entspricht der Fläche von Bayern und Niedersachsen zusammen. Auch aus Australien kommen schlechte Nachrichten über den Zustand der Natur. „Tote Korallen bekommen keine Kinder“, sagte der Forscher Terry Hughes von der James Cook University in Queensland über seine in „Nature“ veröffentlichte Studie, der zufolge sich das Great Barrier Reef kaum von den Bleichereignissen der vergangenen Jahre erholt.

          Und in Deutschland sorgen nicht nur die Ergebnisse der Krefelder Studie zum Insektenrückgang für nachhaltige Beunruhigung. Die Kombination aus dem Dürresommer 2018 und den trockenen Frühlingswochen in diesem Jahr machen einen tiefsitzenden ökologischen Mangel sichtbar: Es gibt nicht nur zu wenig Regen, sondern auch zu wenige Tümpel, Moore und andere Feuchtgebiete, die Wasser für trockene Zeiten speichern. Die ökologische Infrastruktur des Landes ist ausgedünnt – wie gut sie dem Klimawandel standhält, ist mehr als ungewiss.

          Warten auf die Politik

          Das, was Wissenschaftler als „ökologische Krise“ beschreiben, wird für Hunderte Millionen Menschen auf der Erde nun zur Alltagserfahrung. Und die Politik? Hätte sie nicht längst handeln und den Niedergang der biologischen Vielfalt stoppen sollen? Schon seit 2010 gibt es zwanzig mit großem Brimborium von der Staatengemeinschaft vereinbarte Ziele zum Naturschutz, nach der japanischen Provinz Aichi benannt, in der knapp zweihundert Länder sie beschlossen haben. Zu ihnen zählt es, Feuchtgebiete zu schützen, den Schwund von Arten zu stoppen und umweltschädliche Subventionen zu beenden. Doch passiert ist seither nach Einschätzung der Fachleute wenig. Deutschland etwa hält an jenen Agrarsubventionen fest, die den Artenschwund beschleunigen.

          Wie kritisch die Lage ist und was jetzt zu tun wäre, wird Gegenstand einer großangelegten Studie sein, die Wissenschaftler am 6. Mai in Paris vorstellen werden. Über mehrere Jahre haben die Wissenschaftler der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), zu denen federführend auch Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig zählt, Daten gesammelt und ausgewertet. Nun erhoffen sie sich von der Vorstellung ihrer Ergebnisse kurz vor dem Umweltministertreffen der G-7-Staaten einen ähnlichen Aufschlag, wie ihn die Berichte des Weltklimarats IPCC für die Kohlendioxid-Reduktion gebracht haben. Ob die Hoffnung berechtigt ist, werden die kommenden Monate zeigen. Eine bisher einmalige Ballung von politischen Ereignissen könnte den Naturschutz von den extremen Rändern der öffentlichen Wahrnehmung nämlich etwas näher ins Zentrum rücken. Wie beim Erdgipfel 1992 in Rio und beim Klimagipfel von Paris 2015 steuert die Umweltpolitik auf eine jener Großkonferenzen zu, die über Wohl und Wehe des Planeten entscheiden könnten. Sie findet Ende 2020 im chinesischen Kunming statt. Die Erwartungen, die an diese Konferenz im Rahmen der UN-Biodiversitäts-Konvention geknüpft werden, könnten höher kaum sein.

          Auch im Meer sind die Bedrohungen längst sichtbar für jeden Touristen: Korallenbleiche im australischen Großen Barrierriff.

          Im Jahr 2020 laufen die zwanzig im japanischen Nagoya verabredeten Naturschutzziele, die fast durchweg nicht erreicht werden, obendrein auch noch aus. Wie weiter? Heißt es ab jetzt im Geiste des neuen Nationalismus, dass sich jedes Land allein um seine Angelegenheiten kümmert? Wird die globale Kooperation im Naturschutz kollabieren? Oder kommen neue, gemeinsame Ziele zustande? Die Konzepte, die zwischen den Staaten zirkulieren, reichen vom pragmatischen Weiter-so bis zu der Forderung, die Hälfte der Erde unter Naturschutz zu stellen.

          Kommt der Durchbruch in China?

          „Wir brauchen für den Schutz der Biodiversität ab 2020 einen neuen globalen Rahmen. Das muss ein Durchbruch werden wie das Klimaabkommen von Paris, mit konkreten Maßnahmen und ambitionierten Zielen, deren Einhaltung dann auch überwacht wird“, sagt Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Sie hat vergangene Woche Deutschland beim „Nature Summit“ der kanadischen Regierung in Montreal vertreten. Das Treffen bildete den Auftakt zu einem langwierigen Verhandlungsprozess mit Endziel Kunming. Die Kanadier boten Prominenz auf in Gestalt des Schauspielers Harrison Ford, ebenso Menschen, die direkt von der Naturzerstörung betroffen sind. „Die indigenen Gruppen haben in Montreal unterstrichen, dass es bei diesem Thema nicht nur um Arten, sondern auch um unser eigenes Überleben geht“, sagt Rita Schwarzelühr-Sutter.

          Viel hängt davon ab, ob die Bundesregierung das als Ganzes so sieht. Denn nach dem IPBES-Bericht Anfang Mai wird Deutschland für den globalen Naturschutz in eine internationale Führungsrolle rutschen. Große Länder wie die Vereinigten Staaten, Brasilien oder Russland fallen als treibende Kräfte aus. Deutschland hingegen wird in der Rolle der EU-Ratspräsidentschaft für die 500 Millionen EU-Bürger verhandeln, das steht zumindest heute schon fest. Noch aber ist die „Koalition der Willigen“, die für die Zukunft der Biosphäre etabliert werden sollte, klein.

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