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: Wehrlos gegen die Klangfluten

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Wie der auf stumm geschaltete Fernseher brummt - nervig. Das Sirren der Klimaanlage - quälend. Das eigene Blut, das durch die Adern rauscht - unerträglich. Menschen, die an einer Geräuschüberempfindlichkeit, einer sogenannten Hyperakusis, leiden, finden keine Ruhe mehr.

          4 Min.

          Von Chris Löwer

          Wie der auf stumm geschaltete Fernseher brummt - nervig. Das Sirren der Klimaanlage - quälend. Das eigene Blut, das durch die Adern rauscht - unerträglich.

          Menschen, die an einer Geräuschüberempfindlichkeit, einer sogenannten Hyperakusis, leiden, finden keine Ruhe mehr. Sie lauschen ungewollt Gesprächen in Nebenzimmern, die andere allenfalls als entferntes Brummeln wahrnehmen würden. Das Klingeln eines Telefons empfinden sie wie die Schüsse eines Maschinengewehrs, einen laufenden Staubsauger in ihrer Nähe als reine Folter. Zwar haben viele der Kranken ein völlig normales Gehör, aber ihre Toleranzgrenze gegenüber bestimmten Geräuschen und Lautstärken ist ungewöhnlich niedrig.

          "Etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland leidet unter dieser Überempfindlichkeit", schätzt Helmut Schaaf, Leitender Arzt an der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Seiner Erfahrung nach sind die Betroffenen der allgegenwärtigen klanglichen Reizüberflutung nicht mehr gewachsen. "Kommt dann noch Stress hinzu, kann das leicht zu einer Übersensibilisierung führen", sagt Schaaf.

          Derjenige, den sie trifft, wird buchstäblich hellhörig. Sein Gehirn kann die zahllosen akustischen Informationen nicht mehr richtig verarbeiten. Es selektiert nicht, was wichtig ist und was nicht. "Jedes Geräusch bedeutet dann eine Gefahr, der Körper ist in ständiger Alarmbereitschaft", sagt Schaaf. Schweißausbrüche, Herzrasen, Kopfschmerz, Verspanntheit und Blutdruckschwankungen sind nur einige der möglichen Folgen dieses Zustandes.

          Ein Patient schildert seine jahrelange Leidenszeit so: "Platzende Ballons erschreckten mich zu Tode, weil sich das Geräusch in meinen Ohren wie eine Detonation anhörte. Außerdem fühlten sich laute Geräusche häufig so an, als träfe der Bohrer eines Zahnarztes auf einen Nerv. Sie verursachten tatsächlich Schmerzen."

          Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor der Gezeitenhaus-Klinik in Bonn, einem Krankenhaus für Psychosomatische Medizin, rät in einem solchen Fall nur eines: "Wer körperlich oder seelisch schreckhaft auf normale Geräusche reagiert, Schmerz empfindet oder gar mit Angst reagiert, sollte sich unbedingt behandeln lassen." Davor schreckten allerdings viele Betroffene zurück. "Viele outen sich nicht, weil sie ohnehin als empfindlich verlacht werden und sich nicht ernst genommen fühlen."

          Das kann Elke Knör, Geschäftsführerin der Deutschen Tinnitus-Liga, nur bestätigen: "Viele Betroffenen ziehen sich zurück und meiden jegliche Geräusche, was ihr Gehör noch sensibler macht." Es entsteht ein Teufelskreis: Wer zum Ohrstöpsel greift, vergrößert sein Leiden nur. Besser ist es, sich mit leisen, aber angenehmen Klängen, etwa spezielle Entspannungsmusik, zu umgeben. "Wie für Tinnitus-Patienten kann es sinnvoll sein, einen Noiser, ein Rauschgerät, hinter dem Ohr zu tragen, damit sich das Gehirn langsam wieder an Geräusche gewöhnt", sagt Knör. Dabei wird dem Störschall durch ein weiches Dauergeräusch die Schärfe genommen. Hilfreich kann auch eine Musiktherapie sein.

          Schnelle Hilfe ist allerdings nicht unbedingt zu erwarten. Im Gegenteil: Vielen Kranken, die ihr Leiden mit ärztlicher Hilfe bekämpfen wollen, steht eine jahrelange Odyssee durch HNO-Praxen bevor. "Häufig wird verkannt, dass Hören ein psycho-physischer Prozess ist. Hören ist nie nur allein körperlich oder nur seelisch bedingt. Entsprechend sind beide Bereiche bei einer Behandlung zu betrachten", sagt Manfred Nelting.

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