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Welche Musikwissenschaft? : Fensterlos

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Eine "Positionsbestimmung" verheißt der Untertitel einer Aufsatzsammlung über "Musikwissenschaft", der zum Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft in Zürich erschienen ist. Von unmissverständlichen Aussagen ...

          Eine "Positionsbestimmung" verheißt der Untertitel einer Aufsatzsammlung über "Musikwissenschaft", der zum Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft in Zürich erschienen ist. Von unmissverständlichen Aussagen über Umfang, Methode und Ziel einer kommenden Musikwissenschaft jedoch kann bei diesem Bändchen nicht die Rede sein. Zwar berühren sich die Beiträge von Herausgeber Laurenz Lütteken (Zürich), von Ulrich Konrad (Würzburg), Hans-Joachim Hinrichsen (Zürich) und Peter Gülke (Berlin) hie und da, in ihrer Gesamtheit aber machen sie einen ungereimten Eindruck. So wirkt denn auch der Singular des Untertitels befremdlich, auch wenn schon im Vorwort darauf hingewiesen wird, dass die "heterogenen Hintergründe" der Aufsätze es nicht erlauben, sie als Einheit zu betrachten.

          Problemlos könnte man die Sammlung also als einen etwas uneinheitlichen Diskussionsbeitrag zu jener Debatte ausmachen, die in dem von Kürzungen bedrohten Fach immer wieder aufflammt. Angetrieben wird diese Diskussion vor allem durch den intellektuellen Gegensatz zu der als übermächtig empfundenen amerikanischen Musikwissenschaft und durch das verspätete Nachdenken über die Verstrickung des Fachs in den Nationalsozialismus. Auch bedarf es nach Abschluss der großen Werkausgaben ganz offensichtlich einer Neuorientierung. Der jüngste Vorstoß kommt aber nicht, wie üblich, vom Rande des Faches, sondern aus der Mitte der universitären Musikwissenschaft. Lütteken, Konrad und Hinrichsen waren maßgeblich an dem Zürcher Kongress beteiligt.

          Und es werden auch durchaus aggressive Seitenhiebe ausgeteilt. So nennt Lütteken im Vorwort den unlängst veröffentlichten Dialog zweier Kolleginnen über "Methoden, Konzepte, Perspektiven" ein "durchaus umgangssprachlich getragenes, also willentlich nicht diskursiv angelegtes" Gespräch, das die "disziplinäre Entscheidung gewissermaßen zum forscherischen Privateigentum" mache. Später betont er, dass es nicht darum gehe, "Musik in einem banalen Anfall post-postmoderner Gefühlsseligkeit als anthropologische Konstante wohligen Gemeinsinns zu definieren". Doch warum diese Schärfe des Tons? Ist doch Kunstmusik ein Sonderfall von Musik, und was Musik ist, was sie sein kann, hat nicht zuletzt mit ihrer Bedeutung für das soziale Handeln zu tun.

          Dagegen bewegen sich Konrad und Lütteken mit ihrer Beschwörung der langen, bis in die Antike zurückreichenden Tradition des Faches, mit ihrer Betonung der Bildungsmacht und identitätsstiftenden Kraft von Kunstmusik auf streng traditionellem Terrain. Musikwissenschaft ist für sie nach wie vor eine historische Musikwissenschaft, die in der Beschäftigung mit der Schriftlichkeit der abendländischen Musik, in Analyse und Werkgeschichtsschreibung ihr Zentrum hat. Die Gegenwart kommt allenfalls vor, wenn es sich, wie bei Lütteken, um Bach-Interpretationen handelt. Die zeitgenössische Musik wird umstandslos mit den "Erzeugnissen einer kommerziell kalkulierten, allein auf die massenhafte affektive Wirkung angelegten Musikkultur" gleichgesetzt.

          Diese Auffassung bietet kaum Raum für neue Fragen. Wie komplex beispielsweise die Beziehungen zwischen Musizier- und Aufzeichnungspraxis sind, fällt bei einer Argumentation, die so unverwandt auf die "fundamentale Konsequenz" gerichtet ist, die die "Erfindung der Notenschrift" gezeitigt habe, zwangsläufig unter den Tisch. Dabei sehen sich gerade Konzepte wie das der "Sternstunde der Musikgeschichte", die Lütteken in den Bemühungen um Schriftlichkeit am Beginn des neunten Jahrhunderts erkennt, in demselben Band demontiert. So weist Hinrichsen unter Berufung auf Droysen nicht nur auf die "Historizität des Erkenntnisapparats" hin, sondern auch darauf, dass Kontinuität "keine den historischen Ereignisketten von selbst anhaftende Eigenschaft" ist. Vielmehr sei sie "immer schon ein Moment ihrer retrospektiven Konstruktion". In der Klärung des besonderen ontologischen Status des musikalischen Kunstwerks sieht Hinrichsen sogar eines der letzten großen Forschungsdesiderate. Die Besorgnis, dass Musik zu ephemer sein könnte, um als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung zu taugen, erhöht ihren Reiz als Gegenstand ungemein.

          Insofern hätte eine umgangssprachliche Konversation der Wahrheitsfindung durchaus dienen können. So aber blieben auch Peter Gülkes Bemerkungen beispielsweise zur Popularität klassischer Musik in Asien, zur Hirnforschung oder zur Improvisation ohne Wirkung, ganz zu schweigen davon, dass die Gender-Forschung, die Ethnomusikologie oder das Interesse der Öffentlichkeit an musikalischem Wissen über Musik in dieser Publikation so gut wie unerwähnt bleiben. Gerade angesichts der immer wieder vorgebrachten Klage, dass das Berufsbild des Musikwissenschaftlers zu wünschen übriglasse, wäre eine Öffnung der Diskussion gewiss nützlich gewesen.

          Ob man anstoßen wollte, damit nichts angestoßen werde? Dass man nicht die Absicht habe, in die Debatte über die Existenzform des Faches "auf systematische Weise nochmals einzugreifen oder ihr gar eine neue Richtung zu geben", hatte das Vorwort bekräftigt. Diese Bemerkung trifft wohl ins Schwarze. Christiane Tewinkel

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